Benutzerfreundlichkeit – Usability-Labor
Was Kunden wollen
Im Usability-Labor von ICM: Getestet werden neue Handys, auch als Prototypen, und Zubehör wie ein Eingabestift (kleines Bild rechts). Die Versuchsleiter beobachten mit Videokameras, wie die Testpersonen mit den Geräten zurechtkommen (ganz rechts)
In dem Film "Was Frauen wollen" kennt der Protagonist plötzlich die Vorlieben und Wünsche der Frauen und gewinnt so ihre Herzen. Dem Hauptdarsteller Mel Gibson gelingt dieses Kunststück nur, weil er nach einem Stromschlag die Gedanken aller weiblichen Wesen in seiner unmittelbaren Umgebung hört. In einer ähnlichen, aber weit schwierigeren Lage sind alle Entwickler und Produktmanager: Sie sollen wissen, was Kunden wollen – können aber keine Gedanken lesen. Dennoch müssen sie nicht völlig im Dunkeln tappen. Ein erprobtes Werkzeug, ein Produkt vor dem Markteintritt an potenziellen Käufern auszuprobieren, ist ein Usability-Test.
"Oh Gott", stöhnt Olga Tsotsokou. "Man kommt sich ja vor wie drei Jahre alt." Die 30-Jährige ist eine von 15 Personen, die im Usability-Labor von Siemens Information and Communication Mobile (ICM) in München ein neues Eingabegerät für Text und Grafik für Handys ausprobieren. "Aber ganz ausgereift ist das noch nicht. Bleibt der Knubbel da vorne?" fragt sie interessiert. Versuchsleiter Volker Bogacki klärt sie auf: "Nein, das ist nur ein Prototyp. Wenn der Stift auf den Markt kommt, sieht das eleganter aus, und er wird viel schlanker sein." "Der ist wirklich noch ziemlich klobig", gibt Olga Tsotsokou unverblümt zurück, und wählt aus fünf angebotenen Versionen das Design, das ihr am besten gefällt.
"Uns sind ehrliche Antworten wichtiger als Höflichkeitsadressen", erklärt Lutz Groh, Leiter dieses Usability-Labors. In seinen Räumen testen Versuchspersonen jeden Alters Handys, Zubehör und Schnurlostelefone in allen Stadien der Entwicklung. "Wir sind in den gesamten Prozess eingebunden", sagt der gelernte Pädagoge. "Verheimlicht wird nichts – wenn das Resultat eines Tests schlecht ist, hilft das den Entwicklern schließlich, das Produkt zu verbessern." Durch eine Glasscheibe beobachtet er die Frau, die im Nebenzimmer gerade mit dem Stift einen Satz eintippt. Das Eingabegerät ist eine Innovation des Competence Centers User Interfaces von ICM, zu dem auch das Usability Labor gehört.
Handy mit Zauberstift. Wie mit einem Kugelschreiber kann der Nutzer mit dem Eingabestift auf beliebigen Oberflächen – sogar auf seiner Hose – schreiben, nur dass das Geschriebene unsichtbar bleibt und stattdessen auf einem Handy-Display erscheint. Im Test wird das auf einem Computermonitor simuliert, da die Software noch nicht in ein Handy integriert ist. Der Stift funktioniert mit einem Sensor in Verbindung mit einer komplexen Elektronik. Sie registrieren die Bewegungen und melden sie weiter. So kann der Nutzer Wörter eingeben, indem er Buchstabe für Buchstabe auf einer im Display abgebildeten Tastatur antippt. Auch die Übertragung handschriftlicher Zeichen ist möglich, etwa zur Markierung eines Treffpunkts auf einer Karte. Der Stift, der seine Daten via Bluetooth ans Handy übertragen soll, wird derzeit zur Marktreife entwickelt.
"Hey, das macht ja langsam Spaß", freut sich Olga Tsotsokou. Nach wenigen Minuten hat sie sich an die Handhabung des Stifts gewöhnt und tippt den Satz bei der Wiederholung bedeutend schneller ein. Der Versuchsleiter Bogacki kann das auch objektiv messen. Unbeobachtet von der Versuchsperson stoppt er für jede Aufgabe die Zeit mit. "Doch, so was würde ich mir kaufen", sagt sie schließlich. "Für einen Palm ist das ideal." Nun soll sie das neue Handy M55 begutachten. Hier ist eine Funktion namens Dynamic Lights integriert, die eingehende Anrufe oder SMS mit rhythmisch blinkenden roten Lichtsignalen anzeigt – seitlich und an der Vorderseite des Geräts. "Witzig", urteilt die Testerin trocken. Bogacki sagt ihr, sie solle jetzt verschiedene Blinkfolgen ansehen und beurteilen. "Sagen Sie alles, was Ihnen in den Sinn kommt", ermuntert er sie. "Ich finde das Feature nicht schlecht", meint Olga Tsotsokou. "Besonders für Gehörlose ist es sinnvoll, weil sie dann quasi sehen, wenn es klingelt."
"In letzter Konsequenz entscheidet natürlich der Produktmanager über das Aussehen und die Funktionen eines neuen Handys", sagt Usability-Experte Groh. "Aber wir können aufgrund unserer Daten ziemlich gut sagen, was ankommt und was nicht." Beispiel M55: Tests an einem Kunststoffmodell ergaben, dass die Versuchspersonen mit dem geplanten Design der Tasten nicht zurande kamen. "Daraufhin wurde die Anordnung leicht umgestaltet und der Tastenhub vertieft", berichtet Groh (siehe Fotos unten).
