Das Urteil des Verbrauchers: Testpersonen nehmen eine Waschmaschine unter die Lupe. Zugleich beobachten Experten des Siemens Usability-Labors in München durch eine Glasscheibe und auf Monitoren, wie der jeweilige Tester mit dem Gerät und den gestellten Aufgaben zurechtkommt
Ob Handy oder Heimkino, Produktionsanlage oder Kraftwerkszentrale – Dinge unseres Alltags haben ihre Tücken. Geräte sind mit Knöpfen übersät, Menüs unübersichtlich und Webseiten verschachtelt. Nutzer erwarten heute aber, dass Produkte zuverlässig funktionieren, bei einem guten Preis ein ansprechendes Design bieten und einfach zu bedienen sind. Bedienerfreundlichkeit, in der Fachwelt Usability genannt, wird zu einem schlagkräftigen Verkaufsargument.
Vor allem die Hersteller von Software haben die Zeichen der Zeit erkannt und kräftig in Usability-Forschung investiert. Sie reagieren auf alarmierende Aussagen wie jene des Beratungsunternehmens Nielsen Norman Group in Kalifornien. Demnach bringen sich e-Commerce-Unternehmen um die Hälfte ihres potenziellen Umsatzes, weil sich die Besucher auf den Webseiten nicht zurechtfinden. Bei US-Unternehmen wie Oracle, Microsoft oder dem Usability-Berater Human Factors International beschäftigen sich insgesamt Hunderte von Psychologen, Designern und Ingenieuren mit der Bedienerfreundlichkeit von Software. Dennoch: Trotz des wirtschaftlichen Potenzials (siehe Fakten und Prognosen zur Benutzerfreundlichkeit) räumten neben der Online-Branche lange Zeit nur einige Großkonzerne dem Thema Gebrauchstauglichkeit in der Produktentwicklung einen festen Platz ein. "Erst in den vergangenen drei Jahren haben immer mehr Unternehmen die Bedeutung erkannt", sagt Kerstin Röse, Juniorprofessorin für nutzergerechte Produktentwicklung an der Universität Kaiserslautern. "Von einer optimalen Usability-Umsetzung sind wir noch weit entfernt."
30 Jahre Erfahrung. "Technik muss nach den Bedürfnissen und Wünschen der Benutzer gestaltet werden", fordert Prof. Michael Burmester, Usability-Experte an der Hochschule der Medien in Stuttgart (siehe Interview mit Prof. Burmester). Genauso denkt Stefan Schoen, bei Siemens Corporate Technology Leiter des User Interface Design (UID) Centers. Aus seiner Praxis leitet er das Credo ab: "Technik kann noch so gut sein, wenn sie nicht bedienbar ist, bringt sie dem Nutzer nichts." Bei Siemens beschäftigen sich Experten seit mehr als 30 Jahren mit der Ergonomie von Geräten und Arbeitsplätzen, in den 80er Jahren kam auch die Gestaltung von Softwareoberflächen hinzu. Eng verzahnt in die Entwicklungsprozesse beraten Schoen und sein Team heute die Siemens-Bereiche. Sie analysieren, was Kunden brauchen, indem sie sie im Alltag beobachten und zu ihren Anforderungen befragen. Danach gestalten sie User Interfaces, also Schnittstellen zwischen Technik und Mensch, vom Konzept über Prototypen bis zur Umsetzung – ob Handys, Computertomographen oder Automatisierungssoftware. Das UID Center hat Standorte in München, Princeton und Peking mit rund 40 Mitarbeitern.
