e-Business – Elektronisches Geld im Jahr 2010
Das digitale Geld – Bezahlen mit Bits und Bytes
Geld wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten immer mehr zu einem immateriellen Gut. Ein Großteil der Zahlungsvorgänge wird in Bits und Bytes erfolgen – sei es beim Bezahlen im Internet, per SmartCard oder übers Handy. Dass Münzen und Geldscheine den Besitzer wechseln, ist eher die Ausnahme.
Schanghai Pudong International, im Juni 2010: "Ich bezahle noch schnell das Taxi", ruft Cynthia ihren Kollegen hinterher, die schon mit ihren Aktentaschen ins Flughafengebäude hasten. Cynthia Brown fischt ihr Handy aus der Handtasche und diktiert dem Taxifahrer hektisch die Nummer ihres virtuellen Kontos. Die Präsentation bei dem Venture-Capital-Unternehmen hatte länger als erwartet gedauert. Und dann der Verkehr – hätten sie doch den Transrapid genommen! Noch 25 Minuten bis zum Abflug. Trotz Reservierung könnte das knapp werden.
"Entwarnung!" ruft da eine Stimme hinter ihr. "Unser Flug hat zwei Stunden Verspätung", sagt Markus Zoller. Hinter ihm taucht Oliver Bach auf, dem beim Laufen die Krawatte über die Schulter gerutscht ist. Die drei sind nach Schanghai gekommen, um frisches Geld für ihr Biotech-Unternehmen aufzutreiben. Nun stehen sie verschwitzt, aber erleichtert vor dem Eingang. "Endlich mal eine Geschäftsreise, bei der ich noch ein bisschen shoppen kann", meint Bach. "Na dann mal los", ermuntert ihn Cynthia. "Ihr habt doch morgen Hochzeitstag."
Sie dreht sich zu dem Taxifahrer um, der auf sein Geld wartet. Die Rechnung bezahlt sie elektronisch. Dazu wählt der Taxifahrer die Nummer ihres Kontos und nennt den Betrag. Sekunden später summt ihr Handy und Brown bestätigt die Summe. Sie tippt ihren Code ein und spricht noch ein paar Worte, um sich per Stimme zu identifizieren. Schon ist die Zahlung perfekt. Ihre Bank überweist das Geld direkt an das Taxiunternehmen. Als Trinkgeld gibt sie dem Fahrer ein Fünf-Euro-Stück. Cynthia muss über das verblüffte Gesicht des Taxifahrers lächeln: offenbar hat er schon länger kein Bargeld mehr erhalten. Doch immerhin akzeptiert er auch Euro als internationale Währung...
Oliver Bach hat inzwischen eine Parfümerie gefunden. Unentschlossen steht er vor dem Regal, in dem die Kreationen hunderter Parfümeure stehen. Seine Frau liebt frische, blumige Düfte, aber nicht zu schwer. Etwas Besonderes sollte es schon sein. Endlich entdeckt er eine bekannte Schachtel – den Duft hatte seine Frau doch immer schon haben wollen. An der Kasse zückt er seine SmartCard. Die Dame hinter dem Tresen zieht die Karte an einem Lesegerät vorbei und reicht sie ihm zur Bestätigung zurück. Bach presst seinen Daumen auf ein kleines Feld am Kartenrand. Mit einem leisen Piepen meldet der Fingerabdruck-Sensor, dass die Karte vom rechtmäßigen Besitzer benutzt wird. Jetzt muss Bach den Betrag nur noch bestätigen. Das Geld wird später von seinem Kreditkartenkonto abgebucht.
Zufrieden schlendert er durch die Abflughalle. An einem Stand entdeckt er den neuen Band des berühmten Zauberlehrlings: "Harry Potter and the Ghost of Cambridge". Umgerechnet nur 25 €! Das Buch hat er schon zu Hause gekauft, aber da war es doch wesentlich teurer? Bach holt seine SmartCard heraus, identifiziert sich und fährt mit dem Daumen über ein kleines Display. Er betrachtet sich alle Transaktionen der vergangenen Woche. Da ist es: Beim Internet-Händler kostete das gleiche Buch 35 €. Aber sein Bruder hat bald Geburtstag. Kurz entschlossen kauft er gleich drei Exemplare – es werden sich schon noch ein paar Bekannte finden, denen er Harry Potters Erlebnisse an der Zauberuniversität schenken kann.
