Energie für Milliarden – Experteninterview
"Eine wichtige Übergangstechnologie"
Prof. Reinhard Hüttl (50) ist wissenschaftlicher Vorstand des GeoForschungsZentrums Potsdam. Die Lagerung von CO2 im Untergrund könne einen Beitrag zur Entlastung des Klimas leisten, sagt der Geowissenschaftler und ehemalige Umweltexperte im Sachverständigenrat der Bundesregierung.
Ist die unterirdische CO2-Lagerung wie in Ketzin die Lösung des Klimaproblems?
Hüttl: Wir müssen die Dinge realistisch sehen. Auch wenn CO2SINK wie geplant funktioniert, ist die Prozesskette aus Abscheiden, Transport, Verpressen und Überwachung doch aufwändig und noch mit hohen Kosten verbunden. Zudem büßen Kohlekraftwerke mit CO2-Abscheidung erheblich an Wirkungsgrad ein, der mit mehr Brennstoff oder neuen Technologien zur Wirkunsgradsteigerung ausgeglichen werden muss. Insofern ist die CO2-Speicherung eher eine Übergangstechnologie. Andererseits kommen wir – wollen wir uns nicht verantwortungslos verhalten – nicht ohne sie aus, weil fossile Brennstoffe auch in absehbarer Zukunft den Löwenanteil der Stromerzeugung stellen werden. Unser Projekt ist damit ein wichtiger Baustein für eine klimaverträglichere Energiegewinnung für die nächsten Jahrzehnte. Interessant ist das Verfahren ohnehin zur Steigerung der Ausbeute bei der Erdöl- oder Erdgasförderung.
Ist in Ketzin nach den geplanten 60 000 t CO2 Schluss?
Hüttl: Ich denke nicht. In Ketzin können wir noch viel über die CO2-Speicherung lernen, über das kurz-, mittel- und langfristige Verhalten von CO2 im Untergrund. Die Lage des Versuchsstandortes Ketzin ist für weitere Experimente ideal, etwa um dort das weltweit erste CO2 aus einem Kohlekraftwerk zu speichern oder auch um CO2 in den Untergrund zu bringen, das bei der Gasherstellung aus Biomasse abgetrennt wird. Darüber hinaus haben wir Pläne für weitere Projekte im In- und Ausland.
Was sagt die Bevölkerung zum Projekt?
Hüttl: Viele Menschen, besonders in Deutschland, sind bei neuen Großtechnologien eher skeptisch. Allerdings gab es in Ketzin an gleicher Stelle früher schon einen unterirdischen Erdgasspeicher, und die Bevölkerung ist an diesen Gedanken gewöhnt, sodass wir keine Akzeptanzprobleme haben. CO2 ist ja auch nicht giftig oder strahlend. Wenn es irgendwo wirklich austreten sollte, was aber nicht zu erwarten ist, erkennen wir das mit unserem Überwachungssystem und können es, wenn nötig, einfach in der Luft verwirbeln.
Das Interview führte Bernd Müller