SiemensVenture Capital
Gesundes Investment
Experten von SiemensVenture Capital (SVC) durchforsten die Start-up-Szene nach Technologietrends und Geschäftsideen. Dank der gezielten Investitionen kann Siemens seinen Kunden stets neueste Lösungen anbieten.
Bahnbrechende Innovationen identifizieren hat eine Ähnlichkeit mit Trüffelsuchen", sagt Dr. Ralf Schnell. "Man braucht eine hoch entwickelte Start-up-Szene, in der neue Technologien gedeihen und einen guten Riecher, wenn man Trends frühzeitig aufspüren und erfolgreich vermarkten will." Der Chef von Siemens Venture Capital setzt dabei auf die Risikokapital-Experten seines Teams, die die Forschung und Entwicklung (F&E) von Siemens und die Technologietrends genau kennen. Besonders innovativ ist der Sektor Gesundheit. Schnell hat ein Team zusammengestellt, das Start-up-Firmen analysiert und regelmäßig Technologien zur Ergänzung der Siemens-eigenen F&E findet.
Beispiel U-Systems. Das kalifornische Start-up hat eine Methode entwickelt, um Mammographien mit Ultraschall zu verbessern. Bei der Brustkrebsvorsorge setzen Ärzte üblicherweise Röntgenstrahlen ein, die bei dichtem Brustgewebe eine zu schlechte Auflösung liefern –davon sind etwa 40 % aller Frauen betroffen. Siemens Medical Solutions (Med) überlegte bereits, ein Röntgengerät mit Ultraschall zu kombinieren, doch der Aufwand schien zu groß.
"Unser Glück war, dass wir 2003 auf U-Systems stießen", erzählt Dr. Andrew Jay, Leiter des Medical Solutions Fund von SVC in Boston. Das Start-up passte mit seiner strahlenfreien Ultraschall-Methode exakt in die Siemens-Pläne. Die Durchleuchtung erfolgt hier von vorne –statt wie bei der Mammografie von oben –und kann daher auch bei kleinen Brüsten eingesetzt werden. Als Ultraschallquelle verwendete U-Systems ein System von Siemens. "Der Ansatz hat uns gleich begeistert", sagt Jay. Das Somogram genannte 3D-Ultraschallbild kann direkt mit der herkömmlichen Mammographie-Aufnahme verglichen werden, um die Diagnose zu verbessern.
Mammographie ganz ohne Röntgenstrahlen: Das kalifornische Unternehmen U-Systems verwendet für seine 3D-Technik spezielle Ultraschallgeräte, die die Brust von vorne aufnehmen
Doch die Bewährungsprobe stand noch aus: Funktioniert die Technik auch in der täglichen Praxis? Aus Erfahrung wissen die SVC-Experten, dass auf dem Weg bis zum marktfähigen Produkt viel schiefgehen kann. Nachdem die Entwickler von U-Systems 2006 noch einige technische Probleme gelöst hatten, lieferten sie im Herbst das erste funktionsfähige Gerät aus. Inzwischen haben sich diese SomoVu genannten Systeme so bewährt, dass mehrere Kliniken weitere Geräte bestellten. SVC erhöhte kürzlich die Beteiligung an U-Systems signifikant, und Med schloss mit der Firma ein weltweites Vertriebsabkommen.
"Mit unseren Investitionen sichern wir den Zugriff auf das fortschrittlichste Know-how außerhalb Siemens und damit letztlich auch die Spitzenstellung von Siemens in der Medizintechnik", sagt Schnell. Da sich in diesem Sektor die Entwicklungsgeschwindigkeit in den vergangenen Jahren erheblich beschleunigt hat –nicht zuletzt wegen der IT-Revolution und der Gen- und Molekulartechnik –, weitet SVC die Suche aus: Jährlich 400 bis 500 Start-ups nehmen die Experten weltweit unter die Lupe. Der Medical Solutions Fund konzentriert sich auf molekulare Bildgebung, In-vitro-Diagnostik und IT im Gesundheitswesen. Sehr viele Start-ups melden sich auch von sich aus. "Sie wollen gerne Partner unseres weltweit tätigen Hightech-Unternehmens sein", sagt Jay nicht ohne Stolz.
