Editorial
"Erst die Anwendung gibt der Innovation ihre Bedeutung"
Klaus Kleinfeld
Dr. Klaus Kleinfeld ist Mitglied des Vorstands der Siemens AG sowie Präsident und CEO der Siemens Corporation, USA
Siemens generiert drei Viertel seiner Umsätze mit Produkten, die seit weniger als fünf Jahren auf dem Markt sind. Was schließen wir daraus? Vor allem, dass Innovationen für unseren Unternehmenserfolg entscheidend sind – aber nur, wenn sie sich auch in eine Anwendung umsetzen lassen. Doch keine potenzielle Anwendung wird je das Licht der Welt erblicken, wenn sie nicht das Geschäft der Kunden stärkt. Dazu muss sie dem Kunden entweder mehr Leistung bieten, sein Geschäft ausweiten oder seine Kosten senken. Nur dafür ist man bereit, Geld auszugeben. Siemens ist zwar ein Technologie-Konzern, aber unsere primäre Aufgabe besteht nicht darin, neue Technologien zu entwickeln. Nein, wir beschäftigen uns mit der effektiven Lösung von Problemen unserer Kunden; dafür setzen wir unser technologisches Know-how ein.
Ein gutes Beispiel ist unser Vertrag mit dem U.S. Postal Service über das automatische Nachsendesystem PARS. Hier geht es darum, eine von uns neu entwickelte Technologie für Briefsortieranlagen einzusetzen, mit deren Hilfe die amerikanische Post Millionen von Arbeitsstunden und bis zu 420 Mio. US-$ pro Jahr einsparen kann. Zugleich wird die Beförderungsdauer für falsch adressierte Briefe von Tagen auf Stunden reduziert. Da sich unsere Vergütung nach den erzielten Einsparungen richtet, konnte uns der Auftrag erteilt werden, obwohl zunächst kein Budget zur Verfügung stand.
Natürlich gibt es die unterschiedlichsten Innovationen. Da sind solche wie die durchgängige Automatisierung in der Fertigung oder das vollständig digitale Krankenhaus, die ganze Industriezweige revolutionieren. Und dann gibt es andere, die eher unscheinbar wirken – wie etwa ein neues Handy-Design – und die trotzdem wirtschaftlich extrem wichtig sind. Kurzum, erst die Anwendung gibt einer Innovation ihre Bedeutung.
Um auf neue Ideen zu kommen, ist sicherlich die enge Zusammenarbeit mit externen Partnern ein sinnvoller Weg. Siemens hat Kooperationen mit vielen der besten Universitäten der Welt. Wie unser Bericht über die Zusammenarbeit von Siemens Corporate Research in Princeton mit US-Universitäten zeigt, profitieren davon alle Beteiligten: die Studenten, die Universitäten und unsere Geschäftsbereiche.
Dennoch: So bahnbrechend eine Innovation auch sein mag, sie muss vermutlich noch über Jahre hinaus mit existierenden Technologien konkurrieren. Denn diese sterben nicht einfach aus, sondern sie bringen ihrerseits wieder Innovationen hervor. Ein Beispiel: Die Vorteile, die Leuchtdioden und leuchtende Kunststoffe heute und in Zukunft bieten können, sind sicherlich beeindruckend, doch auch die konventionellen Beleuchtungstechnologien werden immer besser.
Wie der Titel dieser Zeitschrift Pictures of the Future sagt, sollte Forschung auf den Bildern basieren, die wir uns von der Zukunft machen. Sie muss eine Vision haben, in welche Richtung sich die Märkte und Technologien entwickeln. Doch eine solche Vision ist nur dann von Wert, wenn sie auf soliden Fundamenten steht. Als Disneyworld eröffnet worden war, soll ein Journalist zu einem Verwandten von Walt Disney gesagt haben, wie schön es doch gewesen wäre, wenn der Schöpfer von Bambi und Mickey Mouse die Eröffnung mit eigenen Augen hätte sehen können. Worauf der Verwandte entgegnete: Aber er hat es doch gesehen. Deshalb gibt es Disneyworld heute. Walt Disney kannte die Wünsche seiner Kunden – und auch wir müssen die der unseren kennen