Agententechnologie – Internationale Aktivitäten
Agenten unter internationaler Beobachtung
Obwohl die Agententechnologie seit Ende der 70er Jahre von der internationalen Forschergemeinde vorangetrieben wird, existieren noch keine eigenständigen Produkte in ausreichender Zahl. Auch die Standardisierung steckt voller Schwierigkeiten.
Die langsame Marktdurchdringung hat mehrere Gründe. Zum einen ist das Thema sehr komplex, denn die Forscher müssen Ansätze aus verschiedenen Disziplinen (Künstliche Intelligenz, Verteilte Systeme, Linguistik oder Sozialwissenschaften) vereinen. Zum anderen benötigen Agenten einen entsprechenden Aktionsraum. Basis dafür bilden so genannte Plattformen. Diese Programme kontrollieren den Zugriff von Agenten auf den Rechnern, die sie besuchen. Schließlich soll ein fremder Agent nicht alles "sehen", auf alles zugreifen oder gar Daten löschen können. "Derzeit gibt es mindestens 15 technologisch interessante Plattformen", berichtet Siemens-Forscher Michael Berger. Genau in dieser Vielfalt liegt die Schwierigkeit. Es müssen globale Standards geschaffen werden, die es den Agenten erlauben, in einer einheitlichen Infrastruktur zu agieren.
Anfang des Jahres 2001 startete das EU-Forschungsprojekt "Avatar Conference". Die beteiligten Forschungsinstitute und Firmen möchten eine virtuelle Konferenzumgebung schaffen, in der Unternehmen und ihre Geschäftspartner multimediale Meetings, Konferenzen und Präsentationen übers Internet abhalten können. Mit Hilfe von Avatar-Technologien und Mehrbenutzer-Plattformen wird den Teilnehmern ermöglicht, sich virtuell in einem Raum einzufinden, zu diskutieren, Wissen und Informationen auszutauschen oder Entscheidungen zu treffen – und das, ohne ihr Büro verlassen zu müssen. Ein "Content Management System" wird die virtuelle Konferenzumgebung mit Daten anreichern, auf die jeder Zugriff hat, und so das gleichzeitige Arbeiten an einem Dokument erlauben. Dabei ist auch ein Wörterbuch sowie ein Übersetzungsservice vorgesehen, um die Kommunikation mit den Gesprächspartnern zu verbessern. Derzeit werden ein erster Prototyp sowie Designstudien zu dreidimensionalen Konferenzräumen erstellt. Projektpartner sind außer dem Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart (Projektkoordination) eine Reihe von Firmen aus Europa sowie ein Vertreter aus den USA. Weitere Informationen unter www.info-engineering.iao.fhg.de.
Treten Sie ein in den virtuellen Konferenzraum und nehmen Sie teil an der ersten Avatar-Konferenz!
Bislang existierten diese elektronischen Hilfskräfte nämlich in einem ziemlich kargen Umfeld. Es fehlen gemeinsame Kommunikationsprotokolle sowie Verzeichnisse – etwa "Gelbe Seiten" –, aus denen sie Informationen beziehen können, um Entscheidungen zu treffen. Aus diesem Grund haben Forschung und Industrie 1996 die FIPA (Foundation for Intelligent Physical Agents) gegründet, der derzeit etwa 65 Mitglieder angehören. Ein weiteres wichtiges Gremium ist die OMG (Object Management Group), die den Interoperabilitäts-Standard Corba entwickelt hat und Normen speziell für die Verwaltung mobiler Agenten sowie für deren Funktionen empfiehlt. Die Mitglieder dieser Organisationen tauschen Erfahrungen aus, diskutieren die nächsten Entwicklungsschritte und versuchen, Standards ähnlich MPEG festzulegen. Dabei geht es darum, welche Komponenten für die Architektur eines Agentensystems benötigt werden und wie sie interagieren sollen. Steht die Architektur fest, wird im Test simuliert, ob das vorgeschlagene System funktioniert und wie es einzusetzen ist. Aus diesen Referenzanwendungen werden dann entsprechende Korrekturen abgeleitet. Darüber hinaus stehen zwei Gedanken im Vordergrund:
? bestehende Systeme mit in die Architektur einzubinden und
? nicht zu weit zu standardisieren, also das externe Verhalten zwar festzulegen, die Lösung jedoch den Entwicklern freizustellen.
Ein weiteres EU-Projekt läuft seit Herbst 2000: "Crumpet" (creation of user-friendly mobile services personalized for tourism), ein tragbarer Touristenführer und Tourenplaner für Individualreisende, der auf UMTS basiert. Daran beteiligt sind das European Media Laboratory (EML) in Heidelberg, das GMD-Forschungszentrum in St. Augustin, das britische Queen Mary & Westfield College, die Universität Helsinki und Unternehmen der Telekommunikationsbranche aus Finnland, Großbritannien und Portugal. Der Nutzer soll ortsspezifische, multimediale Informationen drahtlos auf sein Endgerät erhalten. Dafür beauftragt er einen Agenten, der dann mit anderen "Kollegen" in Kontakt tritt, um die entsprechenden Auskünfte zu organisieren (www.eml.villa-bosch.de).
Die meisten Firmen beschränken sich derzeit darauf, die Entwicklungen zu beobachten, denn der Markt für Software-Agenten ist noch sehr neu und wenig organisiert. Andere wiederum, die über die nötigen Ressourcen verfügen, führen sehr umfangreiche Entwicklungsprogramme durch, um auf dem weltweiten Agentenmarkt zu bestehen. Dazu gehören neben Siemens unter anderem Oracle, AT&T, IBM, Apple Computer und Logica. Daneben gibt es eine Reihe von Unternehmen, die sich mit speziellen Werkzeugen für die Agenten- und Wissensvermittlung sowie für die Netzwerk- und Schnittstellenkommunikation befassen, beispielsweise Edify, Lotus, Sun, Microsoft, Quasar, MicroStrategy und Hewlett-Packard.
Evdoxia Tsakiridou