Der Kunde im Labor. Ein Usability-Test beginnt lange bevor die erste Testperson im Labor Platz nimmt – und er endet lange nachdem die letzte gegangen ist. "Wir schauen den Anwendern zu, wie und in welcher Umgebung sie mit einem Objekt umgehen, um typische Nutzungsszenarien und Anforderungen abzuleiten", erklärt Stefan Schoen, der Leiter des User Interface Design Centers von Siemens Corporate Technology. Zugleich befragen seine Experten die Anwender. "Was macht wer in welcher Weise mit welchem Ziel?" umreißt Schoen den umfangreichen Katalog.
Beliebt bei Ärzten: Das Krankenhausinformationssystem Soarian ist optimal an den Arbeitsablauf in einer Klinik angepasst. Ärzte und Bedienpersonal sehen auf einen Blick, welche Aufgaben sie in welcher Reihenfolge erledigen müssen
Wie wichtig der Kontakt zu den Nutzern ist, zeigt das Beispiel Soarian (In Fesseln tanzen und Bild oben). Um das Krankenhausinformationssystem weiter zu verbessern, besuchen Mediziner von Siemens Ärzte und Krankenhauspersonal im klinischen Alltag und erkunden deren Bedürfnisse. Mit Erfolg: Bisher haben mehr als 50 Kliniken die Software-Plattform bestellt. Bei Soarian sieht der Arzt auf einen Blick, welche Aufgaben er bei welchen Patienten erledigen muss. Die medizinisch dringendsten Informationen stehen dabei an erster Stelle. Für jeden Patienten kann er alle Diagnosen sofort abrufen. Verlangt der Arzt weitere Untersuchungen, schlägt ihm das System gezielt die medizinisch und wirtschaftlich sinnvollen Leistungen vor. Und der Arzt kann sich in einem Schritt Notizen in der elektronischen Patientenakte machen und Medikamente verordnen – bei allen anderen Software-Produkten muss der Arzt zwischen zwei Oberflächen wechseln.
Die Usability-Experten nehmen zudem eine Vielzahl von Siemens-Produkten unter die Lupe. Bei der Software Connexx, die zum Anpassen von Hörgeräten verwendet wird, erkannte das Team von Schoen etwa sofort, dass Hörgeräteakustiker für Klangbeispiele externe Geräte verwenden mussten. In der neuen Version, die 2004 auf den Markt kommt, sind nun Klangdateien für verschiedene Hörsituationen integriert. Außerdem unterstützt die Software den Händler bei der Auswahl und der Bestellung des richtigen Hörgeräts, und der Kunde kann Bilder des am Ohr befestigten Geräts schon während des Beratungsgesprächs anschauen (siehe Fakten und Prognosen zur Benutzerfreundlichkeit).
Handy aus Kunststoff: Mehrere Modelle des Mobiltelefons M55 dienten dazu, die Anordnung und den Hub der Tasten ergonomisch zu optimieren
Ausgewählte Testpersonen. Nach den Voruntersuchungen findet der eigentliche Usability-Test statt, in dessen Konzeption alle bisherigen Ergebnisse einfließen. Auch die Auswahl der Testpersonen spielt eine Rolle: Ihre Herkunft, ihre Ausbildung, und ob sie das zu testende Produkt in einer früheren Version schon kennen. "Wir laden von jeder Zielgruppe etwa fünf Leute ein", sagt Schoen. Aus den Beobachtungen und den Antworten der Testpersonen leitet das Usability-Team dann Verbesserungsvorschläge ab. Wie dringlich sind bestimmte Änderungen, was fallen dabei für Kosten an? Bei der Hörgeräte-Software Connexx ergab der Test, dass die Software für Händler ohne Fachausbildung zu komplex war. Gelernte Hörgeräteakustiker dagegen forderten die Möglichkeit der ausgefeilten Feineinstellung des Geräts. Jetzt gibt es beide Wege. Ein Bedienmodus ermöglicht die Anpassung eines Hörgeräts weitgehend automatisch; der Händler muss weniger als zehn Parameter eingeben. In einem weiteren Bedienmodus können Experten die volle Variationsbreite von mehr als 50 Parametern nutzen.
Gute Testnoten. Im ICM Usability Labor hat Testerin Olga Tsotsokou inzwischen die abschließende Befragung hinter sich. Sie war die letzte der 15 Versuchspersonen. Nun beginnt für Usability-Lab-Chef Lutz Groh und sein Team die Auswertung. Für den Eingabestift erweist sich die Usability-Untersuchung als hilfreich. Zum einen gaben die Tester dem Stift bezüglich der Handhabung gute Noten, was die Entscheidung stützt, ihn als Zubehör anzubieten. "Die Leute würden so was gerne benutzen; die Texteingabe bereitet ihnen sogar ein gewisses Vergnügen", berichtet Groh. Zum anderen tendierten alle Tester zu einem bestimmten Design. Olga Tsotsokou hat der Usability-Test richtig Spaß gemacht. "Am Anfang bin ich mir etwas komisch vorgekommen, wie bei einer Prüfung", erzählt sie. Lutz Groh muntert sie auf: "Sie müssen sich nur sagen: Wir testen nicht Sie, sondern Sie testen für uns."
Norbert Aschenbrenner