Editorial
Durchschlagende Wirkung
Reinhold Achatz ist Leiter von Corporate Research and Technologies, der zentralen Forschungsabteilung von Siemens
Was haben ein Ultraschallgerät, eine Aspirin-Tablette und eine Teflonpfanne gemeinsam? Ihre Anwendungsgebiete reichen weit über das hinaus, was sich ihre Erfinder einst vorgestellt hatten. Ultraschall wurde zunächst zur Ortung von U-Booten eingesetzt, dann zur Werkstoffprüfung, und inzwischen basiert auf ihm auch eines der wichtigsten Verfahren der medizinischen Bildgebung. Der Wirkstoff von Aspirin, die Acetylsalicylsäure, ist nicht nur geeignet zur Bekämpfung von Kopf-, Zahn- und Gliederschmerzen, sondern er hemmt auch die Blutgerinnung und kann daher zur Herzinfarkt-Prophylaxe eingesetzt werden. Und Polytetrafluorethylen – Teflon – dient nicht nur als Antihaft-Beschichtung von Bratpfannen: Es eignet sich wegen seiner glatten Oberfläche und geringen Reibung auch für medizinische Implantate und Prothesen und es ist das Schlüsselelement für atmungsaktive Kleidung in den Gore-Tex-Membranen.
Ultraschall, Aspirin und Teflon sind typische Beispiele so genannter Multiple- Impact-Technologien, die Innovationen in den unterschiedlichsten Anwendungsfeldern vorantreiben. Es sind gerade die weißen Flecken zwischen den Disziplinen – ob Biologie, Chemie oder Physik, Materialwissenschaft oder Medizin, Energietechnik oder Sensorik, Transportwesen oder Informatik –, wo viele Nuggets zu entdecken sind. Die Synergien der Multiple-Impact-Technologien sind ein wichtiger Grund, warum ein integrierter Technologiekonzern wie Siemens auf eine zentrale Forschung setzt: Bei Corporate Technology mit seinen Forschungsstätten rund um den Globus werden etliche der Technologien und Prozesse entwickelt und vorangetrieben, die die Siemens-Sektoren Energy, Industry und Healthcare zu Trendsettern machen. Dies reicht von der Materialforschung und Sensorik über Software und Kommunikationstechnik bis hin zu Wissensmanagement und neuartigen Produktionsprozessen.
In Pictures of the Future wurden immer wieder Beispiele erfolgreicher Multiple- Impact-Technologien vorgestellt: etwa die Piezotechnologie, die Siemens-Forscher für die Kommunikationstechnik ebenso weiter entwickelten wie für die Automobilindustrie oder die Medizintechnik. Gleiches gilt für Keramiken mit Anwendungen von der Tur-binenbeschichtung bis zum Röntgendetektor oder für Verfahren der dreidimensionalen Formbestimmung, die sich für die 3D-Gesichtserkennung ebenso eignen wie für Fehleranalysen bei Turbinenschaufeln oder die präzise Fertigung von Im-Ohr-Hörgeräten.
Auch in dieser Ausgabe von Pictures of the Future finden Sie wieder ähnlich spannende Beispiele von Multiple-Impact-Technologien: etwa lernende Systeme, die den Ressourceneinsatz in der Energietechnik oder in Industrieanlagen optimieren und Preisentwicklungen vorhersagen können (Digitale Leitsysteme). Oder ein Verfahren zur Risikoanalyse, das Siemens bei U-Bahnen ebenso nutzt wie bei Kraftwerksprojekten (Computer im Finanzsektor). Vielfältig einsetzbar sind auch unsere Labors für User Interface Design (Usability): Hier werden zusammen mit Kunden und Anwendern Geräte im Operationssaal auf optimale Bedienbarkeit getrimmt, aber auch Cockpits von Zügen oder die Leitstellen von Kraftwerken. Bei einer Störung zeigt die Software nicht nur den Ort des Fehlers, sondern gibt auch hilfreiche Hinweise, wie die Störung zu beseitigen ist.
Solchen digitalen Assistenten widmet Pictures of the Future einen ganzen Themen-Schwerpunkt (Digitale Assistenten): Intelligente Software unterstützt heute nicht nur Ärzte bei der Erstellung von Diagnosen und der Durchforstung medizinischer Datenbanken, sondern sie hilft auch Betreibern von Industrieanlagen und Kraftwerken. So können Computer mit Hilfe einer Vielzahl von Sensoren etwa die Funktionstüchtigkeit von Getrieben in Zementmühlen oder Windkraftanlagen überwachen und Alarm schlagen, noch bevor die Anlage ausfällt. Eine derartige vorausschauende Wartung hilft den Kunden, ihre Anlagen möglichst unterbrechungsfrei laufen zu lassen.
Forscher von Siemens Corporate Technology arbeiten auch bereits an Lösungen für drahtlose, selbstorganisierende Sensor- Aktor-Systeme. Eingesetzt werden könnten sie etwa für die Fernüberwachung von
Ölpipelines und Ölplattformen (Sicherheit) oder für die Prozesssteuerung in der Industrie und auch in der Gebäudeautomatisierung – im wahrsten Sinne des Wortes wieder eine Multiple-Impact-Technologie.