Energie für Milliarden – Lösungen für Schwellenländer
Ökostrom für aufstrebende Länder
Entwicklungsländer profitieren vom Aufschwung der erneuerbaren Energien – vor allem in entlegenen Gebieten ohne Netzanschluss. Und in großen Schwellenländern wie Indien und China entstehen beispielhafte Umweltprojekte.
Afrika im Dunkeln: Viele Länder Afrikas sind noch kaum elektrifiziert. Lösungen wie kleine Solaranlagen oder umweltfreundliche Pflanzenölkocher können Abhilfe schaffen und Armut lindern (unten)
Afrika ist schwarz. Zumindest vom All aus gesehen. Wo auf nächtlichen Satellitenbildern Europa und Nordamerika hell leuchten, ist der Schwarze Kontinent ein dunkler Fleck. Das liegt zum einen an der dünnen Besiedlung, zum anderen an der fehlenden Elektrizität. 500 Millionen Menschen südlich der Sahara haben keinen elektrischen Strom – fast ein Drittel der insgesamt 1,6 Milliarden Menschen weltweit, die noch mit Holz heizen und ihre Hütten mit Kerosin beleuchten.
Kraftwerke und Leitungen sind teuer, vor allem in den armen Flächenländern Afrikas und Asiens. Etwa 16 Mrd. $ jährlich, schätzt die Internationale Energieagentur, wird es in den kommenden zehn Jahren kosten, die Elektrifizierung so weit voranzubringen, dass sich die Armut weltweit halbiert. Dieses Millenniumsziel hatten sich die Vereinten Nationen zur Jahrtausendwende gesetzt, noch ist man weit davon entfernt – zumal der Preis fossiler Rohstoffe stark steigt.
Doch es gibt Hoffnung: Fortschritte in der Technik machen Öko-Strom erschwinglich. So erzeugt nun eine Missionsstation in Tansania ihren Strom mit einer Hybridanlage aus Solarzellen und einem Motor, der Öl aus dem heimischen Jatropha-Strauch konsumiert – früher wurde ein Dieselgenerator verwendet. Und in Nordchina fördert die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) ein Projekt, bei dem täglich 5 000 t Kuhmist in Biogas umgewandelt werden. Mit von der Partie ist häufig die Weltbank, die pro Jahr 3,6 Mrd. $ für Energieprojekte ausgibt: die Hälfte davon für erneuerbare Quellen und Energieeffizienz.
Für den Schwarzen Kontinent hat die Weltbank kürzlich das Projekt Lighting Africa ins Leben gerufen. Zusammen mit Industriepartnern will man bis 2030 die Hütten von 250 Millionen Menschen mit elektrischem Licht versorgen – durch dezentrale Stromversorgung, Energiesparlampen und Leuchtdioden. Denn fehlendes Licht ist in Afrika einer der Gründe dafür, dass Kinder abends nicht mehr lernen können und ihnen eine höhere Ausbildung verwehrt bleibt. Auch Osram engagiert sich: Als weltweit erster Lampenhersteller tauscht die Firma in Afrika und Asien Millionen von Glühlampen gegen Energiesparlampen aus – und erhält dafür im Rahmen des Kyoto-Protokolls CO2-Rechte zur Finanzierung des Projekts (Energiesparlampen).
"Einen Königsweg für die Elektrifizierung gibt es aber nicht", bilanziert die Weltbank. In Afrika lebt mehr als die Hälfte der Menschen auf dem Land, fern von Stromleitungen. Dort setzen die Entwicklungsbanker auf Miniatur-Wasserkraftwerke: kleine, effiziente Wasserräder mit einer Leistung bis 1000 W. Mit geschätzten 0,15 US-$/kWh im Jahr 2015 wird dieser Strom künftig am billigsten sein, zumindest in dünn besiedelten, wasserreichen Gebieten. Doch auch bei kleinen Windrädern und Solarzellen werde in den kommenden zehn Jahren der Preis um etwa 0,1 $/kWh auf 0,35 $/kWh sinken, prognostiziert die Weltbank.
