Technik für die Umwelt – Effiziente Gebäudetechnik
Elegant gelöst
Die neue Siemens-Zentrale in China zeigt, dass Umweltschutz und Wirtschaftlichkeit kein Widerspruch sind –dank modernster Gebäudetechnik.
Neue Siemens-Zentrale in Peking: In dem Glasturm steckt intelligente Gebäudetechnik. Der Energieverbrauch ist etwa ein Drittel geringer als in vergleichbaren chinesischen Bürogebäuden
Immer wenn die taiwanischen Architekten C.Y. Lee & Partners ans Reißbrett treten, entstehen Gebäude, die Aufsehen erregen: eine Halle in Form eines Bronzegefäßes, ein Bürobau in Gestalt einer alten Münze oder die postmoderne Pagode Taipei 101, mit 509 Metern der höchste Wolkenkratzer der Welt (siehe Vernetzte Wolkenkratzer in Pictures of the Future, Herbst 2005). Nun setzen die Stardesigner in Peking neue Maßstäbe: mit der China-Zentrale von Siemens, einem 30-geschossigen Glasturm von sachlicher Eleganz. Ab Anfang 2008 werden hier 3 000 Mitarbeiter arbeiten. Hinter der transparenten Außenansicht steckt modernste, oft unsichtbare Technik, die zeigt, wie sich ein Grunddilemma der Megacity Peking lösen lässt: der vermeintliche Widerspruch zwischen Umweltschutz und Wirtschaftlichkeit, Platznot und Lebensstandard.
Neben einer guten Isolierung, energieeffizienten Geräten und durchdachtem Design der Arbeitsplätze verfügt das Gebäude vor allem über ein intelligentes Steuerungssystem, mit dem sich viele Funktionen zentral regulieren lassen: ob Feueralarm oder Sicherheit, Wasserversorgung, Licht oder Klimatisierung. "Das ist im Betrieb äußerst sparsam und für die Mitarbeiter sehr komfortabel", erklärt Jürgen Reimann, Architekt und Leiter von SRE DPS, der chinesischen Immobilien-Tochter von Siemens.
Auf einer Steuerungsplattform laufen die Informationen von etwa 3 000 Sensoren zusammen. Die Steuerung fährt die Sonnenblenden automatisch hoch oder herunter, reguliert die Klimaanlagen nach dem Wetter wärmer oder kühler und blendet die Lampen je nach Tageszeit auf oder ab. Dabei lässt sich jedes Büro einzeln regulieren. Wo die Sonne ins Fenster scheint, wird weniger geheizt als auf der Schattenseite, wobei der Lichteinfall so reguliert wird, dass er niemanden blendet. Abends gehen allmählich die Lampen an –und wieder aus, wenn Dienstschluss ist. Bewegungsmelder signalisieren, wenn an einzelnen Schreibtischen noch spät gearbeitet wird.
"So benötigt das Gebäude deutlich weniger Energie als andere Bürohäuser in China", sagt Toni Brania, der bei der britischen Projektmanagementfirma Turner & Townsend den Bau koordiniert. So ist der U-Wert, der die aufgewandte Energie pro Nutzfläche misst, etwa ein Drittel niedriger als in üblichen chinesischen Bürogebäuden. "Da Strom in der Volksrepublik immer teurer wird, wird Effizienz zunehmend zum Kostenfaktor." Das Gleiche gilt für Wasser. Deshalb wird laufend überprüft, wie viel Wasser in den Toiletten und Waschbecken verbraucht wird. Wenn irgendwo eine Spülung leckt, meldet es das System. Außerdem hat das Gebäude mehrere Wasserkreisläufe: Abwasser wird gefiltert und für die Toilettenspülung oder als Kühlwasser wieder verwendet.
Ökologie als Notwendigkeit. "Solche Ansätze sind für China neu", sagt Yan Shaobin, Projektleiter des Generalunternehmers CITIC. "Wir lernen bei diesem Bau sehr viel dazu." Dessen Gebäudetechnik ist auch international auf dem neuesten Stand. "In China wächst das Bewusstsein, dass hohe Umweltstandards kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit sind", sagt Reimann. Ökologische Probleme gelten inzwischen als größte Gefahr für das Wachstum. 700 Millionen Chinesen haben noch kein sauberes Trinkwasser. 58 % aller Flüsse sind so verschmutzt, dass sie nicht mehr als Wasserquelle dienen können. In etwa 400 Städten sinkt der Grundwasserspiegel rapide ab. Von den 20 Orten mit der schlechtesten Luft der Welt liegen 16 im Reich der Mitte. Etwa 400 000 Todesfälle jährlich sind auf Umweltverschmutzung zurückzuführen, schätzt die Regierung und beziffert die jährlichen Kosten für die Folgen von Umweltschäden auf 150 Mrd. €, etwa 10 % des Bruttoinlandsprodukts – so viel wie das gegenwärtige Wirtschaftswachstum. "Wenn es so weitergeht, wird China wieder arm, bevor es die Chance hatte, wohlhabend zu werden", warnt Pan Yue, Vizeminister des chinesischen Umweltministeriums, in Interviews. "Noch rühmen wir uns, die Werkbank der Welt zu sein, aber wenn wir nicht aufpassen, sind wir bald die Müllhalde des Planeten."
Daher braucht China nicht nur effektivere Gesetze und ein gesteigertes Umweltbewusstsein, sondern auch das Wissen, was mit moderner Technik alles möglich ist. "Manche energietechnischen Entwicklungen können hier noch gar nicht zum Einsatz kommen, weil die Rahmenbedingungen fehlen", hat Reimann beobachtet. So prüfte Siemens für das Pekinger Hauptquartier die Wirtschaftlichkeit eines eigenen Blockheizkraftwerks, musste die Idee jedoch verwerfen, da es in China bisher keine Möglichkeit gibt, überschüssigen Strom ins öffentliche Netz einzuspeisen. Auch Geothermie lässt sich in China noch nicht nutzen, da die dafür nötigen Analysen von Boden und Grundwasserströmen fehlen. "Aber das Land macht gewaltige Fortschritte", sagt Reimann, der für Siemens in China Bauprojekte mit einem Investitionsvolumen von etwa 250 Mio. € betreut.
Ein weiteres Projekt entsteht in Shanghai. Auch dort baut Siemens ein neues Firmenquartier. Mit 45 000 m² Nutzfläche wird es nur wenig kleiner sein als die 54 000 m² des Pekinger Neubaus. Technisch wird es ihm ebenso wenig nachstehen wie ästhetisch. Denn auch für das Shanghaier Design traten Stararchitekten ans Reißbrett: das Hamburger Büro von Gerkan, Marg und Partner, die zuletzt den spektakulären Berliner Hauptbahnhof entwarfen.
Bernhard Bartsch