Prof. Dr. Wilhelm Dangelmaier (53) ist Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik am Heinz-Nixdorf-Institut der Universität Paderborn. Er leitet zudem das Fraunhofer Anwendungszentrum für Logistikorientierte Betriebswirtschaft in Paderborn
Automobilunternehmen bieten ihren Kunden oft an, noch wenige Tage vor der Auslieferung ihre Fahrzeugausstattung ändern zu können. Trotz Zehntausender von Einzelteilen ist hier die Logistikkette offenbar bestens organisiert. Stehen andere Branchen vor der gleichen Herausforderung?
Dangelmaier: Durchaus, und es werden immer mehr. Ich sitze beispielsweise auf einem Bürostuhl, den es rein rechnerisch in Millionen Varianten gibt. Der Hersteller hat ihn nach meinen Wünschen gebaut und konnte dennoch nach wenigen Tagen liefern. Umdenken und sich neu organisieren müssen vor allem jene Branchen, die von Katalogangeboten auf kundenindividuelle Produkte umstellen.
Welche Auswirkungen hat dies auf die Firmen?
Dangelmaier: Da durch die kurzen Lieferfristen kaum zeitliche Puffer existieren, muss ein Betrieb unter Umständen in der einen Woche rund um die Uhr arbeiten und in der nächsten eine Pause einlegen. Der globale Wettbewerb fordert flexible Arbeitszeiten. Fast noch wichtiger ist, dass eine Firma ihre Organisation, ihre Strategie und ihre Prozesse den neuen Anforderungen anpasst, also klärt, was ihre Ziele sind, welche Produktvielfalt sie erreichen will, welche Lieferzeiten und mit welcher Fertigungstiefe. Erst dann kann sie darauf aufbauend die geeignete Soft- und Hardware wählen.
Doch in der Praxis sieht es oftmals anders aus ...
Dangelmaier: Ja, leider. Es genau andersherum zu machen, ist ein fundamentaler, aber weit verbreiteter Fehler. Viele Firmen verlassen sich auf aufwändige Technik, die auch oft noch falsch eingestellt wird. Später schiebt man die Schuld aufs System, obwohl es die Firmenleitung versäumt hat, zuerst die Ziele und Prozesse zu definieren. Mit einem durchgängigen Organisationskonzept und einer einheitlichen Denkweise braucht man nicht unbedingt modernste Technologien, um den Informationsfluss für eine gute Logistikkette zu gewährleisten.
Das Interview führte Sebastian Moser