Maßgeschneiderte Lösungen – Trends
König Kunde fest im Blick
Kunden haben immer individuellere Wünsche. Hersteller müssen deshalb Flexibilität und Geschwindigkeit in der Fertigung erreichen und doch preiswert produzieren. Für Siemens gilt dies doppelt: als Lösungsanbieter für eine flexiblere Produktion und als Produzent.
Priorität Kundenwunsch: Ziele sind vor allem eine kostengünstige Fertigung und flexible Einsatzmöglichkeiten. Hier Straßenbahnen für Budapest (links unten), Wien (rechts unten) und Lissabon (oben)
Es ist jeden Tag das Gleiche: Schlägt man die Zeitung auf, fallen zahlreiche Werbeprospekte für verschiedenste Produkte auf den Boden. Von Bettwäsche über Porzellan bis zu Hightech-Geräten – das Angebot scheint unendlich. Aber die wichtigste Botschaft der Zeitungsbeilagen ist, dass Produkte zu einem schier unglaublich günstigen Preis angepriesen werden. Slogans wie "Geiz ist Geil" von einer deutschen Elektronikkette oder "Save money. Live better." vom US-Discountgiganten Walmart sind bereits in die Alltagssprache übergegangen. Grund für die niedrigen Preise sind die unzähligen Anbieter, die im Zeitalter der Globalisierung auf den Markt drängen. Wer den Vorstellungen der Kunden entsprechen und den Niedriglohnländern Paroli bieten möchte, kann das nur mit zwei Hebeln schaffen: Innovation und maßgeschneiderte Produkte bei gleichzeitiger Verkürzung des Zeitraums vom Entwurf eines Produktes bis zu dessen Fertigung.
Individuelle Produkte und Lösungen müssen keineswegs automatisch teuer sein – vorausgesetzt, sie wurden clever entwickelt. Das beginnt schon beim modularen Aufbau eines Produktes. Das Prinzip, mit dem sich Kunden ihre persönlichen Lösungen aus bereits vorgefertigten Modulen zusammenstellen, kann den Herstellern enorme Kostenvorteile bescheren – denn sie können auf die Nachfrage der Kunden mit adäquaten Produkten reagieren, müssen diese aber dank ihres Baukastenmodells nicht von Grund auf neu entwickeln. Das Beispiel des Zugverkehrs in Europa macht dies deutlich: Für die 26 verschiedenen Zugsicherungssysteme, die in 31 europäischen Ländern installiert sind, brauchte man in der Vergangenheit jeweils speziell entwickelte und angefertigte Lokomotiven.
Damit ein Zug von einem Land ins nächste fahren kann, ist auch heute noch häufig ein zeit- und kostenintensiver Wechsel der Lok an vielen Grenzübergängen der Normalfall. Um dieses Problem zu lösen, bietet die Siemens Division Mobility mit ihrem Eurosprinter eine Lokomotive auf Plattformbasis an (Plattform für Züge). Dabei kann der Kunde die Spannungsversorgungs- und Zugsicherungssysteme frei wählen – auch für den grenzüberschreitenden Verkehr durch mehrere europäische Länder. Bei diesem Konzept werden die Vorzüge für Siemens und die Bahnbetreiber schnell deutlich. Für Siemens bedeutet das Modulsystem einen geringeren Entwicklungsaufwand. Die Lok kann kostengünstiger entwickelt und vermarktet werden. Für den Kunden bedeutet das einen attraktiven Kaufpreis und flexibel einsetzbare Loks. Darüber hinaus spart er bei Grenzübergängen mindestens 30 Minuten Wartezeit – wertvolle Zeit, die im Wettbewerb mit dem Lkw entscheidend sein kann.
Spezielle Betreuung für Großprojekte. Die Vorteile einer Maßanpassung gelten aber auch für Projekte ganz anderer Art wie komplette Flughäfen, Krankenhäuser oder Hotels. Damit sich der Kunde bei derartig komplexen Großprojekten nicht die einzelnen Komponenten mühsam selbst zusammensuchen und -stellen muss, bieten Unternehmen vermehrt ein so genanntes Key Account Management an: eine spezielle Betreuung, die für den Kunden sowohl ein übergreifendes Verständnis als auch eine Koordination der Geschäftsbeziehungen umfasst. Erste Promotoren des Key Accounts waren Anfang der 1990er IT-Firmen wie HP, IBM oder Xerox, deren Kunden – meist internationale Unternehmen aus der Auto-, Finanz- oder Petrochemie-Industrie – verlangten, dass all ihre Produkte und Dienstleistungen kompatibel sein und auf demselben Standard beruhen sollten. Noch heute sehen sich vor allem global aktive und stark expandierende Unternehmen vermehrt mit innerbetrieblichen Problemen konfrontiert – etwa unterschiedlichste Anlagentypen oder Dienstleistungsverträge, die weltweit an den verschiedenen Unternehmensstandorten kursieren und vereinheitlicht und damit kosteneffizienter werden sollen.
