Benutzerfreundlichkeit – Accessibility
Internet ohne Hürden
Experte ohne Augenlicht: Klaus-Peter Wegge leitet die Arbeitsgruppe Accessibility am C?LAB in Paderborn. Er hat 1994 einen Internetbrowser für Blinde entwickelt
Klaus-Peter Wegge streicht über die Tastatur meines Handys. "Der taktile Nippel auf der 5 liegt an der richtigen Stelle – das muss ein Modell aus neuerer Produktion sein." Stimmt, dieses Siemens S55 ist erst ein paar Wochen alt. Und die Quittungstöne beim Einschalten funktionierten jetzt korrekt, stellt Wegge fest. "Im ersten Software-Release wussten Blinde nicht, ob ihr Handy an war und wann sie die PIN eingeben sollten."
Wegge weiß, wovon er spricht: Der Informatiker ist selbst blind und leitet eine kleine Arbeitsgruppe am C-LAB, dem gemeinsamen Forschungs- und Entwicklungslabor von Siemens und der Universität in Paderborn. Wegges Team beschäftigt sich mit der Accessibility – der Techniknutzung älterer und behinderter Menschen. Oft sind es Kleinigkeiten, die Körperbehinderten bei Telefonen oder Waschmaschinen Probleme bereiten – wie der fehlende Quittungston bei den ersten S55-Handys. Das sei dem Entwickler wohl einfach durchgerutscht, vermutet Wegge.
Damit ihm so etwas nicht selbst passiert, hat der 43-Jährige ein Netz zu anderen Behinderten aufgebaut, die ihm die Tücken der Alltagstechnik ins Siemens Accessibility Competence Center nach Paderborn melden. Ein Bekannter machte ihn etwa darauf aufmerksam, dass – z.B. in grenznahen Gebieten – nicht erkennbar sei, ob sich ein Handy gerade ins deutsche Netz oder in die teureren Netze im nahen Ausland einbucht. "Da arbeiten wir an einer Lösung für die nächste Modellgeneration", verspricht Wegge. Ob unterschiedliche Quittungstöne besser sind oder eine Sperre für die ausländischen Netze, lässt Wegge offen. "Wir leiten die Entwickler an, aber wir schreiben ihnen nichts vor." Oft hätten die Fachleute in den Geschäftsbereichen rasch selbst interessante Lösungen parat, wenn sie erst einmal auf das Problem aufmerksam gemacht würden.
Sprachausgabe für SMS. Stolz sind die Experten am C-LAB auf die Schnittstelle der Siemens-Handys, die sich streng an alle Standards hält und die abgespeckt auch im neuen Siemens-Schnurlostelefon Gigaset® 5000 Micro eingebaut wird. Zum Beweis stöpselt Wegge eine Tastatur in Form eines Brillenetuis an das S55 des Autors und nach ein paar Tastendrucken liest das Gerät die gespeicherten SMS mit einer Frauenstimme vor. "Hoffentlich haben Sie da kein Schmuddelzeug drauf", schmunzelt der Informatiker.
1994 hatte Wegge auf der Computermesse CeBIT mit einem Internetbrowser für Aufsehen gesorgt, der Webseiten in reine Textdateien umwandelte und damit die Ausgabe über ein Brailledisplay für Blinde ermöglichte. Als Siemens Corporate Technology 1998 die Access-Initiative ins Leben rief, wurde Wegge sofort dafür engagiert und ist seitdem der Konzernexperte für behindertengerechte Technik. Der Aufwand lohnt: Mindestens 65 % aller Blinden benutzen ein Siemens-Handy, schätzt Wegge. In Zukunft könnten es noch mehr werden. Das neue SX1 lässt sich mit Software der Schweizer Firma Svox ausrüsten, die Menüpunkte und SMS vorliest.
In fast allen Siemens-Geschäftsbereichen gibt es mittlerweile Ansprechpartner, die sich um Accessibility kümmern. Sie zu überzeugen, falle aber oft nicht leicht. So seien Techniker eher zu begeistern, schössen manchmal sogar übers Ziel hinaus, sagt Wegge, während Produktmanager mitunter unnachgiebig seien, wenn sich eine Maßnahme scheinbar nicht rechne. Wegges Standardantwort, die meist überzeugt: "Allein in Deutschland sind 10 % der Menschen in irgendeiner Form behindert, das sind acht Millionen. Können Sie es sich leisten, die zu vernachlässigen?" Für Massenprodukte verweist Wegge auch auf den Nutzen für Nichtbehinderte: "Design for all" heißt die Devise.
