Energie für Milliarden – Szenario 2020
Neue Welt
China im Jahre 2020: Der Rentner Jun Yang besucht auf Einladung seines Neffen das neue Energieministerium. Erst seit ein paar Jahren ist sein kleines Dorf an das Stromnetz angeschlossen – da möchte er wissen, woher die Energie kommt, die sein Leben verändert hat. In einem Brief an seinen Freund Wan schildert er seine Erlebnisse.
Der Rentner Yun Jang lässt sich von seinem Neffen erklären, wie China seinen Energiehunger stillt: Ein IGCC-Kraftwerk erzeugt aus Kohle klimafreundlich Strom – das CO2 wird dabei im Untergrund deponiert. Windenergieanlagen speisen ihre Ausbeute in ein intelligentes Netz, und die Gebäudeautomatisierung ist an die Wetterprognosen gekoppelt. Zur Arbeit fährt man mit Plug-in- Hybridautos, die Sonnenenergie "tanken"
Wan, mein alter Freund, erinnerst Du dich noch an unser Leben vor einigen Jahren? An jene Tage, als unser kleines Dorf als eines der letzten in China noch nicht ans Stromnetz angeschlossen war? Du wirst mir zustimmen, es war buchstäblich eine düstere Zeit, wenn auch mitunter geselliger. Nach Sonnenuntergang konnten wir kaum mehr Mah-Jongg spielen, die Petroleum-Funzel in Deiner Hütte war einfach zu schwach. Mittlerweile glaube ich, dass Dir das ganz recht war – Du bist einfach ein schlechter Verlierer. Wahrscheinlich war das auch der Grund, warum Du Dir dann einen Fernseher gekauft hast, sobald wir elektrischen Strom hatten. Seitdem sind unsere Mah-Jongg-Runden passé, Du sitzt den ganzen Abend vor dieser Flimmerkiste und schaust Dir eine Welt an, die Du nicht begreifst.
Ich dagegen will zumindest verstehen, was unsere kleine Welt so verändert hat. Du kennst doch meinen Neffen Li, der Karriere beim Energieministerium gemacht hat. Er ist ein sehr moderner Mensch und hat meiner Frau diese ganzen elektrischen Haushaltsgeräte geschenkt. Seitdem hat sie viel mehr Zeit, was mein Leben ebenfalls sehr durcheinander gebracht hat. Aber verzeih, ich schweife ab. Li jedenfalls hat mich eingeladen, ihn im nagelneuen Verwaltungsgebäude des Ministeriums zu besuchen. Das habe ich natürlich angenommen. Ich könnte meinen Horizont erweitern, meinte er. Und nun, lieber Yang, ist mein Horizont so weit, dass ich seine Grenzen nicht mehr überblicken kann.
Alles begann heute Morgen am Bahnhof. Li wollte mir einen Wagen schicken, der mich abholen sollte. Der bog auch schon nach kurzer Zeit um die Ecke, allerdings konnte ich keinerlei Motorengeräusch hören. Der Fahrer schien über meine Frage amüsiert, ob er denn einen Motorschaden habe. Das Auto, so erklärte er mir, sei ein so genannter Plug-in-Hybrid und fahre praktisch vollkommen elektrisch. Es hätte zwar einen kleinen Verbrennungsmotor, den würde man aber nur dann brauchen, wenn die Lithium-Ionen-Akkus leer seien. Die könnte er einfach über eine Steckdose aufladen. Beim Ministerium angekommen, stellte der Fahrer das Auto auf dem Parkplatz unter ein Dach, auf dem eine Solaranlage installiert war, und schloss es an die dortige Steckdose an. Da "tankten" schon viele andere Hybriden Sonnenenergie – absolut emissionsfrei, wie er mir versicherte.
