Agenten, Bots und Avatare – Szenario 2015
Spezialagenten fürs Alltagsleben
In naher Zukunft wird fast alles miteinander vernetzt sein, ob Mobiltelefon, elektronische Zeitung, Roboter oder intelligente Haustechnik – doch wer lotst uns dann durch den Dschungel der Daten? Im Jahr 2015, so die Vision, könnten es unsichtbare Software-Agenten sein, die dafür sorgen, dass die Geräte kooperieren, Informationen austauschen und filtern und dem Nutzer an jedem Ort und zu jeder Zeit zur Verfügung stellen.
In der computervernetzten Welt des Jahres 2015 werden intelligente Software-Einheiten – Software-Agenten – die Menschen entlasten und ihnen lästige Routinearbeiten abnehmen
München, im Oktober 2015: "Entschuldigen Sie, dass ich störe, guten Morgen!" – Michael Schneider fährt aus dem Schlaf. Die Stimme ertönt noch einmal, diesmal beharrlicher. "Was soll das, Ernie, habe ich nicht gesagt, ich möchte nicht vor sieben Uhr geweckt werden? Es ist erst fünf Uhr dreißig", sagt der Architekt nach einem Blick auf seinen Wecker verärgert, dreht sich auf die andere Seite und schließt die Augen. "Es tut mir sehr leid", sagt Schneiders Service-Roboter, der seinem berühmten Kollegen R2D2 aus "Krieg der Sterne" verblüffend ähnlich sieht, "aber unser News-Agent hat gemeldet, dass heute am Flughafen ein Pilotenstreik stattfinden wird. Aus diesem Grund habe ich den Reiseagenten angewiesen, Ihren Flug nach Düsseldorf in ein Bahnticket umzubuchen und Ihre Präsentation um zwei Stunden auf 13 Uhr verschoben. Ihr Gepäck ist schon Richtung Bahnhof unterwegs, ein Taxi ist für sieben Uhr bestellt, Ihre elektronische Fahrkarte ist gebucht – und Ihr Frühstück ist fertig."
Während er isst, geht der Architekt noch einmal seine Unterlagen durch. El Grecos Gemälde "Blick auf Toledo" an der Wand verschwindet. Statt dessen erscheint auf der Kunststofftapete, die sich als elektronisches Display entpuppt, das Stahlskelett eines 20-stöckigen Hochhauses. Die nächsten Bilder zeigen das Gebäude in verschiedenen Bauphasen. Zum Schluss wird der Bau komplett mit Glasfassade abgebildet. "Und jetzt das Hologramm" – plötzlich schwebt eine dreidimensionale CAD-Zeichnung nur 2 m von Schneiders Tisch entfernt als Hochhaus-Miniatur im Raum. Farbige Linien zeigen das Gerüst eines filigranen Bauwerks, das sich langsam um die eigene Achse dreht. "Oben", befiehlt Schneider. Nun ist zu erkennen, dass das achteckige Gebäude im Kern hohl ist, ein Lichtschacht sorgt für Helligkeit im Innenhof, das oberste Stockwerk zeigt eine begrünte Dachterrasse.
Die automatisierte computervernetzte Welt des Jahres 2015 ist kein Hirngespinst. Einer der Treiber hierfür ist das World Wide Web. Schon jetzt übertrifft der Inhalt des Internets hinsichtlich seines Informationsgehalts bei weitem jede Bibliothek in der Welt. In den nächsten zehn Jahren wird sich das Internet, so die Experten, zu einer unerschöpflichen Quelle des Wissens entwickeln und die Welt zu einem Informationsnetzwerk zusammenschließen. Im globalen Dorf ist dann jederzeit und überall eine nahezu unbegrenzte Kommunikation und Mobilität möglich.
Vor diesem Hintergrund ist es nur logisch, eine Technologie einzusetzen, die die verteilten Daten automatisch bearbeitet. Dabei handelt es sich um so genannte Software-Agenten, intelligente Computerprogramme, die die Vorlieben und Wünsche ihrer Besitzer kennen und sie im Alltagsleben unterstützen und bei Bedarf vertreten. Derartige Heinzelmännchen planen Reisen, buchen Leihwagen, verhandeln auf Auktionen, helfen Stellensuchenden, einen Job zu finden und sorgen dafür, dass Maschinenparks und Speditionen optimal ausgelastet sind – und das alles tun sie völlig selbstständig im Auftrag ihres Besitzers. Unternehmen werden in die Lage versetzt, eine Reihe von Aufgaben wie Maklergeschäfte, Finanzverwaltung oder Kundendienst zu automatisieren, um Kosten zu sparen und effizienter zu wirtschaften. Internet-Surfer, Konferenzteilnehmer oder Verkaufsberater, die nicht an einem bestimmten Ort sein können, werden ihre Avatare in die Computerwelten schicken. Diese virtuellen Stellvertreter werden dann an Chats teilnehmen, Kunden in virtuellen Verkaufsräumen beraten, mit Geschäftspartnern verhandeln, mit Kindern spielen oder Kleidung kaufen. Mit Hilfe solcher Avatar-Technologien und von Content-Management-Systemen lässt sich der virtuelle Raum nahezu beliebig mit individuellen Daten anreichern.
