Molekulare Medizin – Szenario 2020
Mikroskopische Wunder
Eduardo hat Darmkrebs. Aber 2020 ist diese Diagnose nicht mehr bedrohlich. Dank regelmäßiger Blutuntersuchungen und genetischer Tests wurde der Tumor sehr früh erkannt. Neuartige Kontrastmittel liefern ein detailliertes Bild des Geschwürs. Miniaturisierung und wissensbasierte Diagnostik machen eine Gewebeanalyse direkt vor Ort möglich. Und zielgenau gesteuerte mikrochirurgische Eingriffe garantieren, dass keine einzige Krebszelle zurückbleibt.
Diagnose: Verdacht auf Darmkrebs. Während eines MR-PET-Scans spüren Moleküle, die sich nur an Krebszellen binden, eine kleine Wucherung auf. Der Arzt führt mithilfe eines Endoskops, das mikroskopisch kleine Sensoren an seiner Spitze besitzt, eine Gewebeanalyse vor Ort durch. Verdacht bestätigt: Das Geschwür ist bösartig. Dank neuer Techniken kann es aber sofort entfernt werden – bis auf die letzte Krebszelle
Ich bin glücklich. Ich muss nicht sterben. Und ich habe noch nicht einmal eine einzige Folge meiner Lieblingsfernsehserie verpasst. Alles begann mit einer automatisch erzeugten Mail, die am Rand meines 3D-Fernsehers eingeblendet wurde. Wie üblich hing ich gerade in meinem Medienzimmer herum, schaufelte mein Lieblings-Vanilleeis in mich hinein und fühlte mich als Star einer interaktiven Quizshow. Die Mail störte, aber nach einem kurzen Zögern öffnete ich sie doch: "Lieber Eduardo, eine vor kurzem eingerichtete nationale Gesundheitsdatenbank hat die Krankengeschichte Ihrer Familie bezüglich Darmkrebs mit Ihrer elektronischen Patientenakte abgeglichen. Der Gesundheitsdienst empfiehlt Ihnen, einen der unten genannten Ärzte aufzusuchen. Diese sind berechtigt, bei Ihnen einen kürzlich zugelassenen genetischen Prädispositionstest für Darmkrebs durchzuführen. Zur Vereinfachung wurden die Adressen der Ärzte bereits ins Navigationssystem Ihres Autos übertragen. Für Details klicken Sie bitte hier…Vielen Dank."
Ein paar Tage später war ich in der Sprechstunde von Dr. Shackleton. "Ja, Ed", sagte er, "es gibt da einen neuen raffinierten Test. Die haben es irgendwie geschafft, ein winziges Diagnostiklabor in diese kleine Kartusche zu zwängen. Dauert nur 'ne Sekunde, dann haben wir Ihr genaues Profil." Genial, dachte ich, und sah zu, wie die Laborkarte mit ein paar Tropfen von meinem Blut in dem Lesegerät verschwand. Shackleton führte meine Health-e-Card an der Maschine vorbei, damit das Lesegerät meine elektronische Patientenakte lesen konnte. Ein paar Minuten wurden es dann doch, aber schließlich hatte ich mein Ergebnis.
"Keine Panik, Ed", sagte der Doktor, "aber der DNS-Test hat ergeben, dass Sie eine genetische Veranlagung für Darmkrebs haben. Das System hat Ihre medizinischen Daten und die Familiengeschichte mit den Daten von Millionen anderer Patienten verglichen und daraus dann Ihr Risiko berechnet, an Darmkrebs zu erkranken. Nun würde ich Ihnen gerne – Ihr Einverständnis vorausgesetzt – noch ein bisschen mehr Blut abnehmen, für weitere Tests. Proteintests zum Beispiel." Dabei, so sagte er, würde der Spiegel bestimmter krankheitsbezogener Proteine im Blut analysiert, in diesem Fall spezielle Eiweiße, die nur von Darmkrebszellen produziert werden.