"Es bringt wenig, wenn Techniker mit einer fast fertigen Software zu uns kommen und uns auffordern, die Bedienbarkeit zu verbessern", sagt Nuray Aykin, Leiterin des UID Centers in Princeton. "Usability ist nur erfolgreich, wenn sie zu jeder Zeit in die Entwicklung eingebunden ist." Dann bringt der Aufwand laut Aykin einen hohen Ertrag: Der Markteintritt erfolgt rascher, weil durch fundierte Untersuchungen frühzeitig klar ist, wie das User Interface gestaltet sein muss. Mit heißer Nadel gestrickte Änderungen, die ein Produkt dramatisch verzögern können, sind dann oft vermeidbar. Aykins Kollege Schoen ergänzt: "Auch die Produktqualität ist besser, wenn die Anforderungen der Nutzer von Anfang an berücksichtigt sind." (siehe Beitrag Was Kunden wollen)
Hoher Anspruch. Im Juni 2003 tauschten mehr als 100 Experten aus nahezu allen Siemens-Bereichen in New York ihre Erfahrungen bei der benutzerfreundlichen Gestaltung für User Interfaces aus – von Handys über medizinische Geräte bis zu Bedienmenüs im Gebäudemanagement. "Als Technologieführer muss Siemens auch im Design hohen Ansprüchen gerecht werden", sagt Ruth Soenius, die sich mit der Darstellung der Marke Siemens beschäftigt. Soenius will den Siemens-Produkten ein wiedererkennbares Design geben. Dies ist heute nicht immer der Fall, etwa bei Oberflächen für Software. Microsoft habe in seinen Programmen durch die Wiedererkennbarkeit einen Wert für die Marke und dazu praktische Vorteile für die Anwender geschaffen, meint Soenius.
Dieses Konzept steckt auch hinter syngo und Soarian, den Software-Plattformen von Siemens Medical Solutions. Alle bildgebenden Verfahren, ob Röntgen, Angiographie oder Magnetresonanz-Tomographie, haben dieselbe Bedienoberfläche. Bei mehr als 45 Systemen der Medizintechnik finden sich die Nutzer mit syngo schneller zurecht und arbeiten sich rascher ein. Ärzte können ihre radiologischen Patientendaten verwalten und die Bilder auswerten, um mehr Informationen – etwa über einen Tumor – zu bekommen. Soarian beruht ebenfalls auf syngo-Designgrundlagen. Die umfassende Software fürs Krankenhaus orientiert sich an Arbeitsabläufen und synchronisiert alle Behandlungsschritte medizinisch sinnvoll und wirtschaftlich effizient (siehe Beitrag Was Kunden wollen).
Axel Platz von Siemens Corporate Technology hat das syngo User Interface mit den Experten der Medizintechnik konzipiert. "Gestalten heißt, in Fesseln tanzen" – mit dem Zitat des Bauhaus-Gründers Walter Gropius beschreibt Platz seine Arbeit. Denn gute Bedienbarkeit unterliegt strengen Kriterien, es gibt sogar ISO-Normen, die unter anderem verlangen, dass Systeme selbst beschreibend und steuerbar sind. Das heißt etwa, dass ein Computerprogramm dem Nutzer mitteilt, was es an bestimmten Stellen für eine Eingabe erwartet. Zu diesen Kriterien addieren sich die Vorgaben der Entwickler, die möglichst viele Funktionen einbauen wollen, und die Erwartungen der Nutzer an die Einfachheit. Aus diesem Mix zum Teil widersprüchlicher Anforderungen müssen Leute wie Platz eine Verbindung zwischen Technik und Mensch schaffen, die auch noch schön aussehen soll.
Bei syngo ist das gelungen. Platz zeigt stellvertretend eine Eingabemaske, mit der Ärzte zwei Computerbilder überlagern können (siehe Bilder unten). Dazu muss ein Bild in allen drei Raumrichtungen gedreht und verschoben werden können. Der ursprüngliche Entwurf bestand aus sechs Schiebereglern mit unklaren Beschreibungen und unzähligen Buttons. "Wir hätten natürlich die Schriften leserlicher, die Buttons größer und die Farben anders machen können", sagt Platz. Mit diesem Ansatz sei ein System aber nur beschränkt optimierbar. Große Sprünge gelängen nur mit völlig neuen Überlegungen: Jetzt ist auf der Schaltfläche ein stilisierter Patient im Zentrum, der mit Hilfe grafischer Tricks scheinbar in einer Kugel schwebt. Drei Regler für die Rotation des Bildes befinden sich auf der Kugel, die drei für das Verschieben weisen in die drei Raumrichtungen. "Für Ärzte ist dieses Design selbst erklärend", sagt Platz. Bei der Konzeption von syngo sei jede Menge Wissen zusammengetragen worden, das künftige Projekte bedeutend erleichtere, egal in welchem Siemens-Bereich. So arbeiten auch Automatisierungsexperten bereits mit Platz an innovativen User-Interface-Konzepten.
