Maßgeschneiderte Lösungen – Interview
"Eine Fabrik, die sich selbst optimiert"
Interview mit Günther Schuh
Prof. Dr. Günther Schuh (49) hat seit 2002 den Lehrstuhl für Produktionssystematik der RWTH Aachen inne und ist unter anderem auch im Direktorium des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnologie IPT. Er hat das Konzept der Virtuellen Fabrik entwickelt und wichtige Impulse zur Diskussion von Lean Innovation gegeben. Maßgebliche Methoden und Instrumente des Komplexitätsmanagements gehören zu seinen wichtigsten Forschungsergebnissen.
In vielen Ländern gibt es den Trend zum individualisierten Massenprodukt. Warum?
Schuh: Weltprodukte, die überall auf der Welt den Kunden identisch angeboten werden, gibt es nur noch im Luxussegment, etwa bei teuren Uhren oder Autos. Aber alle Standardprodukte unterliegen regionalen und kulturellen Einflüssen. Es gibt zwei große Trends, die abhängig sind vom wirtschaftlichen Umfeld eines Landes. Der eine Trend ist die kostenoptimierte Massenfertigung für große Märkte, wo der Käufer wenig Geld hat. Hier greift das Prinzip der Economies of Scale. In Hochlohnländern wie Deutschland haben jedoch differenzierte Qualitätsprodukte Vorrang – hier kommen die Economies of Scope ins Spiel, also auf den Kunden zugeschnittene Produkte. Das Dilemma ist, dass auch in wohlhabenden Ländern die Kunden nicht wesentlich mehr für ihr maßgeschneidertes Produkt zahlen wollen.
Wie lässt sich dieses Dilemma lösen?
Schuh: Es wird auf die mass customization oder individualisierte Massenproduktion hingearbeitet. Das heißt, dass möglichst weit vorgefertigte Bausätze oder Plattformen nur noch verfeinert werden. Man spricht hier vom Kommunalitätsgrad, das ist die Wieder- oder Mehrfachverwendung von Komponenten, was sehr gut in der Automobilindustrie zu beobachten ist. Dort wird immer häufiger auf gleichen Plattformen eine Vielzahl von Modellen gefertigt. Den Kunden interessiert es nicht, ob der Antriebsstrang seines Pkw baugleich ist mit einem anderen Modell, wohl aber, welche Sonderausstattungen sein Auto individuell erscheinen lassen. Hier können wir organisatorisch wie technisch noch großes Potenzial heben. Allein die Entwicklungskosten können durch ein umfassendes Kommunalitätskonzept mittelfristig um mindestens ein Drittel gesenkt werden.
Einerseits geht es also um höhere Effizienz durch konfektionierte Massenprodukte, andererseits um die steigende Nachfrage nach maßgeschneiderten Produkten – wie weit lässt sich das vereinbaren?
Schuh: Für die individualisierte Produktion müssen die Hersteller die externe Komplexität bezüglich Kundenforderungen oder Wettbewerbsbedingungen in eine beherrschbare Kompliziertheit überführen. Dazu brauchen sie fortgeschrittene Standardbausätze und flexibel nutzbare Fertigungsmaschinen, die eine Produktvarianz ohne Zusatzkosten erlauben. Das Produktdesign und die Prozesslayouts müssen darauf abgestimmt sein. So musste früher ein Haus um Standardfenster herum gebaut werden, weil das individuell bemaßte Fenster eine Einzelanfertigung und damit zu teuer wäre. Heute können Sie beliebige Fenster im Standardprozess herstellen und zum Standardpreis beziehen.
Was bedeutet dies für die Fertigung?
Schuh: Das Wunschziel für spezifisch konfigurierte Produkte in Hochlohnländern ist 90 %. Hier ein geglättetes Produktionsprogramm hinzubekommen, ist nicht trivial. Will man eine solche maßgeschneiderte Produktion bezahlbar aufbauen, ist die Virtuelle Produktion eine zwingende Voraussetzung. Damit können Planungs- und Vorbereitungsaufwand erheblich verringert und Prozesssicherheit für alle Konfigurationen und Kombinationen erreicht werden.
Wie sieht die Fertigung in 30 Jahren aus? Wird es dann noch Massenprodukte geben?
Schuh: Die Fertigungshalle in 30 Jahren wird ähnlich aussehen wie heute, aber die Systeme werden anders ineinander greifen. Die virtuelle Produktions- und Prozessplanung wird in den Produktionsprozess integriert sein. Das heißt, dass während der Produktion das Produkt zugleich geprüft, optimiert, simuliert und verbessert werden kann. Bearbeitungszentren werden vielseitiger, ebenso Montagestraßen. Mehr und mehr Software-Agenten werden den maßgeschneiderten Produktionsprozess überwachen. Letztlich entsteht eine Fabrik, die sich selbstoptimierend schnell und effizient auf neue Randbedingungen einstellen kann, sich also in hohem Maß agil, antizipativ und adaptiv verhält.
Wird dies ein Vorteil oder ein Nachteil für Hochlohnländer wie Deutschland sein?
Schuh: Dieser Trend, der ja vor allem für die Produkte und Güter der gehobenen Kategorie gilt, wird den Produktionsstandort Deutschland sichern. Ich glaube, dass genau hier – in unseren ausgeprägten Komplexitätsmanagementfähigkeiten – unsere Chancen liegen.
Das Interview führte Klaudia Kunze