Maßgeschneiderte Lösungen – Plattform für Züge
Eine für alle
Die Lokomotiven aus der Eurosprinter-Familie können flexibel an den Bedarf des Kunden angepasst werden. Sie sind so konstruiert, dass sie einen grenzüberschreitenden Schienenverkehr möglich machen – zum Vorteil von Bahnbetreibern und Passagieren.
Plattformbasis mit Weltrekord: Eurosprinter der Railion, ÖBB und der Arriva-Vogtlandbahn sind ihrem Einsatzgebiet bestens angepasst. Die Lok ist zudem die schnellste E-Lok weltweit
Beim Schienenverkehr ist Europa noch nicht zusammengewachsen. Auf dem Kontinent gibt es mehrere verschiedene Spurweiten, fünf Spannungs- und sogar 26 Zugsicherungssysteme. "Es ist wie im Mittelalter, als jede Stadt andere Maßeinheiten verwendet hat", stöhnt Ulrich Fösel, Produktmanager für Lokomotiven bei der Siemens-Division Mobility in Erlangen. "Keine einheitlichen Standards, nur unübersichtliche europäische Kleinstaaterei."
Wegen dieses Flickenteppichs mussten Züge in der Vergangenheit an den Landesgrenzen stoppen und konnten erst nach einem Lok-Wechsel weiterfahren. Eine Pause, die nicht nur die Passagiere viel Zeit kostete. Auch für den Gütertransport bedeutete der zusätzliche Halt einen Nachteil im Wettbewerb mit dem Lkw.
Seit den 90er-Jahren kümmern sich Siemens-Ingenieure intensiv um dieses Problem. Ihre Lösung heißt: Plattformkonzept. Dahinter verbirgt sich eine Familie von Lokomotiven, die problemlos an die Bedürfnisse einzelner Länder und Kunden angepasst werden können. Mit einer Zusatzausrüstung kommen sie mit bis zu vier unterschiedlichen Spannungssystemen klar und können daher grenzüberschreitend fahren. Unter dem Namen Eurosprinter sind die wandlungsfähigen Loks heute bei zahlreichen europäischen Bahnbetreibern im Einsatz.
Eine nahe liegende Idee, die aber lange wegen der politischen Rahmenbedingungen nicht umgesetzt werden konnte. "Bis zu den 80er-Jahren haben die Staatsbahnen die Lokomotiven selbst entwickelt und den Herstellern nur Fertigungsaufträge erteilt", erklärt Thomas Eisele, bei Siemens als Plattform-Manager für die neueste Variante des Eurosprinters zuständig. "Heute dagegen entwickeln nur die Hersteller, darum ist es schon aus ökonomischen Gründen wichtig, viele Märkte gleichzeitig zu bedienen."
Beim jüngsten Mitglied der Eurosprinter-Familie wurde das Plattformkonzept erstmals vollständig umgesetzt: Die ES64U4 besteht aus der Basislokomotive – mit Lokkasten, Drehgestellen und Motoren – sowie weiteren Paketen, die der Kunde individuell auswählen kann.
Darin ist alles enthalten, was die Lok für den Betrieb in einem bestimmten Land braucht, etwa das Spannungsversorgungs- und Zugsicherungssystem sowie die Signalbeleuchtung: Wegen der vielen unterschiedlichen Vorgaben der Bahngesellschaften und den vielen Sonderzeichen – zum Beispiel für Rangierfahrt oder Falschfahrt – entwickelte Siemens eine Kombination aus Halogenlampen und Leuchtdioden, mit der alle Anforderungen in punkto Lichtstärke und -farbe abgedeckt werden.
Bisher hat Siemens Länderpakete für Deutschland, Österreich, Italien, Slowenien, Kroatien, Tschechien, die Slowakei und Ungarn realisiert, weitere sind in Planung. Wer Güter und Personen quer durch Europa befördern will, kauft die entsprechenden Pakete und schaltet an der Grenze zwischen ihnen um – der Lokwechsel wird überflüssig.
Diese Kundenpakete ermöglichen trotz aller Standardisierung, den Eurosprinter auch individuell zu gestalten – etwa bei der Lackierung oder den sanitären Einrichtungen. So entstehen aus verschiedenen Kombinationen von Basislokomotive, Länder- und Kundenpaketen zahlreiche maßgeschneiderte Loks, die dennoch aus vorgegebenen Komponenten bestehen. "Das ist ähnlich wie beim Auto, wo der Käufer viele Extras dazu bestellen kann", sagt Eisele.
Ohne den technischen Fortschritt wäre das allerdings ein Traum geblieben. Mehrere Spannungs- und Zugsicherungssysteme in einer Lok wären schlicht zu teuer und zu sperrig gewesen. Auch sind Loks in Deutschland niedrig und breit und in der Schweiz wegen der unterschiedlichen Tunnelprofile schmal und hoch. Dank kompakterer Technik kann Siemens heute schmale und niedrige Lokomotiven anbieten, die in beiden Ländern fahren können.
Maßlok zum Discountpreis. Hersteller und Kunden profitieren gleichermaßen vom modularen Ansatz. Für Siemens ist der Entwicklungsaufwand geringer – die Lok kann preiswerter gebaut und vermarktet werden, was bei kleinen Stückzahlen einen erheblichen Vorteil bedeutet. Die Kunden freuen sich zusätzlich über kurze Lieferzeiten, da die Lok zu 90 % aus Standardteilen besteht. Und die Betreiber können gemeinsame Instandhaltungskonzepte umsetzen und sicher sein, dass Ersatzteile noch in vielen Jahren geliefert werden.
