Technik für die Umwelt – Interview
"Wir müssen die globalen Emissionen bis 2050 halbieren"
Interview mit Hans Joachim Schellnhuber
Der Physiker Prof. Hans Joachim Schellnhuber (56) ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Als einer der ersten Forscher weltweit hat er sich mit den Folgen des Klimawandels beschäftigt. Von 2001 bis 2005 war er zudem als Forschungsdirektor am Tyndall Centre for Climate Change in Norwich tätig. Für seine Arbeit über den Klimawandel hat ihn die britische Königin zum "Honorary Commander of the Most Excellent Order of the British Empire (CBE)" ernannt. Schellnhuber ist kürzlich von Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Klimaberater der Bundesregierung während der EU-Präsidentschaft und des G8-Vorsitzes im Jahr 2007 berufen worden.
Die Weltwirtschaft ist in Gefahr, warnt der britische Ökonom Nicholas Stern in seinem Bericht. Die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre dürfe 550 ppm nicht überschreiten, damit die Erde sich um höchstens 2 bis 3 °C erwärmt. Sehen Sie das genauso?
Schellnhuber: Zwei bis drei Grad – das klingt wenig, ist es aber nicht. Die Temperaturdiffe-renz zwischen der letzten Eiszeit und der jetzigen Warmzeit beträgt auch nur 5 °C – und was haben diese fünf Grad für die Welt bedeutet! Ich möchte die Aussagen des Stern-Reports aber noch etwas präzisieren: Wenn wir 550 ppm einhalten, dann lassen wir es immer noch mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 % zu, dass die Erdtemperatur um mehr als 2 °C steigt. Das wäre schon sehr bedenklich. Ich würde Sterns Forderung verschärfen und als Obergrenze 450 ppm vorschreiben. Dann begrenzen wir mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % die Erwärmung auf 2 °C. Fifty-fifty – auch das ist nicht gerade beruhigend. Im Grunde müsste man die Emissionen langfristig unter 400 ppm drücken, um sehr sicher zu sein, dass wir die 2-°C-Linie halten...
... weil 2 °C die magische Grenze sind, unterhalb derer wir die Folgen der Erwärmung noch verkraften können?
Schellnhuber: Es ist keine scharfe Grenze, aber überschreiten wir sie, so werden die Schäden zusehends unbeherrschbar. Es würde auf unserem Planeten wärmer als jemals zuvor seit 20 Millionen Jahren – und das innerhalb nur eines Jahrhunderts. Das wäre eine Achterbahnfahrt, wie sie die Erde noch nicht erlebt hat.
Wären die Folgen einer Erwärmung deutlich über zwei Grad wirklich dramatisch?
Schellnhuber: Ja. Erstens würden das arktische Meereis und das Grönlandeis auf lange Sicht völlig und die Antarktis zum Teil wegschmelzen. Dadurch stiege der Meeresspiegel enorm an. Man müsste praktisch alle Küstenzonen evakuieren, die menschliche Zivilisation müsste neu erfunden werden. Und weil zu allem Überfluss die Ozeane durch den direkten CO2-Eintrag aus der Atmosphäre versauern, müsste sich auch das Leben im Meer umstellen. Zweitens wäre die Atmosphäre stärker als bisher mit Wasserdampf und Energie geladen, die Stürme würden heftiger. Drittens würden sich die Niederschlagskontraste verschärfen: Dort wo es wenig regnet, würde es noch weniger regnen und umgekehrt, die Ausbreitung der Wüsten wäre nur eine der Konsequenzen. Und viertens müssten wir wegen des größeren Temperaturunterschieds von Land und Meer auch in Europa mit einem Monsun-Effekt rechnen.
Und was würde es kosten, das 2-Grad-Ziel einzuhalten?
