Molekulare Medizin – Interview
Bilder und Bluttests: Die Kombination bringt klare Fortschritte
Interview mit Detlev Ganten
Prof. Detlev Ganten (65) ist Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Mit etwa 15 000 Mitarbeitern, 3 200 Betten und einem Jahresumsatz von 1 Mrd. € ist die Charité eine der größten Universitätskliniken Europas. Von 1991 bis 2004 baute Ganten als Gründungsdirektor das renommierte Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin-Buch auf. Als Forscher klärte er grundlegendeMechanismen der Entstehung des Bluthochdrucks auf und erhielt für seine Arbeiten zahlreiche Ehrungen im In- und Ausland, darunter den Max-Planck-Forschungspreis, den Okamoto-Preis, Japan, und den CIBA-Preis der American Heart Association. Zudem ist Detlev Ganten Herausgeber des Journal of Molecular Medicine.
Wir stehen an der Schwelle zur molekularen Medizin. Für welchen Bereich wird sie mehr Vorteile bringen: für die Diagnostik oder die Therapie?
Ganten: Für die Diagnostik, zumindest in naher Zukunft. Ein wichtiger Spruch in der Medizin lautet: Vor der Therapie steht die Diagnose. Deshalb konzentrieren sich die großen Forschungsanstalten weltweit zur Zeit auf die Entwicklung und Etablierung neuer Diagnostikmethoden. Trotz allem Enthusiasmus für neue Therapieformen muss jeder Arzt zunächst eine klare Diagnose stellen und die Pathophysiologie verstehen, also wie der Körper unter krankhaften Veränderungen abweichend funktioniert und was zu der Veränderung führte. Denn erst dann kann er den Patienten optimal therapieren. Aus der großen Verantwortung heraus, die er gegenüber seinen Patienten hat, ist ein guter Arzt in seinen Therapieentscheidungen eher konservativ und springt nicht sofort auf alles Neue. Er wendet daher bevorzugt Methoden an, die einen nachweisbaren Erfolg haben.
Wer aber durchbricht dann die etablierte medizinische Lehrmeinung und setzt auf ein neues, vielleicht besseres Pferd?
Ganten: Das ist vor allem eine Domäne der universitären Medizin und ihrer Ärzte, die im Idealfall mit dem Engagement und Enthusiasmus, ja manchmal sogar mit der Besessenheit des Forschers an ein Thema herangehen. Gleichzeitig steht für sie natürlich ebenso das Wohl des Patienten im Mittelpunkt. Sie sehen den Patienten nie als Objekt der Forschung, sondern unternehmen nur das, was sie ärztlich, menschlich, fürsorglich und seelsorgerisch verantworten können. Solche hervorragenden Mediziner brauchen wir an der Universität.
Mit dem Imaging Science Institute (ISI) eröffneten die Charité und Siemens 2004 das zweite radiologische Forschungszentrum in Deutschland, das von einem Gerätehersteller und einer Universitätsklinik gemeinsam in Public-Private-Partnership betrieben wird. Hat sich dieses Geschäftsmodell bewährt?
Ganten: Auf jeden Fall. Von den ISI-Mitarbeitern und von Siemens habe ich nur Positives gehört. Das ISI ist ein gutes, zukunftsweisendes Projekt, an dem die Charité gerne noch lange weiterarbeiten will. Generell halte ich Public-Private-Partnership für eine Selbstverständlichkeit. Denn eine Trennung von staatlichem und privatem Geld ist eine künstliche Trennung. Schließlich ist es das gleiche Geld, das von der Gesellschaft verdient wird und das nur verschiedene Wege geht. Entscheidend ist, dass die Schnittstellen klar definiert sind. Denn immer da, wo eine bisher nicht eingeübte Kooperation eingegangen wird, gibt es ja auch Probleme. Auch müssen natürlich die Interessen beider Seiten gewahrt werden.
Auf welchen Gebieten wird am Berliner ISI geforscht?
Ganten: Vor allem auf den drei Feldern Herz-Kreislauf, Onkologie und Neurologie. Das ISI soll innovative Zukunftstechnologien auf Basis der molekularen Bildgebung entwickeln, existierende bildgebende Verfahren optimieren und die Wirksamkeit von Medikamenten untersuchen. Zudem erforscht das ISI, welche radiologischen Vorsorgeuntersuchungen sinnvoll sind und formuliert entsprechende Empfehlungen. Ein Forschungsschwerpunkt ist etwa die Entwicklung passgenauer molekularer Kontrastmittel samt MR-Technologie für die Kardiologie.
Welche Fortschritte erwarten Sie hier?
Ganten: In Zukunft wird die molekulare Bildgebung Informationen über den Grad der gesundheitlichen Gefährdung liefern. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen könnte sie etwa die Entzündungsaktivität in den Plaques zeigen und damit besonders gefährdete Engstellen, so genannte vulnerable Plaques, von stabileren unterscheiden. Neuartige Kontrastmittel werden direkt an einzelne Zellen andocken und feinste Stoffwechselaktivitäten auf molekularer Ebene zeigen. Dann wird sichtbar, ob sich etwa Teilchen aus den Plaques lösen, was die Gefäße lebensgefährlich verstopfen könnte. Noch sind unsere Kontrastmittel nicht zielgenau genug, aber dies kann sich in wenigen Jahren ändern. Katheteruntersuchungen am Herzen zur Diagnosestellung gehören dann möglicherweise der Vergangenheit an und werden nur noch in Verbindung mit einer Intervention wie der Aufdehnung eines Gefäßes vorgenommen. Außerdem kann der Arzt mit molekularer Bildgebung künftig auch die Entwicklung von Tumoren, ihr Wachstum und die therapeutischen Effekte verfolgen. Und zwar sehr viel genauer, als das bisher mit den klassischen bildgebenden Verfahren möglich ist.
