Die Siemens Technology Accelerator GmbH hilft Mitarbeitern von Corporate Technology bei der Gründung ihrer eigenen Unternehmen. Gerade in frühen Unternehmensphasen ist ein solcher Partner überlebenswichtig.
Da Entwicklungszeiträume und geschäftliche Planungszyklen mitunter nicht genau aufeinander liegen, kann es vorkommen, dass Forscher bei Corporate Technology eine Entwicklung mit exzellenten Ergebnissen abschließen, aber der ursprünglich interessierte geschäftsführende Bereich inzwischen seinen Investitionsfokus verlagert hat", erklärt Dr. Thomas Lackner, Geschäftsführer des Siemens Technology Accelerators (STA). Wenn Siemens die Technologien nicht aufgreift, sie aber auf dem externen Markt sehr gute Erfolgsaussichten haben, können sie in Start-up-Firmen weitergeführt werden. "Die Bereiche geben eine Technologie gerne in den Markt, wenn sie aus den genannten Gründen nicht investieren möchten, eine Geschäftsbeziehung zum Start-up aber von beiderseitigem Interesse ist", sagt Lackner.
Die Funkschalter der Firma EnOcean kommen ohne Stromversorgung aus und können daher überall montiert werden
STA als Wegbereiter. Die Firmen EnOcean und Panoratio sind zwei von fünf Start-ups, die der STA seit 2001 gegründet hat. Die Forscher, die hinter den Innovationen stehen, haben nicht nur etwas Bemerkenswertes entwickelt, sie besitzen gleichzeitig Technopreneurship – den Willen, ihre Entwicklung in den Markt zu bringen. Der STA versteht sich dabei als Wegbereiter. "Natürlich stellen wir finanzielle Mittel zur Verfügung", sagt Lackner. "Wichtiger ist aber die Unterstützung, die wir darüber hinaus leisten." "Wenn man eine Firma gründet, Kunden, Geldgeber und Kooperationspartner sucht, erlebt man immer wieder Rückschläge", ergänzt Andreas Schneider, Vice President Sales von EnOcean. "Heute stehen wir auf solch soliden Beinen, dass wir sie problemlos verkraften. Das sieht in der Anfangsphase jedoch ganz anders aus."
EnOcean ist die bisher erfolgreichste Ausgründung des STA (siehe Beitrag über Start-ups/Spin-offs in Pictures of the Future, Frühjahr 2002). Die Grundidee ist, Energie, die von Natur aus vorhanden ist, intelligent umzuwandeln und damit Funksignale zu übertragen. Schneider heftet einen Lichtschalter an einen Baum, drückt darauf, und eine weit entfernte Gartenlaterne geht an. "Der Schalter hat keine Batterie", erklärt er. "Das Sendemodul kommt allein mit der Energie aus, die beim Kippen des Schalters freigesetzt wird." Während EnOcean hier auf Piezotechnik setzt, verwendet die Firma bei Sensorikanwendungen kleine Solarzellen. Die aktuellste Entwicklung ist ein Funksensor, der im Auto Reifendruck und -temperatur überwacht. Die Energie gewinnt er aus der Vibration des Reifens. "Hier liegt EnOcean sogar vor dem Businessplan", freut sich Thomas Lackner. "Der Eintritt ins Automobil-Zulieferergeschäft war erst später vorgesehen."
Feiern und Krisensitzungen. Doch vor dem Erfolg lag ein steiniger Weg. Zunächst mussten die Geschäftsbereiche davon überzeugt werden, dass der Schritt auf den freien Markt eine gute Idee wäre. Schließlich gelang es dem STA, den Bereich Automation and Drives als starken Promoter zu gewinnen. Es folgte eine sehr euphorische Phase, in der die Unternehmensgründung vorangetrieben wurde, bis plötzlich der führende Leitkunde absprang – trotz vorheriger Zusage auf Top- Management-Ebene.
Die Hochs und Tiefs, die in jeder Start-up-Firma auftreten – wie hier am Beispiel der EnOcean GmbH gezeigt – können wesentlich besser gemeistert werden, wenn man einen erfahrenen Partner wie den Siemens Technology Accelerator an seiner Seite hat
"Damit hatte niemand gerechnet", beschreibt Lackner die damalige Situation. "Der Glaube in die Vermarktbarkeit der gesamten Technologie war erschüttert." Doch es sind diese Momente, in denen der STA die Jungunternehmer nicht alleine lässt. "Wir haben eine Krisensitzung einberufen und vereinbart, zur ELTEC, einer führenden Messe für Gebäudetechnik, Schaltgeräte und Industriesteuerungen, nach Nürnberg zu gehen." Der Auftritt war ein grandioser Erfolg. Über 30 neue Kunden interessierten sich für die Technologie, und EnOcean wurde offiziell zum innovativsten Produkt der Messe gekürt. "Es war der STA, der uns im entscheidenden Moment zusammengehalten und uns Perspektiven aufgezeigt hat", sagt Andreas Schneider.