Schellnhuber: Laut Stern müssten wir etwa 1 % des weltweiten Bruttosozialprodukts investieren, um die Erwärmung auf 2 bis 3 °C zu begrenzen. Sein Bericht stützt sich stark auf Modellrechnungen, die unser Institut im Rahmen eines internationalen Vergleichsprojekts gemacht hat. Wir sind dabei neue Wege der ökonomischen Analyse gegangen, weil frühere, zumeist amerikanische, Studien zu den Kosten des Klimaschutzes von falschen Prämissen ausgingen. Sie haben den technischen Fortschritt bei der Nutzung klimafreundlicher Energiequellen kaum berücksichtigt und dadurch viel zu hohe Kosten angesetzt. Nach unseren Resultaten kostet selbst das Halten der 2-°C-Linie weniger als 1 % der globalen Wirtschaftsleistung. Sterns Kalkulation ist pessimistischer als unsere, er hat einen Sicherheitszuschlag eingerechnet.
Und was kostet das Nichtstun?
Schellnhuber: Mindestens zehn Mal mehr als der Klimaschutz, also um die 10 bis 20 % des globalen Bruttosozialprodukts.
Was sollte man also an konkreten Maßnahmen unternehmen?
Schellnhuber: Im Grunde genommen muss das Weltenergiesystem auf eine neue, kohlenstoffarme Grundlage gestellt werden. Das bedeutet erstens, Energie zu sparen und sie effizienter zu nutzen und zweitens, erneuerbare Energiequellen wie Wind, Sonne, Erdwärme oder Biomasse erheblich auszubauen. Dabei ist das Energiesparen die bei weitem kostengünstigste Methode – die britische Kommune Woking etwa hat innerhalb von zehn Jahren ihren CO2-Ausstoß um fast 80 % reduziert und dabei noch eine Menge Geld gespart. Wärmeisolation von Gebäuden, Energiesparlampen, spritsparende Autos und vieles mehr – das Potenzial ist riesig. Die Entwicklung erneuerbarer Energiequellen ist dagegen kostspieliger, aber auf lange Sicht unerlässlich.
Mehr Effizienz und erneuerbare Energien – wird das ausreichen?
Schellnhuber: Nicht vollständig. Wir werden vor allem die Kohlenstoff-Sequestrierung nutzen müssen. Das heißt, das CO2 muss bei der Verbrennung von Kohle gebunden werden statt es in die Atmosphäre zu pusten. In Biomasse-Kraftwerken wäre das am effektivsten – dann entfernt man sogar netto Kohlenstoff aus der Atmosphäre. Bei der Kernkraft könnte man die Laufzeiten bestehender Kraftwerke verlängern, denn deren Gefahren sind gering im Vergleich zu den Gefahren durch die Erderwärmung. Allerdings lässt sich ihr Anteil an der Stromerzeugung nicht erheblich steigern, wenn man nicht in die Plutonium-Wirtschaft mit der Wiederaufarbeitung einsteigen oder Tausende neuer Kernkraftwerke bauen will. Die Gewinne aus der Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke sollte man aber meines Erachtens in die Entwicklung alternativer Energiequellen stecken.
Werden die Unternehmen bei der Umstellung des Weltenergiesystems mitmachen?
Schellnhuber: Ja, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Die Politik muss die Vorgaben machen und die Ziele setzen. Ich hielte es für sinnvoll, wenn sich jedes Land eine Art Road-Map erstellte, die dann zu einem internationalen Road-Atlas zusammengefügt würden. Es ist nicht daran zu rütteln, dass wir die globalen CO2-Emissionen bis 2050 gegenüber 1990 halbieren müssen. Industrieländer sollten ihren Kohlenstoffausstoß sogar um 60 bis 80 % reduzieren, weil sie in der Vergangenheit viel mehr CO2 erzeugt haben als die Entwicklungsländer.
Wie sinnvoll ist das Instrument des Emissionshandels?
Schellnhuber: Beim Emissionshandel wird mit staatlich verknappten Verschmutzungsrechten gehandelt. Das ist im Prinzip richtig, kann aber nicht das einzige Instrument bleiben. Man muss verstärkt auf technologische Innovationen setzen, wobei der Gewinn immer dann am größten ist, wenn Verschwendung reduziert wird. Allein in London wird so viel CO2 produziert wie in ganz Portugal oder Belgien, wobei der Zuwachs der letzten Jahre nur durch die Zunahme elektronischer Geräte entstanden ist, die im Standby-Betrieb Strom verbrauchen. Jeder Ingenieur weiß, dass sich das ändern lässt.
Bleibt uns genug Zeit, die Emissionen herunterzuschrauben?