Dass die Bemühungen fruchten, beweist das im Oktober 2003 neu auf den Markt gekommene Schnurlostelefon Gigaset E150, an dem Wegges Team maßgeblich mitgewirkt hat. Es hat unter anderem große Tasten, kräftigere Lautstärke für Hörer und Klingeltöne, Notrufknopf und eine große Schrift im Display. Wegge gesteht: "Die Entscheidung, ob das Gerät auf den Markt kommt, stand mehr als einmal auf wackligen Beinen." Auf keinen Fall solle das Telefon als "senioren- oder behindertengerecht" vermarktet werden, weil das stigmatisierend und schädlich für den Verkaufserfolg sei.
Ältere Menschen stellen besondere Anforderungen an ihre Umgebung. Im Projekt Sentha (Seniorengerechte Technik im häuslichen Alltag) erarbeiteten Arbeits- und Sozialwissenschaftler, Designer und Ingenieure mit Senioren als Beratern und Testpersonen technische Lösungen, die es Älteren ermöglichen, sicher, komfortabel und selbstständig zu leben (www.sentha.tu-berlin.de). Das Projekt endete im August 2003. Die Senioren – darunter auch pensionierte Siemens-Mitarbeiter – bewerteten z.B. an der TU Berlin Produkte hinsichtlich ihrer Bedienerfreundlichkeit und Sicherheit. Ein Ergebnis für das Teilprojekt smart home, in dem Forscher der BTU Cottbus ein Kommunikationsnetz für den Wohnbereich entwickelten, war, dass gut gestaltete Touchscreens Sprachsteuerungen überlegen sind. Dabei bevorzugen Senioren statt einem mit Wörtern arbeitenden Menü kleine Symbole, etwa eine Glühbirne für die Lichtsteuerung. Siemens Automation and Drives beteiligte sich an smart home mit der Installationstechnik, etwa dem Steuerungssystem instabus EIB. Ältere Menschen legen Wert auf Sicherheit, womit nicht nur Einbrüche gemeint sind. Auch Wasserschäden, Überhitzung oder Rauchentwicklung sollen gemeldet werden. Ein Panikschalter macht im ganzen Haus das Licht an und die Rolläden fahren hoch, das Telefon wählt eine Notrufnummer. Vernetzte Haushaltsgeräte bringen auch Bequemlichkeit: "Kochen meine Kartoffeln noch? Hab' ich die Kaffeemaschine ausgestellt?", das kann leicht festgestellt werden, wenn sich der Status der Geräte über ein zentrales Display ablesen lässt.
"Universelles Design nützt allen, auch Nichtbehinderten", sagt Prof. Christian Bühler vom Forschungsinstitut Technologie-Behindertenhilfe in Volmarstein. "Denn die Verschiedenheit der Menschen ist das Normale." Design für eine einfache Bedienung für Jung und Alt, behindert und nichtbehindert, habe deshalb eine hohe Marktattraktivität. Wie sich das Ziel erreichen lässt, demonstriert die Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH (BSH). Schon in die Entwicklungsprozesse fließen die Bedürfnisse von Behinderten anhand von Checklisten ein. "Die barrierefreie Gestaltung darf aber die Funktionalität nicht beeinträchtigen", fordert Susanne Stolz, Entwicklerin Anwendungstechnik für Herde bei BSH. Schließlich wollten auch behinderte Menschen nicht auf die neueste Technik verzichten. Mehrere Hausgeräte von BSH wurden bereits mit dem Breaking-Barriers-Award ausgezeichnet, unter anderem das Glaskeramik-Kochfeld EK 79054. Dort sind die Kochfelder nebeneinander angeordnet, Geschirre müssen nicht mehr über andere gehievt werden. Auch Nichtbehinderte schätzen laut Stolz Backöfen, die sich mittels Pyrolyse selbst reinigen, oder Kochfelder, die sich automatisch abschalten, wenn der Topf weggestellt wird.
Eine Musterküche hat BSH in der Ausstellung der Deutschen Gesellschaft für Gerontotechnik (GGT) in Iserlohn installiert. Bundesweit testen 650 Senioren für die GGT technische Produkte im Auftrag der Hersteller auf Bedienerfreundlichkeit. Die Tests finden sowohl in der Ausstellung unter Beobachtung der GGT-Ingenieure als auch zu Hause unter Alltagsbedingungen statt. Am Ende geben die Senioren in einem Fragebogen Auskunft, wie das Gerät ankam. Meist bemängeln die Tester Kleinigkeiten, die bei der Entwicklung umgehend berücksichtigt werden, manchmal sind auch größere Änderungen nötig. So lobten die Senioren zwar die großen Tasten eines Telefons, störten sich aber am Kabel. Der Hersteller reagierte und bietet nun auch eine Schnurlosvariante an.
