Digitale Assistenten – Computer im Finanzsektor
Wenn’s um Geld geht…
Für die Siemens In-house-Bank und zur Bewertung von Risiken bei Aktien- oder Kreditgeschäften setzt Siemens Financial Services auf selbst entwickelte IT-Systeme. So behalten die Finanzspezialisten jederzeit den Überblick über alle Geldströme.
Riesige Geldströme, wie sie täglich an der Frankfurter Börse fließen, können Menschen ohne digitale Assistenz nicht mehr beherrschen. Bei Siemens managt eine zentrale IT-Lösung die weltweiten Finanzströme
Hin und wieder heißt es, Siemens sei eine Bank mit angeschlossener Elektroabteilung. Zwar ist und war dieses Bonmot zu keiner Zeit wirklich zutreffend, doch natürlich steckt auch darin ein Körnchen Wahrheit. Denn bei einem Jahresumsatz von über 70 Mrd. € in 190 Ländern und Millionen von Buchungen im Kontakt mit hunderttausenden Kunden braucht es ausgefeilte Finanzsysteme, um die Komplexität handhaben zu können.
So verfügt der Konzern mit finavigate über eine internetbasierte In-house-Bank-Lösung, über die alle Finanzströme sowie die internen und externen Zahlungen zentral gemanagt werden. Das schafft eine taggenaue und konzernweite Transparenz über Umsatzentwicklung, Währungspositionen, Cash Flow und alle Forderungen und Verbindlichkeiten. finavigate, das bei Siemens Financial Services (SFS) entwickelt wurde, wird von Siemens und sechs weiteren Konzernen eingesetzt. "Allein bei der Siemens AG sind es fast zehn Millionen externe Zahlungen pro Jahr", sagt Willibald Schmeiser, Leiter der Abteilung Treasury Solutions & Consulting bei SFS.
Angeschlossen sind alle Konzerngesellschaften sowie Banken, mit denen Geschäftsverbindungen bestehen, so dass finavigate zum Dreh- und Angelpunkt zwischen interner und externer Finanzwelt wird. "Pro Tag haben wir 100 000 Zugriffe von über 7 000 weltweiten Anwendern. Das System erstellt einen Monatsabschluss innerhalb von 30 Minuten." Finavigate sichert letztlich die jederzeitige Zahlungsfähigkeit von Siemens: Weil genau bekannt ist, zu welchem Zeitpunkt Zahlungseingänge oder -ausgänge zu erwarten sind, sind die liquiden Mittel in Echtzeit erkennbar. "So können wir freies Kapital optimal verzinsen oder benötigtes Kapital frühzeitig und damit zu günstigsten Bedingungen bereitstellen", sagt Schmeiser.
Interne Bank. SFS fungiert sozusagen als interne Bank für Siemens mit allen Finanzierungsinstrumenten inklusive Venture Capital oder Versicherungslösungen. Die etwa 1 800 Mitarbeiter erwirtschafteten im vergangenen Geschäftsjahr 329 Mio € und verwalteten eine Bilanzsumme von fast 9 Mrd. €. Eine wichtige Aufgabe ist zudem das Risikomanagement. So übernimmt SFS alle Forderungen, die Siemens gegenüber Kunden nach dem Verkauf von Produkten hat – egal, ob es sich um Computertomographen, Videoüberwachungssysteme oder Briefsortieranlagen handelt. Das Risiko für den Zahlungsausfall liegt dann nicht mehr vollständig bei der operativen Einheit sondern überwiegend bei SFS.
"Für dieses riesige Portfolio an Krediten berechnen wir das Ausfallrisiko, um den optima-len Bedarf an Deckungskapital zu ermitteln", erzählt Bernd Walter, Leiter Risikomethoden bei SFS. Da die Ausfallrate der Kredite schwanken kann, muss Siemens sich dafür absichern und Kapital vorhalten, um nicht selbst zahlungsunfähig zu werden. Mit seinem Team von sieben Mitarbeitern hat Walter eine Software entwickelt, die jeden Kredit nach seinen Risikokosten bewertet. So kann ein Kredit mit einem Volumen von mehreren hundert Millionen Euro praktisch ausfallsicher sein, weil der Schuldner eine extrem gute Bonität hat – beispielsweise wenn es sich um Geschäfte mit staatlichen Behörden handelt. Andererseits kann ein kleinerer Millionenkredit hohe Risikokosten verursachen, etwa wenn der Kunde ein Start-up ist, das auf absehbare Zeit noch keinen Gewinn macht.
Digitale Risikobewertung. "Ein Mensch ist bei dieser Bewertung überfordert. Es geht um 150 000 Schuldner mit teilweise mehreren Krediten und Geschäften mit Dritten", sagt Walter. Das Modell hingegen identifiziert die größten Risiken und macht diese sichtbar. "Bei der Beinahe-Pleite des Automobilzulieferers Delphi hat uns das vor einem Verlust von etwa 20 Mio € bewahrt", erzählt Walter. Noch bevor Delphi im April 2005 von den Ratingagenturen auf niedrigste Bonität gesetzt wurde, wies das Modell einen sehr hohen Risikobeitrag der Delphi-Position aus. Daraufhin wurden die gesamten Forderungen von Siemens an Delphi versichert und fielen nicht aus, obwohl Delphi Antrag auf Gläubigerschutz stellte.