Ministerium für Ökostrom. Doch technische Raffinesse alleine ist nicht die Lösung. Früher hat man oft die Wartung vergessen, weshalb so manche teure Solarstromanlage im Busch ihren Geist aufgegeben hat. "Jetzt setzen wir auf integrierte Lösungen", sagt Stefan Opitz, Abteilungsleiter Energie bei der GTZ. Mit Mikrokrediten kann sich etwa ein Händler in einem abgelegenen Dorf in Bangladesh eine Solaranlage inklusive Wartung leisten – und die Nachbarschaft mit Strom für Licht, Radio und Handys versorgen. Ob mit solchen lokalen Netzen allerdings eine flächendeckende Elektrifizierung erreicht werden kann, ist fraglich. "In der Theorie klingt das gut", sagt Opitz. In der Praxis aber seien Betrieb und Wartung vieler Mikronetze komplizierter, als ein großes Netz zu managen.
China setzt auf fossile Brennstoffe: Den Großteil seines Strombedarfs erzeugt das Reich der Mitte mit billiger Kohle
Manche Länder sind freilich schon weiter. In Indien etwa ist das Bewusstsein für alternative Energien gut ausgeprägt – obwohl jeder dritte Inder ohne Strom lebt. Wegen des Energiemangels während der Ölkrise richtete die Regierung in Delhi bereits in den 1970er-Jahren ein Ministerium für erneuerbare Energien ein, und bis 2012 will das Land ein Zehntel seines Strombedarfs aus alternativen Quellen decken. Schon jetzt belegt Indien bei der installierten Windkraftleistung den fünften Platz weltweit.
Für Landstriche, die bereits ein Stromnetz haben, sind größere Windparks sinnvoll. Im Jahr 2015, schätzt die Weltbank, wird eine Kilowattstunde Windstrom etwa 0,05 US-$ kosten, so viel wie Strom aus einem modernen Gaskraftwerk. Nur Kohlestrom wird noch billiger sein – die Kosten des Klimawandels nicht eingerechnet.
In China soll der Anteil erneuerbarer Quellen, so das Ziel der Regierung, bis 2020 von heute 8 auf 15 % der Energieerzeugung steigen. Peking sei, bestätigt Weltbank-Experte Amil Cabraal, sehr überlegt an den Ausbau herangegangen und fördere vor allem jene Quellen, die mit Kohle konkurrieren könnten. Zudem gibt es dort ein Vergütungssystem, das ähnlich wie in Deutschland die Energieversorger verpflichtet, zu einem Festpreis Ökostrom abzunehmen. Weil Öl und Gas so teuer sind, könnte sich durchaus der Effekt des leapfrogging einstellen, sagt Cabraal – also des Überspringens mancher Entwicklungsstufen, die die Industrienationen bislang durchlaufen haben. Dass Europa so massiv auf erneuerbare Energien setze, mache den Schwellenländern Mut: Bis 2020 will die EU ein Fünftel des Energieverbrauchs durch umweltfreundlichen Strom und Wärme decken. Allerdings erfordere die grüne Energierevolution eine Menge technologischen Sachverstand und Planung, mahnt Cabraal.
Die Herausforderung ist enorm. So warnt etwa die Beratungsfirma Capgemini, dass China seinen Strombedarf unterschätze. Die von Peking für 2020 geplante Kraftwerkskapazität von zusätzlichen 950 GW im Vergleich zum Jahr 2006 – entsprechend 1000 Großkraftwerken – sei um fast 30 % zu niedrig angesetzt. Zudem lasse sich das Weltklima natürlich nicht allein mit Mikro-Wasserkraft oder dezentralen Solarzellen-Anlagen retten, sagt GTZ-Fachmann Opitz: "Von großen Kraftwerken wird die Welt noch lange nicht lassen können".
Jeanne Rubner