Schellnhuber: 2007 und 2008 werden entscheidende Jahre sein, denn jetzt wird sich herausstellen, ob sich die Industrieländer auf einen Nachfolge-Vertrag zu Kyoto einigen können. Die wichtigsten Investitionen müssen spätestens in den nächsten fünf bis zehn Jahren geschehen, denn dann steht die Erneuerung ganzer Kraftwerkparks an.
Was kann ein weltweit tätiges Unternehmen wie Siemens tun?
Schellnhuber: Das Klimaproblem spielt deutschen Unternehmen in die Hände. Schließlich wurden wir Deutschen oft wegen unserer Umweltorientierung belächelt. Unsere Wirtschaft kann dazu beitragen und sogar daran verdienen, dass tatsächlich eine neue industrielle Revolution beginnt, an deren Ende die Null-Emissions-Gesellschaft steht. Wer jetzt investiert, hat später den Vorteil, seine Technologie an die großen Zukunftsmärkte in China oder Indien liefern zu können.
Kann das funktionieren, so lange die USA nicht den Treibhauseffekt eindämmen?
Schellnhuber: Länder wie Indien und China, die immer mehr Energie verbrauchen, werden so lange mit dem Finger auf die USA zeigen, wie diese ihre Emissionen nicht begrenzen. Ich sehe aber gute Chancen, dass Washington nach der Wahl 2008 umschwenken wird. Die USA werden wahrscheinlich nicht dem Kyoto-Protokoll beitreten, aber sie könnten sich vergleichbare Ziele setzen. Im übrigen wollten bisher auch viele in Europa das Problem nicht sehen –sie dachten wohl, dass der Zug erst in 50 Jahren entgleist. Doch inzwischen spüre ich ein steigendes Interesse von Politik und Wirtschaft.
Hat der Stern-Bericht zum Sinneswandel beigetragen?
Schellnhuber: Ich sehe es so: Wissenschaftler haben durch jahrelange Warnungen die Festung sturmreif geschossen. Stern hat die letzten Mauern niedergerissen, indem er – aufbauend auf den wissenschaftlichen Fakten – die wirtschaftlichen Folgen abgeschätzt hat. Und es ist nun mal so: In der Politik zählen vor allem die ökonomischen Argumente.
Das Interview führte Jeanne Rubner
Tony Blair war begeistert. Der 650 Seiten starke Stern-Bericht, sagte der britische Premier, sei das wichtigste Papier, das ihm während seiner Amtszeit vorgelegt worden sei. Ein wenig Selbstinszenierung mag bei der Präsentation am 30. Oktober 2006 dabei gewesen sein, schließlich arbeitete der Autor Sir Nicholas Stern als Regierungsberater für Blair, der den Klimawandel als hochrangiges politisches Thema definiert hat. Doch der Erfolg gab ihm Recht, denn auch das Weltwirtschaftsforum in Davos Ende Januar 2007 hat gezeigt, dass es zumindest in den Industrienationen nun Konsens zu sein scheint, dass gegen den Klimawandel gehandelt werden muss. Laut Stern, früher Chefökonom der Weltbank, muss die Konzentration an Treibhausgasen in der Atmosphäre unter 550 ppm (parts per million) gehalten werden, um schwerwiegende Folgen für die Weltwirtschaft zu vermeiden. Zum Vergleich: Zu Beginn der Industrialisierung betrug der Wert 280 ppm, heute sind es 430 – und jährlich wächst der Wert um 2,3 ppm. Falls es gelingt, die Treibhausgase auf 550 ppm zu begrenzen, dann wird sich der Globus um 2 bis 3 °C erwärmen – das Maximum dessen, was Klimaforscher für gerade noch erträglich halten. Erreichen lässt sich dieses Ziel, wenn der Anstieg des Ausstoßes von CO2 und anderen Treibhausgasen bis 2020 gestoppt wird und danach die Emissionen um etwa 2 % jährlich sinken. Das kostet Geld: 1 % des weltweiten Bruttoinlandsprodukts pro Jahr, schätzt Stern. Das Nichthandeln wäre weitaus teurer: Eine Temperatursteigerung um 5 °C könnte mit bis zu einem Fünftel des BIP zu Buche schlagen.