Ähnlich war es bei Cylex. Das Start-up hat einen Test entwickelt, der vor Organtransplantationen die Intensität der Abwehrreaktionen des Immunsystems misst. So lässt sich die Wahrscheinlichkeit für eine Abstoßung des fremden Gewebes besser einschätzen. Das Verfahren, das bereits von der US-Gesundheitsbehörde FDA geprüft wurde, kann die Behandlungskosten deutlich senken. Heute setzen Transplantationsmediziner Medikamente zur Unterdrückung der Abwehrreaktionen ein, die bei einer zu hohen Dosierung das Immunsystem zu stark schwächen und zu weiteren Komplikationen wie etwa Infektionen führen können. Weil Kontrollmöglichkeiten fehlen, ist eine zu hohe oder zu niedrige Dosierung von Medikamenten leider bislang die Regel. Jay schätzt die jährlichen Ausgaben für Medikamente pro Patient bei Organtransplantationen – und auch bei HIV – auf 15 000bis 20 000 US-$. Seiner Meinung nach könnten durch Immuntests zwischen 30 und 50 % eingespart werden. Das bisher manuelle Cylex-Verfahren könnte Siemens Med künftig in seinen Systemen einsetzen und automatisieren.
Die Aufgabe von SVC beschränkt sich nicht auf das reine Investment; der direkte Draht zur Technologieszene ist mindestens ebenso wichtig. "Wir unterstützen die Kollegen aus den Siemens-Bereichen dabei, persönliche Kontakte zu den führenden Experten zu knüpfen, indem wir ihnen eine geeignete Plattform bieten. Das ist manchmal sogar wichtiger als ein Investment", sagt SVC-Chef Schnell. SVC veranstaltet jährlich mehrere themenspezifische Innovation Circles und einen Siemens Venture Summit, um interne und externe Experten an einen Tisch zu bringen. Für Jay und Schnell sind diese Treffen wertvoll, weil hier neue Ideen aufkommen. Aber: "Ein gewisses Risiko bleibt immer, weil nicht jede Idee in der Praxis funktioniert oder die Anwendung einfach keinen Markt hat. Deshalb kommt es bei solchen Investitionen oft auf einen ausgeprägten sechsten Sinn an", sagt Schnell.
Harald Hassenmüller
Siemens fördert neben der eigenen Forschung und Entwicklung auch die externe Innovation durch Investments in Start-up-Firmen: über SVC ebenso wie über Einrichtungen wie den Siemens Technology Accelerator (STA) und das Siemens Technology-To-Business Center (TTB). Diese versorgen Start-ups mit Kapital und Know-how und ermöglichen ihnen den Zugang zu den weltweiten Ressourcen von Siemens. Umgekehrt profitiert Siemens von den Technologien der Start-ups. STA und TTB betreuen Unternehmen bereits in der frühen "Seed-Phase", während SVC in nachfolgenden Finanzierungsrunden investiert. SVC ist eng in die Innovationsstrategie von Siemens eingebunden. Bei einem Investitionsvolumen von etwa 700 Mio. :€ in mehr als 100 Start-up-Firmen und 30 Venture Capital Funds vor allem in den USA, Europa und Israel ist SVC der drittaktivste Corporate Venture Capital Investor der Welt. Im Fokus liegen junge Unternehmen, die eine attraktive Rendite versprechen, und die in den strategischen Applikationsfeldern von Siemens – Energie und Umwelt, Gesundheit sowie Automatisierung und industrielle und öffentliche Infrastrukturen – tätig sind. Dabei gibt es mehrere Phasen des Engagements: die finanzielle Beteiligung, die Unterstützung durch Lizenz-, Liefer- und Marketingabkommen sowie die eventuelle spätere Übernahme der Firma beziehungsweise der Verkauf oder Börsengang.