Zum siebten Mal hat Siemens 12 Erfinder des Jahres ausgezeichnet. Die innovativen Köpfe haben zusammen mehr als 360 Erfindungen gemacht, die von der Autoelektronik bis zur Medizintechnik, von optischen Netzen bis zur Computer-Neurowissenschaft reichen. Die Arbeitsplätze der Erfinder spiegeln die Internationalität von Siemens als Global Network of Innovation wider: Sie kommen aus Österreich und Deutschland genauso wie aus England, USA und Kanada. Wir stellen zwei Erfinder für die Themenschwerpunkte dieses Hefts ( Robotik und Internet) vor.
Gustavo Deco will die Informationsverarbeitung technischer Systeme ebenso effizient machen wie die biologischer
Das menschliche Gehirn wird immer mehr zum Vorbild für technische Systeme. Einer der Experten auf diesem Gebiet ist Gustavo Deco. Was geht im Kopf eines Menschen vor, der seine Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Objekt innerhalb einer sehr komplexen Umgebung konzentriert? Welche Gehirn-Areale arbeiten zusammen, welche Verarbeitungsprozesse laufen dabei ab? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Dr. Gustavo Deco im Forschungslabor von Siemens in München-Perlach (siehe auch Beitrag Intelligenz in Robotergehirnen). Ein von ihm entwickeltes, auf einer Gesamttheorie basierendes Modell erlaubt es nun erstmals, das menschliche Gehirn gleichzeitig auf allen drei neurowissenschaftlichen Ebenen der Psychologie, der Neurophysiologie und der Neurobiologie zu betrachten. Ziel seiner Forschungsarbeit ist es, die Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen auf Anwendungen in Medizin und Technik zu übertragen beziehungsweise sie nachzuahmen. So könnten Decos Forschungsarbeiten entscheidend dazu beitragen, die visuelle Wahrnehmung von Robotern zu verbessern, leistungsfähige Video-Überwachungssysteme zu bauen, Daten der Magnetresonanztomographie besser zu interpretieren oder Navigationssysteme im Auto zu optimieren, die Fahrbahnbegrenzungen, Markierungen oder Hindernisse sehr rasch und präzise erkennen.
Glasfaserkabel sind seine Welt: John Mansbridge entwickelt Systeme fürs Internet der Zukunft
Hält das derzeitige Wachstum beim Internetverkehr an, werden schon bald Datenströme von mehreren Terabit (1012 Bit) oder gar Petabit (1015 Bit) pro Sekunde bewältigt werden müssen. John Mansbridge entwirft die Geräte dafür.Im Siemens-Forschungszentrum in Roke Manor, England, hat John Mansbridge eine Technik entwickelt, mit der sich unglaubliche Datenmengen mit einem Minimum an Hardware managen lassen. Der RipCore Lightbus kann über 14 Glasfasern mehr als 100 Sende- und Empfangseinheiten verbinden, so dass sich eine Gesamt-Verarbeitungskapazität von über 5 Tbit/s ergibt. Ein auf dieser Technik basierender Router, der als eine Art Weiche für die Datenströme im Internet dient, nimmt weniger als ein Viertel des Platzes vergleichbarer Systeme ein und verbraucht weniger als die Hälfte an Leistung. Die LightBus-Architektur ist sogar bis zu 1,3 Pbit/s skalierbar dies entspricht dem Textinhalt aller Bibliotheken der USA. Mansbridge's Entwicklung erlaubt zudem eine stufenweise, bedarfsgerechte und kosteneffiziente Kapazitätserweiterung ohne Serviceunterbrechung (siehe auch Beitrag zum Internet der Zukunft).
Dieter Reinhardt, Leiter des Lizenzzentrums von Siemens, auf dem Weg zu Verhandlungen
Wer Patente auf dem internationalen Lizenz-Markt handeln will, braucht starke Nerven, Verhandlungsgeschick, Sorgfalt und einen guten Überblick über die Stärken und Schwächen seiner Firma.