Die richtigen Pilotkunden. Das jüngste Unternehmen, das der STA betreut, ist die Panoratio GmbH. Michael Haft, Chief Scientific Officer, erinnert sich: "Ursprünglich sollte das Entwicklungsteam in einen geschäftsführenden Bereich wechseln. Die Personalabteilungen hatten sich schon geeinigt, als der Transfer platzte." Enttäuscht suchten er und seine Kollegen das Team von Dr. Lackner auf. Nach kurzem gewann der STA Karstadt/Quelle als Pilotkunden – für Michael Haft ein Volltreffer. "Die Kollegen vom STA waren bereit, sich auf unsere Ideen einzulassen. Wenn man eine Technologie zu einem so frühen Zeitpunkt übernimmt, dann ist das immer ein gewisses Risiko." Doch die Lösung von Panoratio passte genau auf die Anforderungen des Kundens. "Seitdem gab es keine solchen Tiefs mehr", sagt Haft. Gerade sind Projekte mit Siemens Power Generation und Siemens Health Services unterschrieben worden, und der STA ist mit Venture-Capital-Gebern in Verhandlungen. "Es wird eine Herausforderung, Risikokapital zu vernünftigen Konditionen zu bekommen." Aber die Zuversicht in den Partner ist da. "Beim STA sitzen Profis, die das alles schon ein paar Mal durchgemacht haben", sagt Dirk Owerfeldt, CEO von Panoratio.
Guido Weber
In den Datenbanken großer Handelsketten, Versicherungen oder Hersteller liegen zahlreiche Informationen über Millionen von Kunden – nicht selten mehrere Terabyte (1000 GByte) an Daten. Will man sie nutzen, um etwa eine Marketing-Kampagne zu optimieren, müssen Dutzende von Parametern als relevant identifiziert und miteinander verrechnet werden. Die statistische Auswertung liegt meist in den Händen von Experten des Rechenzentrums, doch viele Mitarbeiter in Management und Vertrieb brauchen solche Analysen aktuell und vor Ort.
Um dies zu ermöglichen, entwickelten die Experten um Dirk Owerfeldt, CEO der Panoratio GmbH, eine Art MP3 für Datenbanken. Beim MP3-Verfahren werden von Musikdaten die Signale abgetrennt, die für das Hörerlebnis nicht relevant sind. Analog überträgt Panoratio nur die Informationen in ein Datenbankabbild, die für Analysezwecke benötigt werden, etwa das Wissen um Zusammenhänge. Personen- oder Straßennamen, die viel Platz in einer Datenbank belegen, werden für Statistiken nicht gebraucht. Die verbliebenen Informationen werden durch ein neues, patentiertes Verfahren komprimiert und in eine Form gebracht, die blitzschnelle Analysen von bisher nicht erreichter Tiefe auf Standard-PC ermöglicht. So wird aus den ursprünglich Terabyte umfassenden Daten ein Abbild erstellt, das millionenfach kleiner ist: Seine Größe beträgt zwischen 800 kByte und 20 MByte. "Wir gehören damit in den Bereich der In-RAM-Lösungen, also Programmen, die sich während der Anwendung vollständig im Arbeitsspeicher befinden. Das gesamte Datenmodell befindet sich bei uns im RAM", sagt Owerfeldt.
Dies und die Beantwortung der Anfragen in Echtzeit wären schon zwei Herausstellungsmerkmale, doch Panoratio zielt auf Märkte, die noch höhere Anforderungen haben. Fließen in gängige Auswertungen 15 bis 20 Parameter ein, so sind es bei Panoratio weit mehr – so fordert eine Entwicklungsvereinbarung mit Siemens Power Generation (PG), über 1000 Parameter zu berücksichtigen. "Bei der Optimierung des Kraftwerksbetriebs wertet PG immense Mengen an sensorischen Daten aus," erklärt Owerfeldt. "Unsere Kunden wollen unter Vorgabe bestimmter Rahmenbedingungen den optimalen Betriebszustand wissen – auf Knopfdruck vom Laptop, der neben der Turbine steht." Die Abfragen müssen also auch von jedermann durchführbar sein. Um dies zu belegen, schiebt Owerfeldt lächelnd sein Notebook über den Tisch und fragt: "Was ist der optimale Betriebszustand, wenn der CO2-Sensor einen niedrigen Wert liefert, zugleich die Brennkammertemperatur hoch ist und der Schwingungssensor kein Turbinenbrummen meldet?"