Auch Siemens hat sich seit den 1990er-Jahren noch fokussierter auf seine Kunden ausgerichtet. Seit 2004 gibt es dafür eine Unternehmensinitiative: Siemens One. "Maßgeschneiderte Lösungen statt einzelner Produkte anzubieten ist heute ein wichtiges Geschäft", sagt Dr. Hajo Rapp, Leiter Account Management und Market Development bei Siemens One. "Denn während Unternehmen vornehmlich in ihren einzelnen Produkten denken, denkt der Kunde hauptsächlich an Lösungen, die seine Bedürfnisse erfüllen."
Produkte virtuell und real: Die Planung am Computer ermöglicht schnellere Änderungen, etwa bei Zügen (links oben). Maßgeschneiderte Lösungen machen auch die Fertigung flexibler und günstiger, hier bei VW (Mitte und unten)
Um diesen Service bieten zu können, gibt es bei Siemens 13 so genannte Market Development Boards (MDB). In jedem von ihnen sitzen Vertreter der verschiedenen Siemens-Divisionen und gestalten dort unter anderem zusammen Lösungen die zu branchen- oder gar kundenspezifischen Prozessen passen – etwa für Airports, Automotive oder Metals & Mining. Entwicklungstreiber sind dabei oft die Kunden selbst, die ihre Bedürfnisse und Wünsche mit dem Key Account Manager von Siemens diskutieren und von diesem entsprechend beraten werden. Der vom MDB geführte Account Manager analysiert schließlich, mit welchen Komponenten der Divisionen die gewünschte Lösung des Kunden am besten realisiert werden kann.
Dabei sehen die MDB durchaus einen Unterschied zwischen Siemens und seinen Mitbewerbern. "Wir spezialisieren uns nicht nur auf einzelne Kunden, vielmehr sind in unseren MDB die Kunden der verschiedenen Branchen gebündelt", erklärt Rapp. "Diese Branchenbündelung beschert uns nicht nur ein breiteres Know-how den Kunden gegenüber, sondern auch eine höhere Kosteneffizienz."
Zudem bietet Siemens vielen Kunden maßgeschneiderte Finanzierungsmodelle an. So bezahlt die Stadt Freiburg ihre Strom sparenden LED-Lampen von Siemens mit den eingesparten Energiekosten. Und beim Flughafen Bangalore, den Siemens komplett ausgestattet hat, ist das Technologie-Unternehmen über eine Tochterfirma sogar mit 40 % am Flughafenbetreiber beteiligt. Die Investition refinanziert sich die Betreibergesellschaft durch eine Konzession zur Erhebung von Gebühren von Fluggesellschaften und Passagieren. (Finanzierung nach Maß).
Erfolgsfaktor Kundenbetreuung. Welches Potenzial Key Account Management hat, verdeutlicht schon die Anzahl der Key Account Manager von Siemens. Über 100 Mitarbeiter betreuen heute global agierende Großunternehmen, angefangen von Nestlé und BMW bis hin zum chinesischen Stahlriesen Baosteel. So stehen die Kunden, die bei Siemens durch Account Manager betreut werden, insgesamt für etwa ein Drittel des gesamten Siemens-Umsatzes. Rapp unterstreicht die Bedeutung zusätzlich: "Das Geschäft der MDBs wächst im Vergleich zum Gesamtunternehmen überproportional. Und diese guten Wachstumspotentiale werden wir auch zukünftig weiter ausschöpfen."
Neben Key Account Management und dem Prinzip der modularen Fertigung mit Plattform-Konzepten nutzen Firmen einen dritten Weg, um Produkte kundengerecht, flexibel und schnell marktreif zu machen. Mit speziellen Softwarepaketen können Produkte dreidimensional am Computer komplett gestaltet und simuliert werden (Pictures of the Future, Herbst 2007, Zukunft der Fabriken). Entwicklungs- und Planungskosten sinken damit oft um 20 % – die Kosten für die Anlaufphase der Produktion um 15 %. Laut dem Beratungsunternehmen AMR Research erfolgen heute bereits 20 % aller Produkt- und Fertigungsänderungen am Computer statt auf dem Reißbrett – Tendenz stark steigend.
So auch bei Siemens, das inzwischen einer der weltweit größten Anbieter solcher Software ist. Ziel ist es, mit diesen Planungswerkzeugen bereits in naher Zukunft die virtuelle mit der realen Welt zu verschmelzen und somit gänzlich neue Möglichkeiten in der individuellen Produktion zu schaffen (Individualisierte Massenfertigung). Maßanfertigung statt Massenfertigung – die Nachfrage danach steigt enorm, sagt Prof. Günter Schuh, Universitätsprofessor für das Fach Produktionssystematik an der RWTH Aachen und ein internationaler Experte auf diesem Gebiet (Finanzierung nach Maß). Laut Schuh ist für den Aufbau einer bezahlbaren maßgeschneiderten Produktion die virtuelle Produktion ein wichtiger Bestandteil.
Bis diese maßgeschneiderte Produktion jedoch steht, gilt die so genannte "mass customization" als Mittel zur individuellen Herstellung. Vorgefertigte Bausätze und Plattformen werden hier am Ende der Produktionslinie individualisiert beziehungsweise verfeinert. Was bei den Automobil-Ausstattungspaketen schon seit Jahren ein Erfolgsrezept ist, wird auch in anderen Branchen vermehrt gefragt. Denn laut Schuh würden Endverbraucher immer mehr Produkte wollen, die auf ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnitten sind.
Sebastian Webel