Das Verwaltungsgebäude schien vor mir in den Himmel zu wachsen, und ich kam mir etwas verloren vor in dem riesigen Eingangsbereich. Eine freundliche Empfangsdame geleitete mich zu einem gläsernen Aufzug. Mein Neffe würde mich im 40. Stockwerk erwarten, sagte sie und drückte eine Taste. Im gleichen Augenblick sauste ich nach oben und mein Magen, so schien mir, leistete weiterhin der netten Dame im Foyer Gesellschaft. Die Erde wurde so schnell kleiner, dass ich meine Augen schließen musste. Als ich sie wieder öffnete, sah ich das strahlende Gesicht von Li vor mir. "Willkommen in unserer Energiemanagementzentrale, Onkel Jun", sagte er und führte mich – noch etwas wacklig – in einen großen Raum mit riesigem Panoramafenster.
"Von hier aus haben wir stets einen Überblick über die gesamte Energieversorgung des Landes", erklärte er mir. "Wie Du dich erinnerst, hat China vor rund zehn Jahren die USA als größten CO2-Emittenten abgelöst – deshalb mussten wir unsere Umweltbemühungen verstärken. Mittlerweile erzeugen wir schon einen großen Teil unserer Energie klimafreundlich", sagte Li stolz und wies auf die zahlreichen Windräder am Horizont. "Alle Windenergieanlagen sind übrigens per Internet mit der aktuellen, lokalen Wettervorhersage gekoppelt, so lässt sich ihre Stromproduktion gut prognostizieren."
Er deutete auf eine Anzeige, die wie von Geisterhand auf dem Fenster erschien: "Für unsere Region wurde gerade ein starkes Gewitter vorhergesagt. Unser Warnsystem empfiehlt uns, deshalb alle betroffenen Anlagen abzuschalten, um eine Überlastung der Stromnetze zu vermeiden." Kurz danach wurde es plötzlich gemütlich warm und hell – genau wie nach einem ordentlichen Schluck Pflaumenwein bei Dir zu Hause, Wan. Hier sei dafür allerdings ein Gebäudemanagementsystem verantwortlich, versicherte mir Li. Dieses System sei ebenfalls mit der Wettervorhersage gekoppelt und stelle Raumtemperatur und Beleuchtung automatisch ein. Im ganzen Gebäude gebe es übrigens keine Lampen, sondern nur hocheffiziente Leuchtdioden – das alles würde sehr viel Energie und Kohlendioxid einsparen.
Wusstest Du übrigens, dass unsere alten Kohleöfen im Dorf mehr CO2 ausstoßen als das riesige Kohlekraftwerk unweit des Gebäudes? Bei dieser nagelneuen Stromschmiede handelt es sich um eine so genannte IGCC-Anlage, hat mir mein Neffe erklärt. Dabei wird die Kohle nicht direkt verbrannt, sondern erst in ein wasserstoffhaltiges Gas verwandelt, das dann eine Turbine speist. Das CO2 lässt sich dabei abspalten. Unglaublich, was damit geschieht: Das Gas wird gesammelt, in Pipelines abtransportiert und schließlich tief in die Erde gepumpt. Dort, in dieser unterirdischen, ehemaligen Erdgas-Deponie, könne es tausende Jahre lagern, ohne dass etwas an die Oberfläche entweiche, meinte Li. Offenbar hatte er meinen skeptischen Blick bemerkt, denn er legte mir beruhigend die Hand auf den Arm: "Das stimmt wirklich, aber wir bauen derzeit auch Kraftwerke, die gar nichts mit Kohle zu tun haben. Zum Beispiel solche, die Strom nur aus Wellen erzeugen und schwimmende Windenergieanlagen, die auf dem offenen Meer zum Einsatz kommen." Verrückt, nicht wahr? Was für ein Aufwand, nur um Deine Flimmerkiste und die Waschmaschine meiner Frau zu betreiben!
Mein Neffe hatte übrigens ein bemerkenswertes Abschiedsgeschenk für mich: Mah-Jongg als Computerspiel. Das könne man sogar alleine spielen, meinte er. Leider habe ich keinen Computer, funktionieren würde es aber auch via Fernseher. Wan, mein alter Freund, hast Du am Sonntagabend zufällig schon etwas vor?
Florian Martini
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