Energie für Milliarden – Interview
"China setzt sich ehrgeizige Ziele beim Umweltschutz"
Interview mit Andreas Oberheitmann
Der Ökonom und Sinologe Prof. Andreas Oberheitmann (43) ist Direktor des Forschungszentrums für internationale Umweltpolitik (RCIEP) und Gastprofessor an der Tsinghua University in Peking. Zuvor war er am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen beschäftigt. Am RCIEP forscht er für ein Programm der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit über praktische Lösungen für Probleme, die der Klimaschutz in Entwicklungsländern mit sich bringt.
Wie entwickelt sich Chinas Energiehunger?
Oberheitmann:Derzeit verbraucht China an Primärenergie 2,4 Mrd. t SKE, das sind etwa 16 $ des Weltverbrauchs. Damit ist das Land der zweitgrößte Energiekonsument nach den USA. 2020 wird China je nach Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts zwischen 6,8 und 11,7 Mrd. t SKE verbrauchen.
Das wäre das Drei- bis Fünffache des heutigen Verbrauchs – ein enormer Anstieg. Wie sieht der Pro-Kopf-Verbrauch aus?
Oberheitmann: Im Jahr 2020 wird unserem Energienachfragemodell zufolge jeder Chinese so viel verbrauchen wie der durchschnittliche Deutsche heute – etwa 6,4 t SKE. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf könnte China in Kaufkraftparitäten zwischen 2020 und 2030 bereits wohlhabender sein als wir. Allerdings schätzen wir, dass China erst in einer ganzen Reihe von Jahren bei der Energienutzung das Effizienzniveau von Ländern wie Deutschland erreichen wird. Heute benötigt China – gerechnet in Wechselkursen – noch 3,5-mal mehr Energie als der Weltdurchschnitt, um einen Euro an Bruttoinlandsprodukt zu erwirtschaften. Allerdings ist der Renminbi stark unterbewertet, daher ist der Unterschied in Kaufkraftparitäten gerechnet nicht so groß.
Schlechte Aussichten fürs Weltklima...
Oberheitmann: Leider ja. Beim Kohlendioxid-Ausstoß dürfte China die USA binnen zwei Jahren überholen und dann der weltweit größte Emittent sein. Im Jahr 2020 würde China über 10 Mrd. t CO2 pro Jahr mehr ausstoßen als heute (6,1 Mrd. t). Es würde in hohem Maß zum Anstieg der weltweiten CO2-Emissionen beitragen – falls keine massiven Maßnahmen getroffen werden.
Muss denn China die industrielle Revolution des Westens nochmals durchlaufen? Kann es nicht gleich auf umweltfreundliche Energiequellen setzen?
Oberheitmann: Ja und nein. Die Geschichte wiederholt sich, aber erheblich schneller, zum Teil auch mit Sprüngen. Das ist auch ein Argument dafür, dass man China beim Klimaschutz in die Pflicht nehmen sollte: Zwar sind die Industrieländer weitgehend für das bisher angehäufte CO2 in der Atmosphäre verantwortlich – die USA mit 27 %, China nur mit 8 %. Aber China wird einen erheblichen Teil der neu hinzukommenden Emissionen verursachen.
Chinas Energiepolitik erscheint etwas widersprüchlich. Einerseits geht alle paar Tage ein neues Kohlekraftwerk ans Netz, andererseits unternimmt die Regierung auch einiges in Sachen Umweltschutz…
Oberheitmann: Wirtschaftswachstum braucht Energie, so viel ist sicher. Allerdings muss China dafür jedes Jahr zwischen 60 und 100 GW an neuer Kraftwerkskapazität bauen – das ist pro Jahr fast so viel, wie Deutschland insgesamt hat. Über 70 % davon sind Kohlekraftwerke, was zu hohen CO2-Emissionen führt. Die Zentralregierung ist sich dessen durchaus bewusst. Der aktuelle Fünf-Jahres-Plan setzt daher ehrgeizige Ziele – etwa, den spezifischen Energieverbrauch je Einheit des BIP bis 2010 um ein Fünftel zu senken. China muss und will Energie sparen: Die Wirtschaft wächst derzeit um 10 % im Jahr, aber das Land kann sich diesen Zuwachs an Energiekonsum nicht leisten. Deshalb unternimmt Peking einiges, auch aus Gründen der Energiesicherheit. So hat das Vier-GW-Kraftwerk Huaneng Yuhuan einen Wirkungsgrad von 45 %, das ist für Dampfkraftwerke Weltspitze. China baut auch die weltweit leistungsfähigste Fernübertragung für Gleichstrom, mit einer Übertragungsleistung von 5 000 MW. In den Großstädten sollen nur noch Wohngebäude errichtet werden, die 65 % weniger Energie verbrauchen, als es der aktuelle Standard vorsieht – und auch bei der Fernwärmeversorgung wird in Energieeffizienz investiert.
Könnte man auch mehr dezentrale Quellen wie Solarzellen und Windräder nutzen?
Oberheitmann: Für entlegene Gebiete, die nicht ans Stromnetz angeschlossen sind, ist das gut. Mancherorts wird viel Wasserkraft genutzt. Auch Solarthermie zur Warmwassererzeugung ist verbreitet. Photovoltaik ist oft noch zu teuer, doch immerhin ist China schon heute der weltgrößte Hersteller von Solarzellen. In entlegenen Gebieten wird Photovoltaik vor allem als Ersatz für Biomasse, aber auch für kleine Dieselgeneratoren verwendet. In der Regel wird der Strom aus Photovoltaik nicht ins öffentliche Netz eingespeist. Wenn natürlich die Ölpreise drastisch steigen, kann sich das Kostenverhältnis langfristig zu Gunsten des Solarstroms ändern.
Das Interview führte Jeanne Rubner