e-Business – Experten-Interview e-Geld
"Mit dem Internethandel steigt die Nachfrage nach e-Geld"
Interview mit Hans Bauer
Bundesbankdirektor Hans Bauer, seit 1979 bei der Deutschen Bundesbank in Frankfurt tätig, ist seit 1990 Referent für Analysen der Kreditwirtschaft. Er befasst sich vor allem mit den Geschäftsstrukturen und der Ertragsentwicklung der Banken sowie den geldpolitischen Aspekten der Bankenaufsicht und des Zahlungsverkehrs*
* Im Interview wird die persönliche Meinung von Herrn Bauer wiedergegeben, die nicht in jedem Fall mit der Ansicht der Bundesbank übereinstimmen muss
Elektronisches Geld ist ja eigentlich nichts Neues. Geld wurde schon zu Morses Zeiten telegrafisch verschickt. Welche neuen Aspekte sehen Sie dennoch?
Bauer: Elektronisches Geld im Sinne einer telegrafischen Übertragung gibt es schon lange. Damit wird aber nur der Zugriff auf Guthaben bei einer Bank ermöglicht. Das ist das Buch- oder Giralgeld, vergleichbar einer Kreditkarte oder einer Überweisung. Aber unter e-Geld versteht man heute eigentlich etwas anderes, nämlich eine auf einem Medium gespeicherte Werteinheit, die allgemein für Zahlungen genutzt werden kann. Das ist tatsächlich eine völlig neue Form von Geld, die zu Bargeld und Buchgeld hinzukommt. Dabei fungieren die Werteinheiten auf dem Speichermedium als vorausbezahltes Inhaberinstrument. Die Wertübertragung erfolgt von Chip (oder Festplatte) zu Chip (oder Festplatte). Es ist nicht mehr nur eine Information, bei der die eigentliche Buchung auf den Konten der Beteiligten stattfindet, sondern die Kaufkraft ist in den elektronischen Einheiten verkörpert. Und dies ist völlig neu.
Zwischen welchen Formen von e-Geld unterscheiden die Fachleute?
Bauer:Zum einen das kartengestützte e-Geld, das die Europäische Zentralbank als Plastikkarten (SmartCard) definiert, auf deren Chips reale Kaufkraft gespeichert ist, für die der Kunde vorab bezahlt hat – also eine Art elektronische Geldbörse. Zum anderen das softwaregestützte e-Geld, das auf einer speziellen PC-Software beruht. Hier werden die elektronisch gespeicherten Werteinheiten über Telekommunikationsnetze wie das Internet oder den Mobilfunk ohne jegliche Verwendung einer Karte übertragen. Prinzipiell kann aber auch kartenbasiertes Geld mit Hilfe von Lesegeräten im Internet als Zahlungsmittel eingesetzt werden. Unter Netzgeld versteht man das durch Netze übertragene e-Geld; es kann karten-, aber auch softwaregestützt sein. Zukünftig werden sich die Grenzen immer mehr verwischen. Am besten spricht man nur noch von e-Geld.
Wo sehen Sie Vor- und Nachteile?
Bauer: e-Geld erleichtert sicherlich den Zahlungsverkehr in bestimmten Bereichen. Es bietet sich z.B. an, um kleine Beträge unbar und trotzdem kostengünstig zu zahlen, wie im traditionellen Einzelhandel oder an Verkaufsautomaten. Man kann hierfür natürlich auch die Kredit- oder Debitkarte (etwa die EC-Karte) einsetzen, nur ist das bei Beträgen in Höhe von ein paar Euro nicht sehr wirtschaftlich. Dasselbe gilt fürs Internet. Hier könnte das Bezahlen von Kleinstbeträgen einen starken Aufschwung nehmen, weil man auf einfache Weise anonym bezahlen kann. Natürlich birgt e-Geld auch Risiken: Verlust und Zerstörung wie beim Bargeld und ein neuartiges Fälschungsrisiko. Während gefälschtes Bargeld spätestens von der Zentralbank erkannt wird, könnten elektronische Werteinheiten illegal kopiert werden. Sie wären dann unter Umständen nicht mehr als Fälschung erkennbar. Andere Nachteile liegen in Fehlfunktionen des Systems, wenn z.B. die Karte nicht funktioniert. Natürlich könnte auch der Herausgeber von e-Geld in Konkurs gehen, was Vertrauensverluste der Verbraucher zur Folge hätte.
Erste Erfahrungen mit elektronischem Geld haben gezeigt, dass die Entwicklung bisher eher gedämpft verlief: Warum?