"In das Modell fließen Variablen ein, wie die Bonität der einzelnen Schuldner, die wir wie-derum anhand der Kundendaten ermitteln. Dazu zählen etwa Finanzkennzahlen, Firmenalter, Mitarbeiterzahl, Branche und die Zahlungserfahrung mit dem Kunden", sagt Walter. Mit einem ähnlichen Modell halfen Walter und sein Team, die Versicherungsprämien von Siemens deutlich zu senken. SFS vermittelt Schutz für alle Versicherungsrisiken, von Sachschäden über Transportschäden bis zur Versicherung von Großprojekten.
"Welche Risiken geben wir nach außen, welche tragen wir selbst? Auch das sind Fragen, die unsere computergestützten Tools beantworten können", sagt Walter. "Und vor allem: Ist die Prämie gerechtfertigt?" Schließlich soll diese möglichst niedrig sein, weil sie den Gewinn schmälert. "Wir haben dafür sehr viele Daten über vergangene Versicherungsschäden in ein Modell eingespeist." Mit Hilfe einer Simulation erzeugte das Modell dann Hunderttausende zufällige Zukunftsszenarien für Schäden.
"Aus diesen Szenarien konnten wir die maximal zu erwartenden Schäden ableiten und auch Aussagen zur Eintrittswahrscheinlichkeit bestimmter Schadenshöhen und der im Mittel zu erwartenden Gesamtschadenshöhe machen." Letztlich gelang es mit dem Projekt, die Versicherungsprämien innerhalb des Konzerns gerechter zu verteilen und insbesondere die Transferprämien, also jene Prämien die an den Versicherer bezahlt werden, signifikant zu senken.
Entscheidungshilfe per Klick. Die Wertpapieranalysten von SFS managen fast 20 Mrd.€ an Kapital, darunter auch das Anlagevermögen für die Siemens-Pensionsfonds. Um beim stetigen Auf und Ab an den Aktien-, Renten- und Währungsmärkten nicht den Überblick zu verlieren, nutzen auch sie digitale Assistenten. "Unsere Entscheidungen basieren auf Prognosemodellen, die wir selbst entwickelt haben", sagt Dr. Christoph Ulschmid, zuständig für Renten und Währungen. Wohin bewegen sich etwa die Zinsen, die letztlich enormen Einfluss auf die Konjunktur haben? "Wichtig sind hier kurzfristige Aussagen, die die Entwicklung im nächsten Monat vorhersagen sollen." Dazu nutzt Ulschmid Modelle, die technische Indikatoren berechnen und die Zinsstrukturkurve analysieren. Ebenfalls entscheidend sind fundamentale Aussagen über die Inflation und das volkswirtschaftliche Wachstum.
Auch sein Kollege auf der Aktienseite verwendet Modelle, die teilweise bekannte Analyseinstrumente wie das FED-Modell der US-Notenbank einbeziehen. "Wir haben sozusagen Spezialwerkzeuge", sagt Rainer Hackl, Leiter Aktien bei SFS Treasury and Investmentmanagement. "Sie liefern uns Entscheidungshilfen, für welche Regionen, welche Länder und welche Unternehmen überdurchschnittliche Renditen zu erwarten sind." Daraufhin wird das Portfolio erstellt und wenn nötig auch umgeschichtet, wenn die Kontrollmechanismen dies nahelegen. Aktien halten die Experten durchschnittlich zwei Jahre, Rentenpapiere etwa vier Jahre. "Ob eine Aktie gekauft oder verkauft wird, entscheidet natürlich der Manager," sagt Hackl. Aber ihn fasziniert es, dass "der Computer uns bei der Auswahl unterbewerteter Aktien hilft, obwohl er selbst nicht das Geringste über Aktien weiß."
Norbert Aschenbrenner
Siemens Corporate Technology (CT) hat eine Methodik namens sira entwickelt, um die Risiken bei Großprojekten im Griff zu haben. "Dazu holen wir alle Beteiligten an einen Tisch und identifizieren die vorhandenen technischen und vertraglichen Risiken", sagt Oliver Mäckel, Leiter technisches Risikomanagement bei CT. Bewährt hat sich dabei eine Darstellung mit Kugeln, deren Farbe, Größe und Position Aufschluss gibt über die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Risikos in Kombination mit den finanziellen Folgen. "In einem weiteren Schritt kombinieren wir das mit der subjektiven Wahrnehmung der Planer. Dann wird sofort klar, welche Risiken das Projektteam im Blick hat und welche es vielleicht unterschätzt", erklärt Mäckel. "Wir lesen solche Grafiken inzwischen wie ein erfahrener Arzt ein Röntgenbild." Etwa 70 Risikoanalysen haben Mäckel und sein Team bisher erstellt. Besonders bewährt hat sich die Hilfe der CT-Experten bei der Metro in Oslo. Erstmals ist dort eine von der Division Mobility selbst entwickelte Bremse im Einsatz; ein Paradebeispiel für ein potenzielles Risiko mit großen Folgen – wenn beispielsweise zusätzlich notwendige Tests die Auslieferung verzögern würden. In diesem Fall ging alles glatt, unter anderem weil die CT-Experten halfen, die optimale Abwägung zwischen Veränderungen in der Mechanik, Hardware und Software zu finden. In der Division Fossil Power Generation ist der Ruf der CT-Risikoanalysten inzwischen so gut, dass sie alle Projekte ab einer bestimmten Größe und technischen Herausforderung routinemäßig durchleuchten.