Energie für Milliarden – Experten-Interview
"Wir brauchen einen Preis für Kohlenstoff"
Interview mit Steven Chu
Dr. Steven Chu ist seit 2004 Direktor des Lawrence Berkeley National Laboratory sowie Professor für Physik und Molekular- und Zellbiologie an der University of California. 1997 gewann er an der Stanford University den Physiknobelpreis für die Entwicklung von Verfahren zum Einfangen von Atomen mit Laserlicht. Dr. Chu ist Mitherausgeber einer internationalen Studie des Inter-Academy Council über nachhaltige Energieversorgung.
Befinden wir uns am Rande einer Klimakatastrophe?
Chu: Der Klimawandel ist eine reale Gefahr. Die entscheidende Frage ist: Was passiert, wenn sich die Temperatur um 2, 4 oder 6 °C erhöht? In der Eiszeit lag die weltweite Durchschnittstemperatur sechs Grad unter der heutigen – sechs Grad mehr würden eine völlig andere Welt bedeuten. Das Abschmelzen der Gletscher in Grönland und Teilen der Antarktis würde den Meeresspiegel um 7 bis 10 m ansteigen lassen. Bangladesch würde zur Hälfte überschwemmt – damit wären allein in diesem Land 140 Millionen Menschen betroffen. Noch mehr Arten würden aussterben, allein aufgrund des Tempos der Klimaveränderungen. Mit weiteren Konsequenzen, deren Ausmaß momentan niemand abschätzen kann, wäre zu rechnen. Beispielsweise wissen wir nicht, ab welcher Temperatur der Permafrostboden der sibirischen Tundra und in Kanada auftaut und das dort eingeschlossene CO2 freigesetzt wird. Das ist eine biologische Frage, denn die Bakterien in der Tundra werden bei einer bestimmten Temperatur aktiv. Wenn das geschieht, werden sie mehr Treibhausgase freisetzen, als momentan die gesamte Menschheit.
Was kann man tun, um die globale Erwärmung abzuschwächen?
Chu: Ich denke, die wichtigste Einzelmaßnahme wäre die Festlegung eines Preises für Kohlenstoff. Grundlage eines solchen Systems könnte ein Handel mit Emissionsrechten, eine Steuer oder Ähnliches sein. Es müsste sich in jedem Fall um ein sehr klares Signal handeln, und die Maßnahme dürfte nicht umgangen werden können. Wenn der nächste Präsident der USA die Energie- und Klima-Problematik mit derselben Tatkraft anginge, mit der Kennedy die Mondlandung vorantrieb, könnte dies ein wichtiger Schritt zur Lösung unserer Klimaprobleme sein.
Was steht außerdem auf Ihrer Prioritätenliste ganz oben?
Chu: Vor allem sollten wir eine Verbesserung der Energieeffizienz von Computern und Hausgeräten zwingend vorschreiben. Auch sollte ein Haus nur dann verkauft oder vermietet werden können, wenn der Eigentümer Nachweise über den Strom- und Gasverbrauch in den zurückliegenden zwölf Monaten vorlegt. Käufer und Mieter könnten dann den Energiebedarf der ihnen angebotenen Objekte vergleichen. Was das bedeuten würde? Hauseigentümer würden spätestens ein Jahr vor dem Verkauf oder der Vermietung ihres Objekts undichte Stellen reparieren, die Isolierung verbessern sowie effizientere Heizungs- und Klimaanlagen installieren. Beim Neubau von Häusern würde man stärker auf die Energieeffizienz achten, denn damit würde sich die Attraktivität für potenzielle Käufer verbessern. Was so eine Aufstellung kosten würde? Fast nichts, denn die Versorgungsunternehmen erfassen schon jetzt den Energie- und Gasverbrauch aller Häuser. Warum sollten diese Informationen den Hauseigentümern vorenthalten bleiben?
Welche Technologien könnten am meisten zu nachhaltiger Energieversorgung beitragen?
Chu: Ich denke, die Geothermie wird unterschätzt. Mit besseren Wärmepumpen sollte die Nutzung von Erdwärme interessanter werden. Denn eines ist klar: Egal, wo Sie sich befinden, wenn Sie tief genug bohren, finden Sie Wärme – eine sehr saubere Form der Energieversorgung. In den meisten Regionen ist der Boden im Sommer kühler und im Winter wärmer als die Luft. Also könnte man Wärmepumpen konzipieren, die die Wohnungen im Sommer kühlen und im Winter heizen. Auch Photovoltaik und Solarthermie erhalten Aufwind, ebenso Biokraftstoffe. Schon bald werden auch leistungsstarke Akkus für Plug-in-Hybrid- und Elektro-Autos zur Verfügung stehen, doch es wird noch einige Zeit dauern, bis auch Lkws und Eisenbahnen nach diesem Prinzip versorgt werden können. Darüber hinaus denke ich, dass auf lange Sicht künstliche photosynthetische Systeme die Energie des Sonnenlichts in neue Kraftstoffe verwandeln werden. Eine solche Technologie müssen wir noch in diesem Jahrhundert beherrschen lernen.
Das Interview führte Arthur F. Pease