Auch Service-Roboter sind keine Utopie – schließlich bestehen sie zu 90 % aus Software. Mit entsprechenden Funktechniken ausgestattet, sind sie in der Lage, mit anderen Systemen ihr "Wissen" auszutauschen. Allerdings dürfte ein intelligenter, elektronischer Hausdiener à la Ernie, der vorausschauend plant und agiert, noch etliche Jahre auf sich warten lassen. Eine große Herausforderung stellt unter anderem das Sprachverständnis dar. Unsere Alltagssprache – und der "gesunde Menschenverstand" – sind so komplex, dass die Entwickler noch lange an derartigen Programmen arbeiten müssen, um ein zufrieden stellendes Ergebnis zu erzielen.
"In fünf Minuten kommt Ihr Taxi", unterbricht Ernie. "Bitte beachten Sie, Ihre Mutter hat morgen Geburtstag, um 21 Uhr ist ein Tisch in ihrem Lieblingsrestaurant reserviert. Die Blumen sind bereits geordert. Sie müssten nur noch das Geschenk aussuchen." "Alles klar. Vergiss nicht, dass heute die Auktion ist. Ich will die seltene Who-Platte unbedingt ersteigern", trägt ihm Schneider auf und stopft seinen "persönlichen Assistenten" (PDA) in die Manteltasche. "Denk aber dran: nicht übers Limit gehen." "Der Auktionsagent ist schon programmiert", beruhigt Ernie.
Im Taxi steckt Schneider den PDA in das Rückenlehnen-Modul des Beifahrersitzes. Nur Sekunden später taucht Ernies virtuelle Inkarnation in Gestalt eines Avatars (siehe Definition im Beitrag Unsichtbare Helfer) auf dem Monitor auf und liest die neuesten Sportmeldungen vor. Am Münchner Hauptbahnhof steht der Zug schon abfahrbereit. Der Architekt macht es sich im Abteil des ICE 4 bequem und holt sein Notebook aus dem Gepäck. Bevor er sich um sein Projekt kümmert, ordert er über seinen Reiseagenten einen zweiwöchigen Toskana-Urlaub – ein Geschenk, über das sich seine Mutter bestimmt sehr freuen wird.
Als er anschließend seine Video-Mails durchforstet, erwartet ihn eine Nachricht seines Düsseldorfer Geschäftspartners: An der Konstruktion des Hochhauses wurde etwas geändert, er habe veranlasst, Schneiders persönlichen Agenten zu informieren. Schneider schaut sich noch mal die Pläne an. Er lehnt sich beruhigt zurück, sein Agent hat die Daten bereits aktualisiert.
Nanu, was ist jetzt los? Sein e-Mail-Assistent meldet eine dringende Mitteilung vom Bauleiter: "Drei Fachkräfte wegen Krankheit ausgefallen, Wassereinbruch im Untergeschoss, der Zeitplan ist nicht mehr zu halten!" "Von wegen", murmelt der Empfänger und antwortet: "Wozu gibt es Agenten für Workforce-Management-Systeme? Die stellen in null Komma nichts ein Team aus Fachleuten zusammen. Mein Agent wird sofort einen entsprechenden Auftrag vergeben. Sagen Sie mir, welche und wie viele Leute Sie benötigen. In zwei Stunden schicke ich Ihnen eine Mannschaft vorbei. Wäre doch gelacht, wenn wir den Zeitplan nicht halten würden."
Befriedigt lehnt sich Schneider zurück. Wenn sie heute Nachmittag zusammen mit ihrem Kunden das Gelände begehen, kann er mit Augmented-Reality-Brillen vorführen, wie der Neubau im endgültigen Zustand aussehen wird und mittels eingeblendeter Animationen Details vom Gebäudeinneren zeigen. Nun folgt der angenehme Teil seiner Reise. Er aktiviert wieder den PDA, auf dem Display des Geräts erscheint ein Schachbrett: Sein Spiele-Agent hat ihm einen Partner vermittelt, der ihm zwar nicht bekannt ist, der aber ein vergleichbares "Handicap" hat. Das Spiel kann losgehen, er ist am Zug.
Evdoxia Tsakiridou