Für ihre Flitterwochen haben Laura und Ray ein Hightech-Hotel gewählt. Ihr Zimmer hat Wände aus leuchtendem Kunststoff für Internet-TV, Bildtelefon oder programmierbare Erlebniswelten. Die Beleuchtung der Suite mischt je nach Wunsch dem einfallenden Tageslicht automatisch Kunstlicht bei. Im Hintergrund ein holografischer Blumenstrauß und ein automatisch fahrender Gepäckwagen
Wir konnten es schon von weitem sehen: das riesige Schild mit der blauen Schrift "Flitterwochen-Paradies". Der Schriftzug verwandelte sich in ein Bild mit Meer und Palmen und dann wieder in Buchstaben zurück. Das kreisrunde Hotel lag inmitten von Sand und Meer und sah genauso aus wie die kühle Oase, nach der wir uns nach der Hitze und den anstrengenden Hochzeitsfeierlichkeiten so sehnten. "Hier ist es", sagte ich triumphierend zu Laura, die in ihrem weißen Kleid bezaubernd aussah. "Oh, Ray", entgegnete sie in ihrem langsamen Louisiana-Südstaaten-Tonfall: "Es sieht noch besser aus als im Prospekt!"
Wir stiegen aus, und ich schaltete die Einpark-Automatik meines Wagens ein. Schon rollte ein intelligenter Gepäckwagen heran, der uns mit den Koffern zur Rezeption folgte. Dort begrüßte uns ein hünenhafter Page, der sich als Riccardo vorstellte, und uns zum Fahrstuhl begleitete. "Halten Sie Ihre Love Card einfach hierhin", erklärte er und deutete auf eine silberne Platte an der Fahrstuhl-Glaswand. "Sie bringt Sie direkt auf Ihre Etage."
Oben mussten wir bloß dem Licht folgen, das in den blauen Teppichboden integriert war. Vor uns an der Tür leuchteten die Worte "Willkommen in Sweet 901". Neckisches Wortspiel. Der Gepäckroboter war schon angekommen. Bodenleuchten in Herzform wiesen uns den Weg zum ebenso geformten Bett. Darüber eine Aussicht auf Strand und Palmen, auf einem Tischchen ein holografischer Blumenstrauß. Mir schien es fast zuviel des Guten. In dem Moment veränderte sich die Beleuchtung. Die Wände erstrahlten plötzlich in einem Ton, der perfekt zur Abendsonne passte. "Oh, Ray", murmelte Laura, als sie sich aufs Bett fallen ließ, "das hier ist das schönste ..."
"Darf ich einen Moment um Ihre Aufmerksamkeit bitten", unterbrach uns Riccardo unsensibel. "Ich möchte Sie noch mit ein paar einzigartigen Möglichkeiten dieser Suite vertraut machen." "Ach ja, richtig", sagte ich und langte nach dem Kleingeld in meiner Hosentasche, um ihn aus dem Zimmer zu komplimentieren. Ich erwartete das übliche Geleier über die Minibar hier und den Fernseher dort.
Aber bevor ich Riccardo zum Schweigen bringen konnte, hatte er schon ein kleines Gerät in der Hand und schob die "Love Card" hinein. Auf einmal schien die Wand neben dem Fenster zu verschwinden, und ich erinnerte mich daran, dass ich mich nicht nur wegen der Lage für das Hotel entschieden hatte, sondern auch, weil es mit seinen "Licht- und Erlebniswelten" warb.
"Darf ich?" fing Riccardo noch einmal an. "Das Zimmer hat Wände aus leuchtendem Kunststoff – dasselbe Material, aus dem heute schon viele Fernsehbildschirme sind. Und das hier ist Ihre persönliche Fernbedienung. Sie bietet Ihnen jederzeit die Unterhaltung oder Umgebung, die Ihr Herz begehrt. Sie können wählen zwischen Internet-TV, Bildtelefon, Video-on-demand, Fantasien für Erwachsene, Musik, Licht oder – unser beliebtes, ganz neues Angebot – Erlebniswelten. Aber Achtung: Die sind sehr realistisch."
"Das will ich sehen", sagte Laura und zwinkerte mir amüsiert zu. Jetzt erschien dort, wo zuvor die Wand war, ein Computermenü mit Punkten wie "Strandparadies", "Bergwildnis", "Traum aus Eis" oder "Fremde Planeten". "Ich nehme die Bergwildnis", sagte Laura. Eine Szene mit zerklüfteten Felsen, Bäumen und Gebirgsbächen erschien. Wirklich wunderbar gemacht. Eichhörnchen flitzten die Bäume rauf und runter. Rehe und Hasen liefen durch die Szene, und all das wurde vom Geräusch herabstürzender Bäche und tosendem Wind begleitet. Ein neues kleineres Menü zeigte nun Elemente wie "Jahreszeit", "Uhrzeit" und "Wetter". "Wenn Sie Ihre Erlebniswelt ausgewählt haben", sagte Riccardo, "können Sie sie nach Ihren Wünschen verändern." "Nach der Hitze im Auto hätte ich gerne einen kühlen Winterabend", bat Laura, und schon wurde im Handumdrehen aus dem Gras Schnee, und Wasser und Himmel nahmen ein eisig kaltes, winterliches Aussehen an.
"Super", sagte ich, stand vom Bett auf und gab Riccardo ein dickes Trinkgeld. Mit einer Dankesverbeugung reichte er mir die Fernbedienung. "Damit können Sie alles steuern", sagte er noch. "Ach so, die Raumbeleuchtung wird automatisch mit einem Anteil Tageslicht gemischt oder – wenn Sie wollen – auf das Wanddisplay abgestimmt." "Vielen Dank nochmals", sagte ich und Riccardo ging.
Plötzlich hörte ich hinter mir ein wildes Knurren, das mir einen Adrenalinstoß versetzte. Laura schrie entsetzt. Ein Puma hatte auf dem Wanddisplay eines der Rehe angegriffen, das einen angsterfüllten Ton ausstieß und mit einem verzweifelten Satz in die Büsche sprang. "Mach aus", flehte Laura, und ich ahnte, was Riccardo mit "sehr realistisch" gemeint hatte. Ich nahm die Love Card aus dem Gerät, und augenblicklich erhellte den Raum wieder ein freundliches warmes Licht. "Oh, Ray", sagte Laura erleichtert. "Vielleicht sollten wir jetzt doch unsere eigene Erlebniswelt gestalten."
Arthur F. Pease