Bauer:Wie gesagt eignet sich e-Geld insbesondere für Mikrobeträge. Bei größeren Beträgen bietet nur der Zahlungsverkehr über Banken ausreichende Sicherheit. Auch ist e-Geld ein typisches Netzwerkprodukt, wo der Nutzen für den Einzelnen mit der Gesamtzahl der Nutzer steigt (wie beim Telefon). Es muss eine kritische Masse erreicht werden, was heute noch nicht der Fall ist. Es sind bisher einfach noch nicht genügend Nutzer und Akzeptanten von e-Geld, also Kunden und Händler, vorhanden. Auch ändern die Bürger ihre Zahlungsgewohnheiten nur allmählich.
Die Zunahme des E-Business, ob nun für Business-to-Consumer- (B2C) oder noch viel stärker für Business-to-Business-Geschäfte (B2B), ist einer der Treiber für die Einführung von e-Geld. Wie die untere Grafik zeigt, steigen die B2C-Umsätze in USA trotz des Einbruchs der New Economy weiter an
Wie viel Prozent der Geldtransaktionen laufen heute bereits elektronisch ab und wie sehen Ihre Prognosen aus?
Bauer: Auch hier wieder die Zahlen für e-Geld ohne die elektronische Übertragung von Buchgeld: Im Juni 2001 betrug der Umfang von e-Geld in Deutschland 62 Mio. €. Mitte 2000 waren es in der gesamten EU 140 Mio. €, das sind 0,04 % des Bargeldumlaufs. Prognosen sind allerdings schwierig: Ich erwarte in jedem Fall eine Zunahme, aber deren Geschwindigkeit ist derzeit nicht abschätzbar. Hier kommt es vor allem auf die Gebühren- und Kostenstrukturen im Vergleich zu anderen Zahlungsmitteln an, also was eine Kreditkarten-Transaktion oder eine Bargeldabhebung kostet. Je teurer diese sind, umso attraktiver wird vielleicht e-Geld. Doch auch e-Geld ist nicht umsonst. So gibt es eine Gebühr für den Ladevorgang und auch eine für den Händler bei jeder Transaktion mit e-Geld.
Bietet der elektronische Handel im Internet neue Chancen? Nach einer bekannten Zukunftsstudie, dem Delphi-Report, wird "elektronisches Geld als Zahlungsmittel in multimedialen Netzwerken bis 2007 eine entscheidende Rolle spielen".
Bauer: Ich weiß nicht, ob der Delphi-Report e-Geld genauso definiert wie wir. Aber von einem gehe ich auch aus: Wenn der Handel im Internet zunimmt, wird verstärkt mit e-Geld bezahlt, zumindest die Kleinbeträge. Doch auch dann wird nach wie vor wohl der größte Teil der Zahlungen im Netz mittels Buchgeld erfolgen. Es ist wieder eine Frage von Kosten und Nutzen. Bei der Installation eines e-Geld-Systems fallen zunächst hohe Fixkosten an. Die Grenzkosten sind allerdings sehr niedrig. Je mehr sich beteiligen, um so wirtschaftlicher wird es. Theoretisch ist das Expansionspotenzial sehr hoch, denn e-Geld ist für alle attraktiv: für die Banken, da die Kosten für Bargeldhandling wegfallen, für den Handel, da die Kosten für Bargeldverwendung und -lagerung entfallen sowie für den Kunden, der weniger Münzen und Kleingeld braucht.
Bargeld läßt sich aus dem heutigen Wirtschaftsleben kaum wegdenken. Dennoch publizierte die Bank of Finland eine Umfrage, laut der jeder Dritte glaubte, dass e-Geld bis 2010 das Bargeld ersetzen wird. Was denken Sie?
Bauer: Ich glaube nicht, dass e-Geld eines Tages Bargeld ganz ersetzen wird. Höchstens in gewissem Umfang, und Münzen vielleicht eher noch als Banknoten. Die Gründe dafür liegen in den einmaligen Eigenschaften von Bargeld, die bisher unerreicht sind: Bargeld ist gesetzliches Zahlungsmittel, es besteht Annahmepflicht, es ist weit verbreitet und absolut anonym. Auch wirken Neuerungen teilweise "kannibalisch": Sie verdrängen nicht nur Bargeld, sondern auch andere Instrumente des bargeldlosen Verkehrs. So könnte Netzgeld teilweise die Kreditkarte als Zahlungsmittel im Internet verdrängen. Zudem wird das Zahlen mit der EC-Karte als Debitkarte immer beliebter, was zu Lasten von Bargeld oder e-Geld gehen dürfte.
Wird es Unterschiede zwischen Business-to-Business, so genannten B2B-Geschäften, und dem privaten Gebrauch von e-Geld geben?