Wenn Dieter Reinhardt wie so oft in den letzten Jahren dicke Aktenordner in seinen Koffern verstaut, dann ist er sich einer Sache sicher: Langweilig wird die Dienstreise auch diesmal nicht werden. Als Chefunterhändler und Leiter des Lizenzzentrums von Siemens führt er die Lizenzverhandlungen mit Firmen in aller Welt. Dabei kommt es oft auf kleinste Details an, und über manche Passage eines Patents wird tagelang gestritten. Besonders schwierig sind Verhandlungen für die Lizenzvergabe bei neuen Standards, z.B. dem UMTS-Standard im Mobilfunk; hier steht jedes zehntel Prozent Lizenzsatz für Millionenbeträge. Derartige Patente können zudem für zehn oder mehr Firmen interessant sein. Dies führt dann zu einer Verhandlungsrallye über mehrere Kontinente, die schon mal einige Jahre dauern kann.
Mit über 220 Patentspezialisten davon neun im Lizenzzentrum ist die Intellectual-Property-Abteilung von Siemens eine der größten Patent-law-Firmen der Welt. Ihre Ergebnisse bei der Patentlizenzierung können sich sehen lassen: Seit Gründung des Lizenzzentrums im Jahre 1999 sind weit über 100 Lizenzierungsvorhaben gestartet worden. Davon sind 20 bereits erfolgreich abgeschlossen, etwa 80 befinden sich im Stadium von Kontaktaufnahme, Verhandlungen, Vertragsgestaltung oder Klagevorbereitung. Die Fachleute erwarten, dass das Volumen der jährlichen Lizenzvereinbarungen in wenigen Jahren dreistellige Millionenbeträge () erreichen wird.
Teilweise geht es bei Lizenzverhandlungen zu wie auf einem orientalischen Basar", beschreibt Reinhardt die anstrengenden Sitzungsmarathons. "Neben akribischer Genauigkeit kommt es dabei auch auf Fantasie und eine gute Kenntnis der gesamten Technologie von Siemens an". Denn oft ist es ein Patent eines ganz anderen Siemens-Bereichs, das die entscheidende Wende bringt. So hat etwa ein Siemens-Patent aus der Verteidigungstechnik nämlich in Sendepausen die Senderleistung zu minimieren, um nicht geortet zu werden , später in der Entwicklung der Mobilfunkstandards eine entscheidende Rolle gespielt: Hier half es dann, Batterieenergie zu sparen. "Solche Dinge aufzuspüren, macht den Reiz unserer Arbeit aus", meint Reinhardt, der es unfair findet, wenn sein Beruf der langweiligen Juristerei zugerechnet wird. Und er wird nicht müde, um fähigen Nachwuchs zu werben: "Nicht zuletzt wird unser Job wegen der dazu erforderlichen Doppelausbildung auch gut bezahlt". Doch alles müssen selbst die besten Patentspezialisten nicht wissen: Sie werden durch eine global verfügbare Datenbank unterstützt, die den Fortgang aller Patentaktivitäten dokumentiert und Informationen zu allen Patenten enthält, auf die Siemens zurückgreifen kann.
Hartmut Runge
Die Zahlungen wegen der Lizenzierung von Patenten steigen in aller Welt stetig an. Allein in den USA sind sie mit 150 Mrd. US-$ heute 50-mal größer als vor 20 Jahren. Doch die Einnahmen müssen oft hart erstritten werden: So stieg die Zahl der Patentprozesse in den USA in den vergangenen Jahren um jährlich 8 % auf 2400 im Jahr 2000; die Zahl der ohne gerichtliche Auseinandersetzung erzielten Lizenzvereinbarungen dürfte ein Mehrfaches davon betragen. Auch Siemens ist von dieser Entwicklung betroffen die Zahl der Patentauseinandersetzungen, in die Siemens verwickelt ist, hat sich in den letzten zehn Jahren auf 160 Fälle verdoppelt