Wie spezifisch werden solche molekularen Marker denn sein?
Ganten:Vom Grundsatz her so spezifisch wie Medikamente. Ganz selten wird man einen Marker haben, der ganz spezifisch auf einen Tumor oder ein pathophysiologisches Geschehen anspricht. Es wird sehr, sehr lange brauchen " wenn es überhaupt möglich ist ", mit einer einzigen Methode eine so klare Aussage machen zu können, dass kein weiterer Untersuchungsbedarf besteht. Deshalb muss auch die molekulare Bildgebung stets einhergehen mit einer klassischen, gründlichen Anamnese und einer sorgfältigen klinischen Untersuchung des Patienten. Sich auf eine einzige Methode zu verlassen oder sie als das Allheilmittel zu sehen, ist kein realistisches Ziel.
Die Charité wurde bereits 1710 gegründet und ist heute eine der größten Universitätskliniken Europas
Wird der Arzt von morgen dank molekularer Bildgebung zum Beispiel Metastasen früher als heute entdecken?
Ganten: Das ist natürlich die Hoffnung. Doch selbst wenn kleinste Metastasen als Pünktchen in der Aufnahme sichtbar sind, liefert dies keinen absoluten Hinweis auf die Schwere oder Ursache einer Erkrankung. Der Arzt weiß zu Anfang eben nicht, ob ein Tumor oder eine Gefäßveränderung nun wirklich klinisch bedeutsam ist oder nicht, und ob Krankheitssymptome des Patienten tatsächlich auf das, was er auf den Aufnahmen sieht, zurückzuführen sind. Dazu muss er den klinischen Verlauf kennen. Eine Momentaufnahme ist wichtig und kann in besonderen Fällen auch lebensentscheidend sein, aber die Verlaufsbeobachtung und Kenntnis der Dynamik eines Prozesses hat einen besonders hohen Stellenwert in der Medizin. Hier kommen wieder die Vorteile molekularer bildgebender Verfahren zum Tragen, da sie regelmäßige Einblicke ins Zellinnere erlauben, nicht-invasiv sind, den Patienten wenig belasten, relativ schnell sind und damit einen hohen Durchsatz ermöglichen. Künftig werden sie auch zunehmend kostengünstig sein.
Ein mögliches Szenario der Zukunft ist ja, dass dank In-vitro-Diagnostik (IVD) im Labor Krankheiten bereits auf zellulärer Ebene erkannt werden können. Könnte die IVD der In-vivo-Diagnostik den Rang ablaufen? Und werden wir bildgebende Verfahren dann nur noch für Unfallopfer brauchen, um z.B. komplizierte Brüche aufzuzeigen?
Ganten: Nein, das halte ich für ausgeschlossen. Die IVD wird sich weiter rasant entwickeln und zunehmend wertvolle Beiträge zur sensitiven, spezifischen Diagnostik leisten und auch für die Verlaufskontrolle sehr hilfreich sein. Es reicht aber nicht, zu wissen, dass ein Patient einen Herzinfarkt, eine Hirnblutung oder einen Tumor, etwa ein Mammakarzinom, hat. Eine Therapieentscheidung, sei es eine Bypass-OP, ein neurochirurgischer Eingriff, die Brustamputation oder Bestrahlung, ohne Kenntnis der Lokalisation und Ausdehnung ist nicht denkbar. Vielmehr wird die Kombination von molekularer Bildgebung und IVD klare Fortschritte bringen. Welcher der beiden im Vordergrund steht, wird neben der speziellen Indikation auch eine Frage der Kosten und der Kosteneffizienz sein.
Könnte die IVD als Frühwarnsystem von Herz-Kreislauferkrankungen dienen, etwa in Form eines Bluttests auf Risikofaktoren für entzündliche Plaques? Der Patient würde Medikamente nehmen, bevor es zur Plaquesbildung oder gar zur Arteriosklerose kommt…
Ganten: Ein derartiges Frühwarnsystem würde meiner Ansicht nach nicht funktionieren. Denn ein Laborbericht mit verschiedenen Parametern überzeugt den Patienten nicht. Wer etwa einen erhöhten Cholesterinspiegel hat und dies auch weiß, der ändert nicht zwingend seinen Lebensstil. Ein Bild aus dem Körperinneren, das etwa eine Gefäßschädigung zeigt, überzeugt hier weit mehr als ein reiner Laborparameter. Von einem Frühwarnsystem lässt sich dann allerdings nicht mehr sprechen, da sichtbare Veränderungen bereits massive Schäden sind. Doch erst mit der Macht der Bilder kann der Arzt beim Patienten häufig eine entsprechende Eigeninitiative stimulieren. Das ist ein weiterer großer Vorteil der Bildgebung: ihre Überzeugungskraft. Wir machen uns von vielen Dingen "ein Bild", auch von unserer eigenen Gesundheit.
Das Interview führte Ulrike Zechbauer