Vor allem aber eröffnet der Eurosprinter neue Perspektiven für den Schienengüterverkehr. "Die Lok verschafft ihren Besitzern einen Wettbewerbsvorteil", erklärt Werner Buchberger vom Großkunden ÖBB Traktion. "So können wir unsere Märkte künftig problemlos und schnell beliefern." Beispielsweise Rumänien, Bulgarien oder die Türkei. "Für die Betreiber werden auf diese Weise ganz neue Geschäftsmodelle durch länderübergreifenden Verkehr möglich." Außerdem ist die Lok wichtig, um im Güterwettbewerb Marktanteile zu halten oder zu gewinnen: Durch die Mehrsystemfähigkeit des Eurosprinters kann die ÖBB ihrem Kunden Audi auf der Strecke zwischen den Werken Ingolstadt und Györ in Ungarn eine Just-in-time-Belieferung mit maximal einigen Minuten Abweichung garantieren. "Ohne diese Garantie wären die Transporte wahrscheinlich auf die Straße verlagert worden", sagt Buchberger.
Die Wandlungsfähigkeit des Eurosprinters ist aber auch für Lok-Vermieter wie die MRCE-Dispolok GmbH in München besonders wichtig. "Wir können flexibel auf Marktveränderungen reagieren, etwa wenn sich die Güterverkehrsströme ändern", meint Alex Dworaczek, Leiter des Flotten- und Technikmanagements. "Dann werden die Loks umgerüstet und mit den benötigten Länderpaketen ausgestattet." Durch das flexible Konzept vermindere sich das Risiko für den Betreiber. "Man kann im Stil von Plug and Play einzelne Komponenten in verschiedenen Loks einsetzen. Ohne das Plattformkonzept wäre unser Geschäft schwieriger."
Auch der Personenverkehr profitiert, weil zeitintensive Lokwechsel wegfallen – z.B. auf der Strecke Wien-Prag-Berlin: Heute wird hier noch dreimal die Lokomotive getauscht, weil es allein in der Tschechischen Republik zwei Spannungssysteme gibt. "Mit dem Eurosprinter lassen sich hier 40 bis 50 Minuten einsparen", freut sich Buchberger. "2008 erwarten wir eine Zulassung für Tschechien, 2009 könnte der durchgehende Zug kommen."
Das Plattformkonzept wird in der nächsten Eurosprinter-Generation noch weiter entwickelt. "Die Lok kann entweder als schnelle Personen- oder als langsame Güterlok geliefert werden", sagt Ulrich Fösel. Zudem wird sie auch für verschiedene Spurweiten angeboten. Erster Kunde wird noch in diesem Jahr die Portugiesische Bahn CP sein.
Christian Buck
Bei den Asian Games 2006 in Doha konnten die Passagiere bei der Landung auf dem Flughafen ein riesiges arabisches Zelt bewundern. Es war ein 8 000 m² großes Flughafenterminal, nur errichtet für die zweitgrößte Sportveranstaltung der Welt und danach wieder abgebaut. Möglich macht das CapacityPlus von Siemens. Ankunfts- und Abflugbereich gehören ebenso dazu wie die Gepäckbeförderung und -sortierung sowie ein umfassendes elektronisches Sicherheitssystem für Passagiere und Gepäck, Check-in-Schalter, sanitäre Einrichtungen, Klimaanlage und Energieversorgung. "Für ein solches komplexes Projekt haben wir die passenden Lösungen parat, die wir auf den jeweiligen Bedarf der Flughafenbetreiber maßschneidern können – hinsichtlich Größe, Gestaltung, Ausstattung und Einbettung in die Flughafenlogistik", erklärt Christian-Marius Wegner, Leiter des Geschäftszweigs Infrastructure Logistics, Customer Service. Ein neues Konzept implementierte Siemens bei der CapacityPlus-Lösung für das Terminal 2 in Lissabon im Jahr 2007: Zur Überbrückung von Kapazitätsengpässen bis zur Fertigstellung des neuen Airports bestellte der Flughafenbetreiber ein temporäres Abflugterminal in Leichtbauweise, von dem sämtliche Inlandsflüge in den nächsten Jahren abgefertigt werden sollen. Das 7 700 m² große Terminal setzt mit Restaurants, Shops und großen Aufenthaltsbereichen Maßstäbe auch in Sachen Fluggast-Komfort. Errichtet wurde es in der Rekordzeit von nur fünf Monaten. "Zeit ist bei allen CapacityPlus-Projekten der erfolgskritische Faktor – neben der Fähigkeit, flexibel auf die häufig wechselnden Kundenanforderungen zu reagieren" weiß José Arsénio, General Manager Infrastructure Logistics in Portugal. Siemens ist darin erprobt: Das Unternehmen ist auf vielen Flughäfen weltweit für die Ausstattung und Logistik verantwortlich, hat dementsprechend viel Erfahrung und kann optimale Lösungen für die Kunden zusammenstellen. Ein weiterer Vorteil ist die Möglichkeit der virtuellen Modellierung. Bereits während der Planung sieht der Kunde sein Terminal an einem Computerbildschirm in 3D und kann sich somit genau vorstellen, wie es darin aussehen wird.
Gitta Rohling