Bauer: Im B2B sehe ich weniger Anwendungen als bei Privatleuten. Zwar wird der Zahlungsverkehr zwischen Unternehmen heute schon weitgehend elektronisch abgewickelt, aber nicht im Sinne unserer e-Geld-Definition. e-Geld wird eher im privaten Bereich genutzt werden, von der Bezahlung des Parktickets über den öffentlichen Personennahverkehr bis zu sämtlichen Automatenzahlungen. Wer sein Busticket mit e-Geld zahlt, muss nicht nach Kleingeld suchen. Das Bezahlen wird einfacher und bequemer. Auch werden heute schon Rabatte gewährt, etwa für die e-Geldkarte. Mit ihr kostet das Parken in Frankfurt zum Teil 10 % weniger. Derartige Sonderrabatte können sicherlich als Anreiz für e-Geld dienen. Außerdem werden wohl künftig Programme und Dienstleistungen, die via Internet bezogen werden, nicht mehr gratis sein. Dies wäre ein weiteres wirtschaftliches Einsatzgebiet für e-Geld.
Wie groß schätzen Sie die Gefahr eines Missbrauchs der Systeme ein?
Bauer:Theoretisch könnte e-Geld für Geldwäsche oder auch Steuerhinterziehung missbraucht werden. Allerdings lassen sich diese Risiken dadurch begrenzen, dass über die Zahlungen ein Buchungsprotokoll geführt wird, also keine vollständige Anonymität besteht, dass nur kleine Beträge geladen und übertragen werden können und dass die direkte Weitergabe zwischen Privatpersonen eingeschränkt ist. All dies ist derzeit gegeben.
Müssen wir aber nicht vielleicht einen gläsernen Käufer befürchten?
Bauer: Ich denke, dass Sicherheit und Anonymität eines e-Geld-Systems in einem Spannungsverhältnis stehen, wobei keine der beiden zu 100 % verwirklicht werden kann. Je anonymer es angelegt ist, umso größer sind die Risiken und umgekehrt. In gegenwärtigen e-Geld-Systemen ist es möglich, die Beteiligten zu identifizieren, da normalerweise Schattenbuchungen vorgenommen werden. Aber eine Bank als Emittent von e-Geld wird kaum interessieren, wo der Inhaber einer bestimmten Karte geparkt hat. Wenn aber mehr e-Geld von Akzeptanten zurückfließt, als vorher auf eine Karte geladen wurde, dann möchte man schon wissen, wer der Karteninhaber ist. Denn in so einem Fall wäre es jemandem gelungen, die Sicherungsmaßnahmen zu durchbrechen. Hier helfen Schattenbuchungen, die Sicherheit zu erhöhen und Missbrauch zu vermeiden. Und das ist auch im Sinne des Käufers.
Wie lässt sich beim Bürger mehr Vertrauen in e-Geld erzeugen?
Bauer: Sicherheit und Zuverlässigkeit des e-Gelds sind bei einer Beschränkung der Herausgabe auf Kreditinstitute und eine laufende Überwachung am besten gewährleistet. Aber auch eine unkomplizierte Handhabung ist sehr wichtig. Je einfacher e-Geld übertragen werden kann – hierzu gehört auch die Ausstattung von Computern mit Lesegeräten –, desto mehr wird es für die Bezahlung im Internet verwendet werden.
"e-Geld ist für alle attraktiv: für Handel, Banken und Kunden"
Könnte die Kontrolle des Gelds den Banken aus der Hand genommen werden, könnten Firmen eigenes Geld drucken?
Bauer: In Deutschland ist die Herausgabe von
e-Geld den Banken vorbehalten. Auf EU-Ebene sind auch Nichtbank-Unternehmen als Emittenten zugelassen, allerdings werden sie der Bankenaufsicht unterworfen. Sie werden also zu Kreditinstituten erklärt, mit allen Konsequenzen wie statistischer Meldepflicht, Aufsicht, Mindestreserve, Rücktauschpflicht des
e-Gelds in Zentralbankgeld, aber auch direkte Refinanzierung bei der Zentralbank.
Welche Folgen hat das e-Geld für die Notenbanken?
Bauer: Wenn die Nachfrage nach Bargeld zurückgeht, weil es durch e-Geld ersetzt wird, dann wird die Refinanzierungsabhängigkeit der Kreditwirtschaft von der Zentralbank geringer und damit auch deren Möglichkeiten, den Geldmarktsatz durchzusetzen. Auf der anderen Seite wird ja auch schon jetzt Bargeld in hohem Maß durch Buchgeld ersetzt, ohne dass dies die Geldpolitik nachhaltig stört. Zudem spielt auch die Mindestreserve auf die Einlagen eine große Rolle: Dieser Satz beträgt derzeit für Buchgeld 2 % und könnte angehoben werden, falls der Bargeldumlauf stark zurückginge. Damit könnte man den Bedarf an Zentralbankgeld künstlich erhöhen. Eine weitere Folge von e-Geld könnte sein, dass die Geldmengenentwicklung volatiler würde, dass sich also die Umlaufgeschwindigkeit unerwartet ändern würde. Noch ist aber der Anteil des e-Gelds viel zu gering, als dass es die Zentralbanken vor größere Probleme stellen würde. Sie beobachten allerdings die weitere Entwicklung schon sehr aufmerksam.
Das Interview führte Sylvia Trage