Das neue Terminal verdoppelt die Kapazität des Münchener Airports auf 50 Millionen Fluggäste pro Jahr. Etwa 1300 Mitarbeiter sorgen künftig für eine reibungslose Gepäckabfertigung
Der Münchener Flughafen schafft neue Rekorde: Seit Ende Juni 2003 sind Flugreisen noch schneller und bequemer. Lediglich eine halbe Stunde brauchen Transferpassagiere im Idealfall, um von einem Flugzeug ins andere umzusteigen – ein europaweit neuer Spitzenwert. Von der dahinter steckenden logistischen Meisterleistung bekommt der Fluggast allerdings kaum etwas mit. Auf 50 000 m² im Keller des neuen Terminals 2 flitzen die Gepäckstücke mit 25 km/h über das weit verzweigte Gepäckband. Bis zu 15 000 Koffer kann die von Siemens völlig neu konzipierte Anlage in der Stunde befördern. Dazu werden diese in kleine Kunststoffwannen verladen, die nach links oder rechts abkippen können und die Koffer an der richtigen Stelle ausschleusen. "Der Transport in Wannen stellt sicher, dass sich kein Koffer verklemmt und macht die Anlage schneller als herkömmliche Laufbandsysteme", sagt Projektleiter Peter Wachendorfer von Siemens Dematic. Etwa 1 000 Siemens-Mitarbeiter waren in den vergangenen drei Jahren auf der Baustelle des Terminals 2 sowie am Siemens-Standort Fürth mit der Entwicklung und Realisierung der innovativen Förderanlage beschäftigt, die in Zusammenarbeit mit Crisplant als Konsortial-Partner errichtet wurde.
Schneller ans Ziel. Angetrieben wird die Anlage von über 19 000 frequenzgeregelten Elektromotoren – allesamt von Siemens. Gesteuert wird sie von einem redundant ausgelegten Rechnersystem und fast 200 SIMATIC® S7-Steuerungen. "Der Rechner ermittelt für jeden einzelnen Koffer zunächst den jeweils kürzesten Weg von der Einschleusung in die Gepäckförderanlage bis zum Zielband für den jeweiligen Abflug beziehungsweise in der Gegenrichtung zum Gepäckausgabeband der betreffenden Ankunft", so Wachendorfer. Beim Einschleusen in den Kreislauf erfassen Scanner die Barcodes von Gepäckanhänger und Wanne und verschmelzen Koffer und Behälter zu einer Transporteinheit – ab diesem Zeitpunkt ist nur noch der Barcode der Wanne von Interesse, der gut lesbar an allen Seiten angebracht ist. "Auch dies macht die Münchener Anlage schneller als übliche Laufbandsysteme, bei denen die direkt an den Koffern befestigten Etiketten manches Mal verdreht und damit schlecht lesbar sind", erläutert Wachendorfer. Knapp 27 500 Lichtschranken und 400 Behälterscanner sorgen an insgesamt 500 Knotenpunkten für die korrekte Weichenstellung bei der Navigation der Koffer durch die Anlage. "Sollte es in einzelnen Streckenabschnitten zu Störungen kommen, rechnet der Computer eine alternative Route aus und leitet um", sagt Wachendorfer.
Bis zu 15 000 Koffer pro Stunde kann die neue Anlage derzeit befördern. In der Gepäckleitwarte von Siemens (rechts) laufen die logistischen Fäden zusammen
Auch die seit Jahresbeginn vorgeschriebene 100-prozentige Reisegepäckkontrolle läuft im neuen Terminal schneller ab als etwa im Terminal 1. "Wir haben die Sicherheitskontrolle voll in die neue Anlage integriert", so Wachendorfer. "Während des Transports durchlaufen die Gepäckstücke automatisch die erste Röntgenstufe und nur bei Auffälligkeiten Stufe 2 und 3. Parallel dazu überprüfen die Rechner, ob sich zu jedem verladenen Koffer auch ein dazugehöriger Passagier an Bord des Flugzeugs befindet." Die logistischen Fäden der Hochgeschwindigkeits-Förderanlage laufen in der Gepäckleitwarte zusammen, die ebenfalls von Siemens installiert wurde. Sämtliche Prozessschritte werden auf zwei riesigen Projektionsflächen an der Wand nutzerfreundlich abgebildet. Bis zu sechs Mitarbeiter behalten diese rund um die Uhr im Auge.
Die Deutsche Lufthansa AG, die das neue Abfertigungsgebäude mit den Luftverkehrsgesellschaften der Star Alliance sowie weiteren Partnergesellschaften exklusiv nutzen wird, will den Flughafen München mit dem Terminal 2 als zentrale Drehscheibe weiter ausbauen. In Spitzenzeiten soll die dann erweiterte Gepäckförderanlage künftig sogar eine halbe Million Gepäckstücke pro Tag bewältigen.
Ulrike Zechbauer