Altwerden zu Hause im Jahr 2015: Ein großer Bildschirm ist zugleich Fernseher, Computermonitor und Anzeigetafel für Informationen. Die Unterhaltungs- und Haustechnik ist in einem Multimedia-System vereint, das seine Anweisungen über eine Fernbedienung oder per Sprache erhält. Avatare sind eine einfach zu bedienende Schnittstelle zur Technik. Senioren können zu ihrer eigenen Sicherheit auch Gesundheitsdaten an ein medizinisches Servicezentrum übermitteln
Kurz nach dem Frühstück erreichte sie der Video-Anruf. Olivia Berger drückte den Empfang-Knopf auf ihrer Fernbedienung und sah das besorgte Gesicht ihres Sohnes Bernd. "Hallo Mutter", sagte er. "Wie geht es dir?" "Prima", entgegnete Olivia, unterließ es aber, den Schalter zur Übermittlung des eigenen Bildes zu betätigen. Sie hatte sich nach dem Duschen nicht frisiert und saß mit ihrem grauen Haargewirr vor dem großen Bildschirm im Wohnzimmer. "Ich war gestern Abend im Theater, Goethes Faust als Ballett. Was gibt's?" "Ich rufe nur an, weil, ich hatte gestern kein gutes Gefühl", druckste Bernd herum. "Das ist lieb von dir. Aber es war alles OK. Ich hatte mich nur ein bisschen hingelegt." "Gut, dann bin ich beruhigt. Du klingst recht munter. Sag mal, hast du am Samstag schon was vor?" "Nein", antwortete sie, und ihr Herz hüpfte. "Soll ich euch die Kinder abnehmen?" "Das wär' klasse." Bernd strahlte. "Dann könnten wir mal alleine zu einem Gartenfest gehen." "Kein Problem. Ruf' einfach an, wann ihr die beiden bringt." "OK, Mutter, machen wir. Vielen Dank."
Olivia scheuchte ihre Katze Pebbles von der Kommode; dabei fiel ihr Blick auf das elektronische Porträt von ihr. Tatsächlich, der Ball von gestern war kleiner und blasser als die anderen. Kein Wunder, dass Bernd sich gemeldet hatte. Die Bälle symbolisierten ihre Aktivität an jedem Tag. Zunächst war sie dieser Technik gegenüber misstrauisch gewesen. Aber es funktionierte gut. Das System ist dafür gedacht, dass ältere Menschen in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben können. Sensoren zeichnen ihre Bewegungen auf, auch die Nutzung des Heimnetzes oder von Haushaltsgeräten.
Daraus berechnet das Home-Care-System ein Aktivitätsmuster, stellt es als bunten Ball dar und überträgt es verschlüsselt an ihre drei Kinder, bei denen dieselben Porträts stehen. Wenn sie sich wie gestern wenig bewegt, wird der Ball blasser. Die Kinder bemerken das und erkundigen sich dann, wie es ihr geht. Einmal am Tag verwendet Olivia auch ein kleines Diagnosegerät, das Puls, Blutdruck und einige Blutwerte misst und an eine Gesundheitszentrale schickt. Bei Unregelmäßigkeiten meldet sich sofort ein Arzt.
Gestern hatten die Sensoren registriert, dass sie sich mehrere Stunden nicht bewegt hatte, und am Abend war sie gar nicht da. Das hatte sie vergessen, dem System mitzuteilen. "Frankie!" rief sie zu ihrem Bildschirm gewandt, und die Comicfigur ihres Avatars tauchte auf. "Was ist, Olivia?" fragte Frankie, den sie nach einem Schauspieler aus ihrer Jugend benannt hatte. "Frankie, bitte schalte das nächste Mal die Datenübermittlung an das Home-Care-System ab, wenn ich mich hinlege oder abends weggehe. Ich vergesse das offenbar immer. Und schicke eine Mail an meine Söhne Dominik und Thomas, dass es mir gut geht." Sie musste jeden Befehl an den Avatar ihres Mediensystems mit seinem Namen beginnen, damit er sich angesprochen fühlt. "Verstanden", sagte Frankie. "Bitte mit der Fernbedienung bestätigen."
Die Fernbedienung ist ein kleiner Taschencomputer mit Display. Damit kann Olivia fast alles im Haushalt bedienen. Alarmanlage, Jalousien, Licht, Heizung, den Haushaltsroboter Arnie und natürlich ihr Mediensystem, in dem Musik, Video, Fernsehen, Telefon und Internet vereint sind. Früher gab es für alles eigene Geräte. Und eigene Fernbedienungen. Heute kann sie mit dem kleinen Gerät auch per Sprachbedienung telefonieren und es bequem an ihrem Gehstock befestigen. Als ihr sinnierender Blick auf Pebbles fiel, der bei Arnie in der Küche saß, schüttelte sie lächelnd den Kopf: "Du bist die erste Katze, die schnurrend um einen Roboter herumstreicht!"
"Olivia", riss Frankie sie aus ihren Gedanken. "Ich sollte doch nach der Columbo-Folge von 1968 suchen, in der es um den Psychiater geht. Sie wird heute auf Star TV gezeigt." "Frankie, bitte nimm den Film auf DVD auf", sagte Olivia. "OK", sagte Frankie. "Bitte bestätigen." Olivia bestätigte und prüfte dann ihre Lebensmittelbestellung. Größere Mengen, auch Tiefgekühltes, ließ sie sich nach Hause in ihre SkyBox bringen, die von außen zugänglich ist. Brötchen oder Milch holte sie selbst. Für die Enkel wollte sie aber Süßigkeiten und Eis vorrätig haben. Sie wählte sich in das Bestellsystem ein und orderte Schokolade und einen Liter Vanilleeis. Olivia freute sich jetzt schon, wenn die beiden Kinder durch ihre Wohnung toben und ihre versenkbare Rampe an der Treppe wieder zur Rutschbahn machen würden. "Das Home-Care-System wird große bunte Bälle anzeigen", dachte sie.
Norbert Aschenbrenner