Energie für Milliarden – Fakten und Prognosen
Business as usual wäre gefährlich
Der Wirtschaftsaufschwung und die Bevölkerungsentwicklung in vielen Schwellenländern lassen den weltweiten Energiebedarf rasant steigen. Im World Energy Outlook von 2007 prognostiziert die Internationale Energieagentur IEA eine Zunahme des weltweiten Energieverbrauchs bis 2030 von über 50 % – falls die derzeitige Politik beibehalten wird. Allein China und Indien werden fast die Hälfte des Anstiegs verursachen. Fossile Brennstoffe bleiben die wichtigste Primärenergiequelle. Sie machen 84 % der Zunahme des Energieverbrauchs zwischen 2005 und 2030 aus. Dabei boomt vor allem die Kohle: Heute entfallen auf China und Indien 45 % des Weltkohleverbrauchs. Bis 2030 dürften es über 80 % sein.
Daten nach dem Referenz-Szenario ("business as usual”) der IEA. Deutliche politische und technische Maßnahmen sind nötig, um diesen Anstieg abzubremsen Quelle: IEA 2007. 1 Mtoe = 1 Mio. t Öleinheiten = 41,868 PJ (Petajoule)
Der wachsende Verbrauch von fossilen Brennstoffen würde die durch Verbrennung entstehenden CO2-Emissionen bis 2030 gegenüber 1990 verdoppeln (Grafik oben und Pictures of the Future, Frühjahr 2007, Umwelt – Fakten und Prognosen). Um trotzdem den Ausstoß der Treibhausgase bis 2030 reduzieren zu können, einigten sich 187 Länder im Dezember 2007 auf der Weltklimakonferenz in Bali über Eckpunkte eines neuen Klimaschutzvertrags. Er soll Ende 2009 bei einer Konferenz in Kopenhagen unterschriftsreif sein, und 2012 in Kraft treten, wenn das Kyoto-Protokoll ausläuft. Dieses hatte die Industriestaaten zu einer Minderung der Treibhausgase um durchschnittlich 5 % bis 2012 im Vergleich zu 1990 verpflichtet. Der neue Vertrag soll eine Senkung um 25 bis 40 % bis 2020 vorsehen. Dafür sollen die Industrieländer auch mehr klimafreundliche und energieeffiziente Technologien an Entwicklungsländer liefern.
Umwelttechnik bleibt weiterhin auf Wachstumskurs. So wurden nach Berechnungen der GTZ (Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) 2006 weltweit 71 Milliarden US-Dollar in erneuerbare Energien investiert, 43 % mehr als 2005. Davon entfielen 15 Mrd. $ auf die Entwicklungs- und Schwellenländer.
In Zukunft werden regenerative Energien vor allem in Ländern wie China, Indien und Brasilien zunehmen. In China erfolgt derzeit die Stromerzeugung noch zu gut 80 % in fossil befeuerten Kraftwerken, überwiegend auf Steinkohlebasis, so die GTZ TERNA-Länderstudie von 2007. Wasserkraft trägt 15 bis 18 % bei, Kernenergie etwa 1 %, Windenergie deutlich unter 1 %. Dies soll sich gemäß dem elften Fünfjahresplan ändern: Bis 2010 sollen Erdgas, Wasser und Wind sowie Kernenergie einen Anteil von 38 % an der Stromerzeugung erreichen. Bis 2020 sollen allein 20 % – 290 GW – auf Wasserkraft entfallen; heute sind es 128 GW. Das technisch nutzbare Wasserkraftpotenzial in China ist das größte der Welt und wird auf 676 GW geschätzt.
2011 werden erneuerbare Energien allein in Europa knapp 18 Mrd. $ Umsatz generieren – das ist fast eine Verdreifachung gegenüber 2001
Quelle: Frost & Sullivan 2005
Auch das Potenzial für Windenergie ist erheblich: Überschritt Ende 2005 die installierte Kapazität die 1-GW-Schwelle, sollen die Windkraftkapazitäten bis 2020 auf 30 GW aufgestockt werden. Der Markt für Photovoltaik wächst ebenfalls. Bis Ende 2006 erreichten die installierten PV-Kapazitäten in China 65 MW. Etwa die Hälfte davon diente der Stromversorgung von Haushalten in ländlichen Regionen. Bis 2020 sollen 1,8 GW in Form von Photovoltaikanlagen installiert sein. Frost & Sullivan erwartet für die regenerativen Energien in China eine Umsatzsteigerung von 6,9 Mrd. US-$ in 2006 auf 17,9 Mrd. $ in 2013. Neben Steuervergünstigungen und Fördermitteln hat Peking eine Reihe weiterer wirtschaftlicher Anreize geschaffen, um den Markt für erneuerbare Energien zu beleben. "Hierbei ist die Photovoltaik bis 2013 voraussichtlich die am schnellsten wachsende Energiequelle in China. Damit steht sie noch vor der Windkraft", kommentiert Frost & Sullivan Research-Analystin Linda Yan.
Eine andere Möglichkeit zur klimafreundlichen Energieerzeugung sind Technologien, die eine effiziente Abscheidung von CO2 erlauben – wie die Kohlevergasung, die Verbrennung mit reinem Sauerstoff oder die CO2-Abscheidung aus Rauchgas. Es gibt zwar bereits Pilotprojekte (Kohlendioxid-Abscheidung und CO2-Speicherung), aber bis zu einem umfassenden Einsatz ist noch ein weiter Weg. Nach einer Prognose des IPCC (UN Intergovernmental Panel on Climate Change) von 2005 wird der Anteil von Technologien zur CO2-Abscheidung und Speicherung (CCS) in der weltweiten Energieerzeugung im Jahr 2020 nicht über 3 % liegen.
Von 2000 bis 2030 sollen sich die Kosten von CCS-Systemen von 50 bis 100 % pro Tonne CO2auf 25 bis 50 $ halbieren. Die IEA rechnet, dass deshalb bis 2030 der Anteil von CCS an der Energieerzeugung bereits auf 20 % und bis 2050 sogar auf 37 % steigen könnte. Hierdurch würden die energiebedingten weltweiten CO2-Emissionen bis 2050 aufaddiert um 18 GT niedriger ausfallen: ein wichtiger Beitrag zur Erreichung der auf Bali vereinbarten Ziele.
Sylvia Trage