Energie für Milliarden – UN-Zertifikate für Energiesparlampen
Indiens neues Licht
Osram tauscht in Indien Glühlampen gegen Energiesparlampen – und erhält als weltweit erster Lampenhersteller für eine solche Aktion nach dem Clean Development Mechanismus Emissionszertifikate der Vereinten Nationen.
Alt gegen neu: Familie Radheyshyam hat gut lachen. Durch den Tausch ihrer alten Glühlampe gegen eine moderne Energiesparlampe sparen sie in zehn Jahren 55 € an Stromkosten und schonen die Umwelt
Familie Radheyshyam aus der indischen Stadt Visakhapatnam hat keinen extravaganten Designer-Lampenschirm. Dennoch hängt bei ihnen seit kurzem eine hochinnovative Lampe, die auch in Europa nicht überall zu finden ist: die Energiesparlampe Dulux EL Longlife von Osram. 700 000 dieser Lampen, die im Vergleich zu herkömmlichen Glühlampen bis zu 80 % weniger Strom verbrauchen, tauscht Osram zusammen mit dem Partner RWE seit April 2008 in Indiens Haushalten aus – im Rahmen des "Clean Development Mechanism" (CDM) der Vereinten Nationen (UN).
"Die Idee ist, den CO2-Ausstoß in Entwicklungs- und Schwellenländern mit modernster Lampentechnologie deutlich zu reduzieren – zum Nutzen aller", sagt Projektleiter Boris Bronger von Osram. Man könnte auch von einer "Win-Win-Win-Situation" sprechen. Zum einen profitieren die teilnehmenden Haushalte: Sie bekommen die neueste Technik fast geschenkt – Familie Radheyshyam zahlt für die Energiesparlampe nicht mehr als für eine Glühlampe, spart aber durch den geringeren Stromverbrauch jeden Monat bares Geld. Zum anderen verbessert sich die Stromversorgung – es gibt weniger Spitzenbelastungen, was die Stromausfälle im recht instabilen indischen Stromnetz reduziert. Zudem nutzt es der Umwelt – die neuen Lampen ersparen der Atmosphäre innerhalb von zehn Jahren etwa 400 000 t CO2. Und Osram selbst erhält Emissions-Zertifikate von der UN, die es zur Refinanzierung des Projekts frei verkaufen kann. Die Fachleute bei Osram sind trotz der hohen Startinvestitionen zuversichtlich, dass so ein neues Geschäftsmodell entstehen kann.
Die Pilotregion für den Lampentausch ist der Bundesstaat Andhra Pradesh an der Ostküste Indiens. "Die Resonanz auf den Informationsveranstaltungen, die Osram zusammen mit dem lokalen Stromversorger durchführte, war durchweg positiv", betont Bronger. "Die Bewohner freuen sich, dass sie mit der neuesten Technik Strom und Geld sparen und der Umwelt helfen." Pro Haushalt werden maximal zwei Lampen ausgetauscht – damit wohlhabende Inder keinen Vorteil gegenüber der ärmeren Bevölkerung haben. Die alten Glühlampen sammelt Osram ein und recycelt sie umweltgerecht. "Die von uns entwickelte Methodik schreibt vor, dass die alten Lampen nicht mehr weiterverwendet werden", erklärt Bronger. Außerdem werden als Stichprobe in 200 Haushalten eigens entwickelte Messgeräte installiert, die für die UN die durchschnittliche Nutzungsdauer pro Tag aufzeichnen. Die Daten werden ausgewertet und in regelmäßigen Berichten dokumentiert. Der TÜV verifiziert die Angaben und schickt sie direkt an die UN.
Ideal für Schwellenländer. Das Oberteil der Lampen wird in Deutschland produziert, das Unterteil mit der komplexen Elektronik in Italien. Zusammengesetzt werden sie in Indien. Die Dulux EL Longlife zählt zu den innovativsten Lampen Osrams und ist für den Einsatz in Schwellenländern prädestiniert. Sie lässt sich beliebig oft ein- und ausschalten und ist recht unempfindlich gegenüber Stromausfällen. Zudem ist auch ihr Quecksilberanteil äußerst gering, was der Umwelt bei der Entsorgung zugute kommt.
So groß der organisatorische Aufwand für die Aktion ist, so wenig müssen sich die Radheyshyams um den Ablauf kümmern. Während der Vater zusieht, wie die neue Energiesparlampe eingesetzt wird, muss er nur auf einem Formular unterschreiben und ankreuzen, welche Lampe ausgetauscht wurde. In den nächsten zehn Jahren wird er wohl keine neue Lampe mehr kaufen und spart dabei richtig Geld: Rund 5,5 Euro-Cent kostet eine Kilowattstunde in Indien; in zehn Jahren spart eine einzige Lampe bis zu einer Megawattstunde – entsprechend 55 € an Stromkosten. "Für die Lampe selbst zahlen die Nutzer einen kleinen symbolischen Betrag, um das Gefühl zu bekommen, in eine Verbesserung investiert zu haben", sagt Bronger. Umgerechnet 25 Euro-Cent kostet die Radheyshyams die Dulux EL Longlife. Selbst für indische Verhältnisse ein Schnäppchen.
Daniel Schwarzfischer
Wie viel CO2 spart eine Lampe?
Der "Clean Development Mechanism" wurde im Kyoto-Protokoll festgeschrieben. Basis der CDM-Berechnungen ist, wie viele Klimagase eine Region produzieren würde, wenn alles so weiterliefe wie bisher. Dann wird ermittelt, wie viel davon mit Energiesparlampen eingespart werden könnte. Die tatsächlich realisierten Einsparungen müssen von unabhängigen, bei der UN akkreditierten, Organisationen – etwa dem TÜV – überwacht werden. Ein komplexer Prozess, dessen Genehmigung entsprechend lange dauert. Osram hat 2004 seine Methodik eingereicht, 2007 wurde sie freigegeben. Seit April 2008 ersetzt Osram nun als weltweit erster Lampenhersteller nach diesem Konzept Glühlampen durch Energiesparlampen – zunächst in Indien, doch künftig sind noch weitere Länder, vor allem in Afrika und Asien, geplant. Zur Berechnung der eingesparten CO2-Mengen wird stichprobenartig gemessen, wie viel Strom eine Dulux EL Longlife über ihre Lebensdauer einspart – dieser Wert dürfte bei 1 MWh liegen. Die CO2-Emissionen betragen in Indien wegen der vielen Kohlekraftwerke je nach Region 0,85 bis 1,0 t/MWh (weltweit liegt der Durchschnitt aller Kraftwerke bei 0,575 t/MWh). In Ländern wie Brasilien, das viel auf Wasserkraft setzt, wäre der CO2-Einspareffekt deutlich geringer; daher eignen sich nicht alle Länder für solche CDM-Projekte. Pro eingesparter Tonne CO2 bekommt Osram ein Emissionszertifikat von der UN. Da diese Zertifikate frei gehandelt werden können, variiert der Preis, der sich damit erzielen lässt.
Schwarzfischer / Lackerschmid