Strenge Regeln. Brisanz hat das Thema Accessibility gewonnen, seit in den USA ein Gesetz in Kraft ist, das harte Strafen für Firmen vorsieht, wenn sie ihre Produkte nicht nach dem Stand der Technik für Behinderte zugänglich machen. Käme z.B. die Regulierungsbehörde FCC zu der Auffassung, ein Siemens-Handy sei nicht kompatibel mit Hörgeräten, hätte das automatisch zur Folge, dass das Unternehmen auch für Turbinen oder Medizintechnik nicht mehr an öffentlichen Ausschreibungen teilnehmen dürfte. "Sippenhaft" nennt Klaus-Peter Wegge das. Siemens sei so etwas noch nicht passiert. Dass in den USA aber mitunter überhastet gehandelt wird, hat Wegge selbst bei einer Kaffeepause in einem Schnell-Restaurant am Flughafen in Chicago erfahren. Auf seinem Kaffeebecher entdeckte Wegge einen Hinweis in Blindenschrift. Doch der Becher war heiß, und Wegge verbrannte sich die Finger, bevor er die Schrift lesen konnte. Später, am leeren Becher, las er dann die Aufschrift: "Vorsicht heiß". Gut gemeint, aber schlecht gemacht, findet Wegge.
Weniger drastisch sind die Sanktionen in Deutschland, wo seit Mai 2002 das Behinderten-Gleichstellungsgesetz gilt. Danach dürfen Behinderte nicht von der Nutzung des Internets und anderer technischer Möglichkeiten ausgeschlossen werden. "Alle öffentlichen Ämter müssen bis 2005 ihre Seiten behindertengerecht gestalten; in den Ländern gibt es ähnliche Gesetze", sagt Stefan Berninger vom Verein "Web for all" in Heidelberg. Die Initiative berät Firmen und Behörden bei der Gestaltung von Webseiten. Für Berninger, der im Rollstuhl sitzt, gilt im Web das Gleiche wie bei zu hohen Bordsteinkanten: "Behindert ist man nicht, behindert wird man."
Unter solchen Hürden leiden nicht nur Menschen mit Behindertenausweis. Der Hinweis "Klicken Sie auf den roten Button" nützt einem Farbenblinden nichts – und das sollen immerhin etwa 8 % aller Männer sein. 43 % der Behinderten bemängeln die schlechte Lesbarkeit und Navigation im Internet, ergab eine Umfrage des Bundeswirtschaftsministeriums. Das ist umso ärgerlicher, als das Internet für viele behinderte oder ältere Menschen das ideale Kontakt-medium ist. Etwa 80 % der Behinderten nutzen es, von den 50- bis 69-Jährigen mit Behinderung sind sogar 89 % mit dem Internet vertraut. Im Bevölkerungsdurchschnitt sind es nur 50 %.
Dabei muss eine barrierefreie Webseite nicht aufwändiger sein – wenn gleich von vornherein daran gedacht wird. Die Fachleute von "Web for all" empfehlen die Nutzung von so genannten Style Sheets, die eine Trennung von Gestaltung und Inhalt erlauben, damit Inhalte mit Sprachsoftware gehört oder mit Brailledisplay ertastet werden können. Zudem sollten Bilder, Logos oder Schaltflächen mit Alternativ-Texten hinterlegt werden. Diese Texte erscheinen, wenn man mit der Maus über ein Objekt fährt, werden aber auch von der bei Blinden beliebten Spezialsoftware in Sprache oder Blindenschrift umgesetzt.
Google ist vorbildlich. Schmunzeln musste Anna Courtpozanis, die bei "Web for all" Internetseiten testet, auch über den gut gemeinten Hinweis, den sie auf der Seite eines kommunalen Energieversorgers fand: "Sollten Sie den eingeblendeten Schriftzug nicht sehen, klicken Sie hier." Obwohl Courtpozanis die Schrift nicht sah, klickte sie nicht – sie ist blind. Weniger als 10 % aller Webseiten seien blindengerecht, immerhin 80 % der Seiten könne man mit Geduld und Erfahrung nutzen. Vorbildlich: die Suchmaschine Google. Ärgerlich: Seiten, bei denen immer neue Fenster aufgehen. Darin würden nicht nur "geile Girls" angepriesen, sondern auch Werbebotschaften, etwa auf den Seiten der Telefonauskunft, sagt Courtpozanis. Eine überraschend behindertenfreundliche Seite fand Klaus-Peter Wegge unlängst bei einer großen Erotik-Kette. Wegge grinst: "Bei dieser Seite ist es trotzdem schade, blind zu sein."
Bernd Müller