"Wir bauen nicht etwas, wir lösen etwas auf", meint der Designer. "Wenn unsere Arbeit gut geworden ist, ist sie nahezu unsichtbar." Die Aussagen machen deutlich, dass gutes User Interface Design auch von weichen Faktoren bestimmt wird und viel Gespür gefragt ist. So ist aufgesetzte Ästhetik eher schädlich, weil Anwender solche Produkte als nicht glaubwürdig einstufen. "Es muss schon der Zusammenhang zwischen Funktion und Gestaltung erkennbar sein", sagt Platz. "Aber wir müssen auch etwas erschaffen, das nicht so aussieht, als sei es von den Bedingungen diktiert."
Selbst erklärende Software: syngo, die Plattform für bildgebende Verfahren von Siemens Medical Solutions, lässt sich sehr intuitiv bedienen (oben). Rechts ein Detail: Der Designer Axel Platz wählte eine radikal neue, räumliche Darstellung, um Computerbilder einander überlagern zu können. Zuvor mussten die Ärzte unübersichtliche Schieberegler und Schaltflächen bedienen (rechts oben)
Doch die Fesseln lockern sich. Die Technik schreitet voran und gibt den Usability-Experten mehr Spielraum – stellt sie aber auch vor neue Herausforderungen. Am einfachsten wären Geräte oder Computer zu bedienen, verstünden sie unsere Sprache. Schon heute gibt es Sprachsteuerung bei Handys oder bei Auto-Navigationssystemen. Systeme mit Alltagssprache wird es aber nach Expertenansicht erst in einigen Jahren geben. Im Rahmen des im Juni 2003 abgeschlossenen Forschungsprojekts Embassi bauten die Partner ein Wohnzimmer der Zukunft, in dem Videorekorder, Fernseher, Ventilator, Licht und Jalousie aufs Wort gehorchen. Der Nutzer kann seine Sprachbefehle auch mit einem Fingerzeig oder der Fernbedienung kombinieren, um etwa den Raum zu erhellen. Diese kombinierbaren Eingabemöglichkeiten können durch Avatare unterstützt werden, die für Menschen eine Schnittstelle ins Internet darstellen (siehe Beitrag Das Handy als Lebensraum). Eine Rolle spielt auch das Zusammenwachsen der Kommunikationsgeräte. In einigen Jahren können Nutzer beispielsweise Musik aus dem Internet abrufen – auf dem Handy, einem PDA, dem Notebook, dem PC, dem Autocomputer und wohl auch dem Fernseher.
Sympathisches Produkt. Einen Trend, den nicht zuletzt die Experten des UID Centers von Siemens Information and Communication Mobile sehr ernst nehmen, ist die Personalisierung. Heute sind individuelle Handy-Klingeltöne der Renner. Künftige Produkte haben noch mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Solche Geräte sind sympathisch und machen Spaß, egal ob ein Handy einzigartig klingelt oder der Computer den Nutzer an der Stimme erkennt und die Programme lädt, mit denen dieser immer arbeitet. Forschungen ergaben, dass "Fun of use" entscheidend zur Attraktivität von Produkten beiträgt.
"Noch ist völlig unklar, wie man gezielt Dinge erzeugt, die beim Arbeiten Spaß machen", sagt der Fachmann Michael Burmester. Auch deshalb gewinnen Usability-Tests immer größere Bedeutung. In so genannten "Wizard of Oz"-Tests gaukelt ein Mensch dem Anwender vor, das System sei mit einer vollkommenen Sprachsteuerung ausgestattet. So können schon heute die Techniken von morgen auf ihre Alltagstauglichkeit überprüft werden. Ein interessantes Ergebnis: Viele Nutzer sind noch nicht reif für einen Sprachdialog mit dem Computer. Statt in normalen Sätzen zu sprechen – die heute bereits viele Systeme verarbeiten könnten – verwenden sie statische Ein-Wort-Kommandos. Das ist nicht die einzige Überraschung. Bei Usability ist viel Psychologie im Spiel. Menschen handeln oft anders, als vorher angekündigt. Und so bemühen sich UI-Designer manchmal auch vergeblich: Aus Usability-Gesichtspunkten wäre es sicher wünschenswert, ein Handy simpel auszulegen. Dann würden ältere Personen damit besser zurechtkommen (siehe Beitrag Internet ohne Hürden). Aber wenn der Kunde im Laden steht und die Wahl hat zwischen einem Gerät mit 50 und einem mit 100 Funktionen, dann nimmt er nicht selten das komplexere Handy – auch wenn er es vielleicht weniger gut bedienen kann.
Norbert Aschenbrenner