Auf einer Bank sitzt Markus Zoller und studiert die Anzeige des Rolldisplays seines Personal Digital Assistants. Er hat nur noch Augen für sein neues Auto. Gerade hat ihn der Software-Agent seines Händlers informiert, dass die in Auftrag gegebene Designstudie fertig sei. Zoller nutzt das Breitband-Sonderangebot des Flughafens und wählt eine 10-Mbit/s-Verbindung ins Internet. Auf den Seiten des Autohauses klickt er seine persönliche Seite an, auf der er alle Angaben ablesen kann. Ein Cabrio. Rot. Helle Sitze, Ledergarnitur. 4,5 l Super auf 100 km. Keiner der neuen Brennstoffzellen-Hybride, aber dafür mit der besten Multimedia-Ausstattung. Bis zum Design des Armaturenbretts hat Zoller alles selbst ausgesucht, individuelle Fertigung eben. Jetzt wird er erstmals das Ergebnis sehen.
Er holt seine Virtual-Reality-Brille aus der Tasche und schlüpft in seinen Datenhandschuh. Über einen Button aktiviert er die Übertragung. Der Rechner baut das Auto vor seinen Augen auf. Mit einer sanften Bewegung des Handschuhs kann Zoller das Fahrzeug drehen. Fasziniert betrachtet er den Sportwagen von allen Seiten. Mit dem Handschuh betätigt er den virtuellen Türgriff. Die Autotür springt auf und er blickt ins Innere. Plötzlich erscheint eine Computerfigur, offenbar der Avatar des Händlers, auf dem Bildschirm: "Herr Zoller, ein unschlagbares Angebot: Wenn Sie jetzt per e-Cash zahlen, gewähren wir Ihnen 8 % Rabatt!"
Zoller grinst. Er hätte den Wagen auch so gekauft. Er klickt auf das Kassensymbol, um den Betrag von seinem virtuellen Konto abbuchen zu lassen. Jetzt stellt der Rechner eine Verbindung zu seiner Bank her. Die Software verschlüsselt die Verbindung. Oliver Bach blickt ihm interessiert über die Schulter: "Ist denn das auch sicher?" "Klar", antwortet Zoller. "Da brauchst du schon einen Quantencomputer, um eine elliptische Verschlüsselung mit 512 Bit knacken zu können. Das sind 15 000 Bit RSA – und Quantencomputer gibt's heute noch nicht." Bach versteht zwar nichts, nickt aber bewundernd. Zoller tippt den Betrag ein, klickt auf "Überweisen" und beendet das Bankprogramm.
"Na, wart ihr erfolgreich?", fragt Cynthia Brown. "Ich habe mir einen seidenen Morgenmantel mit Drachenemblem gekauft." Zoller schaut hoch. "Nicht schlecht, aber das kann ich noch toppen: Ich habe mir gerade ein Auto gekauft." Der PDA meldet sich mit einem leisen "Ting" – eine V-Mail ist eingegangen. In einem kurzen Videoclip teilt ein sichtbar erfreuter Händler mit, dass das Geld bereits auf seinem Konto eingetroffen sei. Der Auftrag für den Wagen sei schon an das Werk übermittelt worden, ab sofort könne der werte Kunde den Produktionsfortschritt übers Internet verfolgen. Zufrieden klappt Zoller seinen Rechner zu und packt ihn in die Tasche. "Zur Feier des Tages lade ich euch auf einen Drink ein", sagt er. "Wie wär's mit einem Shanghai Surprise, eine Neukreation? Wir haben noch jede Menge Zeit, bis der A380 startet."
Norbert Aschenbrenner