Pictures of the Future
Pictures of the Future – ein Verfahren, die Zukunft zu erfinden
Technologien mit hohem Wachstumspotenzial identifizieren, technologische Durchbrüche erkennen, künftige Kundenbedürfnisse und neue Geschäftsmöglichkeiten aufspüren – und all dies in einem systematischen Vorgehen erarbeiten: So will Siemens "die Zukunft erfinden".
Die Sprüche des Orakels von Delphi führten Ratsuchende oft in die Irre ...
Pythia, Nostradamus und ihre Kollegen hatten es leicht. Sie mussten ihre Prophezeiungen nur ausreichend nebulös formulieren, und schon war den vieldeutigsten Interpretationen Tür und Tor geöffnet. Heutige Unternehmensführer könnten allerdings mit den vagen Aussagen des Orakels von Delphi oder den kryptischen Zukunftsdeutungen eines Nostradamus wenig anfangen, denn zuverlässige Prognosen sind für den Geschäftserfolg von morgen unverzichtbar. Es gilt, in einem immer komplexer werdenden Umfeld und angesichts immer kürzerer Produktzyklen die Forschung und Entwicklung eines Unternehmens möglichst zielsicher und erfolgsorientiert zu steuern und die finanziellen Mittel effizient einzusetzen – all dies setzt aber voraus, dass man eine klare Vorstellung von den Technologien, Kundenbedürfnissen und Märkten der kommenden Jahre und Jahrzehnte besitzt.
Doch ein weltweit führendes Unternehmen wie Siemens kann sich nicht allein damit zufrieden geben, Trends zu prognostizieren: "Der sicherste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie selber zu erfinden und zu gestalten", formulierte es einmal Dr. Heinrich v. Pierer, der Vorstandsvorsitzende von Siemens. "Inventing the future heißt der Anspruch von Siemens – und dem kann eine Firma nur gerecht werden, wenn sie Trends nicht hinterherläuft, sondern erfolgversprechende Ideen und neue Wege frühzeitig erkennt, die Weichen entsprechend stellt und auf diese Weise zum Trendsetter für Innovationen wird.
Die Zentralabteilung Corporate Technology hat daher zusammen mit den geschäftsführenden Bereichen in den letzten Jahren ein Bündel leistungsfähiger Instrumente entwickelt, mit denen sich die FuE-Strategien systematisch und nachhaltig optimieren lassen. Das Ergebnis lässt sich in den Pictures of the Future veranschaulichen. Man geht dabei von zwei gegenläufigen Sichtweisen aus, die einander ergänzen: zum einen die Extrapolation aus der "Welt von heute" und zum anderen die Retropolation aus der "Welt von morgen".
Der Blick nach vorne, die Extrapolation, entspricht dem so genannten Road Mapping. Dabei werden die derzeit bekannten Technologien und Produktfamilien in die Zukunft fortgeschrieben und als Generationenfolge dargestellt. Man versucht möglichst präzise abzuschätzen, zu welchem Zeitpunkt etwas verfügbar ist und gebraucht wird. Der Vorteil dieses Verfahrens – die sichere Ausgangsbasis – ist zugleich sein größter Nachteil: Diskontinuitäten und Entwicklungssprünge lassen sich damit nicht vorhersagen. Bildlich gesprochen "fährt" man beim Road Mapping auf einer gut ausgebauten Straße, sieht allerdings sehr wenig von dem, was anderswo stattfindet – und vor allem weiß man nie, ob die Straße nicht plötzlich endet und man nicht längst einen anderen Weg hätte einschlagen sollen.
Das aber lässt sich mit einem komplementären Verfahren, der Szenariotechnik, besser beurteilen. Man versetzt sich dazu in Gedanken weit voraus in die Zukunft, um zehn, zwanzig, dreißig Jahre oder mehr – je nachdem, welches Arbeitsgebiet im Mittelpunkt der Betrachtung steht. Beispielsweise ist es wesentlich einfacher, zuverlässige Aussagen über die Energieversorgung in 30 Jahren zu treffen, als dies für die Informations- und Kommunikationstechnik im Jahr 2030 zu tun. Für den gewählten Zeithorizont wird dann ein umfassendes Szenario entworfen, das alle Einflussfaktoren wie die Entwicklung sozialer und politischer Strukturen, die Umweltbelastung und Globalisierung sowie die Technik-Trends und neuen Kundenbedürfnisse berücksichtigt. Daraus lassen sich schließlich durch Retropolation in die Gegenwart die Aufgaben und Problemstellungen identifizieren, die heute angegangen werden müssen, um in der Welt von morgen zu bestehen.
… dagegen weist das Siemens-Verfahren der Pictures of the Future einen klar strukturierten Weg in die Zukunft
Mit Hilfe der Kombination von Extra- und Retropolation – indem beide Betrachtungsweisen in Einklang gebracht werden – entwickeln die Siemens-Experten möglichst konsistente Bilder der Zukunft für die verschiedenen Arbeitsgebiete, eben die Pictures of the Future. Ihre Aufgabe ist nicht nur, Visionen aufzuzeigen. Sie dienen vor allem dazu, in einem systematischen, fortdauernden Prozess Zukunftsmärkte zu quantifizieren, Diskontinuitäten aufzuspüren, künftige Kundenanforderungen zu antizipieren und Technologien mit hohem Wachstumspotenzial und großer Breitenwirkung zu identifizieren. Daraus ergeben sich dann neue Geschäftsmöglichkeiten für die Produkte, Systeme, Anlagen und Dienstleistungen der Bereiche und eine stimmige technologische Zukunftsvision des gesamten Unternehmens.
Die Pictures of the Future sind damit für die Siemens-Innovationsinitiative zu einem wesentlichen Erfolgsfaktor geworden – und zu einem der nützlichsten Instrumente zur Optimierung der FuE-Strategie, denn sie entwerfen nicht nur ein konsistentes Bild der Zukunft, sondern zeigen auch, welchen Weg man einschlagen muss, um dorthin zu kommen. Darin unterscheidet sich das Erfinden der Zukunft vom reinen Vorhersagen der Zukunft.
Ulrich Eberl