Ein paar Tage später erhielt ich eine Video-Mail aus Shackletons Praxis, in der bestätigt wurde, dass mein spektroskopisches Profil auf Darmkrebs hindeute. Und dass die Laborergebnisse mit einer Bevölkerungsdatenbank abgeglichen worden waren. Resultat: eine hohe Wahrscheinlichkeit für Darmkrebs. "Dr. Shackleton empfiehlt einen molekularen MR-PET-Scan. Wir haben für Sie einen Termin am …"
"OK, kein Grund zur Beunruhigung", redete ich mir ein, als ich den Ton der Late-Night-Quizshow runterdrehte und den letzten Rest Vanilleeis aus der Packung kratzte. "Bisher geht es nur um Wahrscheinlichkeitstheorie. Bleib’ ganz ruhig." Aber als dann der Tag des Arzttermins kam, war ich doch mehr als nur ein bisschen nervös. Der Scan sollte in einem größeren Krankenhaus stattfinden, und mein behandelnder Radiologe, Dr. Hyde, sagte mir, dass sie, "sobald sie einen sofort entfernbaren Tumor finden, diesen auch direkt rausnehmen würden."
Bevor ich in den Scanner musste, gab mir eine Assistentin eine Spritze mit einem PET-Tracer, also einer kurzlebigen radioaktiven Substanz, gebunden an ein Molekül, das ausschließlich an Krebszellen andockt. Dieses Molekül hatte auch noch ein fluoreszierendes Element. "Falls Sie irgendwo in Ihrem Körper Krebszellen haben, werden diese vom Tracer markiert, und der Scanner wird sie alle sehen", erklärte sie mir. "Falls dann eine Operation erforderlich sein sollte, werden wir ein Endoskop genau an diese Stelle führen. Ein Mikroskop an der Spitze des Endoskops wird jede einzelne Krebszelle erkennen, weil sie alle fluoreszieren. Dr. Hyde ist ein Experte in diesen Dingen – keine Angst." Nach dieser Erklärung legte ich mich hin und versuchte, mich von den Vorgängen um mich herum abzulenken, als der Scanner der Länge nach über meinen Körper hinwegfuhr.
Von diesem Zeitpunkt an sind meine Erinnerungen nur noch lückenhaft. Ich habe noch mitbekommen, dass ein kleiner Tumor in meinem oberen Dickdarm gefunden wurde. Mir wurde ein Beruhigungsmittel gegeben. Dann hat ein Diagnostikprogramm die exakte Lage des Tumors berechnet und die Daten an eine andere Software übergeben, die Dr. Hyde während der Behandlung unterstützte.
Er hat mir später erklärt, dass ein ferngesteuertes Endoskop in meinen Darm eingeführt wurde. Das mit einer Kombination aus molekularen Sensoren und verschiedenen Mikrowerkzeugen ausgerüstete Endoskop besaß zudem ein "Labor auf der Nadelspitze", mit dem Dr. Hyde eine In-vivo-Gewebeanalyse des Tumors direkt vor Ort durchführen konnte. Dank einer kleinen Infrarotkamera, die das Leuchten der markierten Krebszellen erkennen konnte, steuerte der Arzt ein an der Katheterspitze angebrachtes Laserskalpell derart präzise, dass dieses den Tumor vom umliegenden Gewebe sauber trennte – anschließend wurden sämtliche Krebszellen abgesaugt.
Als die Wirkung des Beruhigungsmittels nachließ, sah ich Dr. Hydes Lächeln. Er erklärte mir, dass die In-vivo-Gewebeanalyse Informationen über die Charakteristika meines Tumors geliefert habe und dass die Prognose wegen der frühen Erkennung und Behandlung außerordentlich gut sei. "Aller Wahrscheinlichkeit nach müssten Sie geheilt sein", sagte er. "Sie brauchen jetzt nur noch an einem Nachsorge-Screeningprogramm teilzunehmen und sollten auf Ihre Ernährung achten!"
"Natürlich, Herr Doktor, das mache ich", sagte ich mit ehrlicher Dankbarkeit. Aber zu Hause wartete bereits die nächste Packung Vanilleeis auf mich. Eine Portion sollte nach all dem Stress schon erlaubt sein, dachte ich.
Arthur F. Pease
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