Lebenswerte Megacities – Trends
Glanz der Städte
Megacities faszinieren. Gerade in Schwellenländern wachsen sie besonders stark.Obwohl die Infrastruktur oft unzureichend ist und die Menschen vor großen Herausforderungen stehen: Hier sehen sie die besten Chancen zur Verwirklichung ihrer Lebensträume.
Lichter der Megacity Buenos Aires: Die Avenida 9 de Julio in der argentinischen Hauptstadt gilt mit 140 m als die breiteste Straße der Welt und zeigt eindrucksvoll die Anziehungskraft von Städten
Vielleicht ist es ein Händler, den es nach New York zieht, oder ein Handwerker, der sein Glück in Mumbai versucht – der Zuzug irgendeines Menschen in irgendeine Stadt dieser Welt wird in diesem Jahr den historischen Punkt markieren, an dem erstmals mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land leben. Diese Entwicklung setzt sich fort: Bis 2050 werden zwei von drei Menschen in Städten wohnen. Im Brennpunkt stehen vor allem die Megacities – das sind laut UN-Definition Städte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern. Deren Wachstum bringt enorme Herausforderungen mit sich. Ob Energie, Wasser oder Verkehr – in Schwellenländern ist die Infrastruktur oft gar nicht vorhanden, und in reifen Städten ist sie überaltert.
Wie es um den materiellen Zustand einer Stadt bestellt ist, untersucht jährlich die Unternehmensberatung Mercer, die eine Rangliste nach Lebensqualität erstellt. Scheinbar paradox ist, dass viele Städte auf den hinteren Plätzen besonders stark wachsen. Beispiel Mumbai (Platz 150 von 215): Schätzungen zufolge ziehen täglich 350 Familien neu in die Stadt. Oder Lagos (Platz 199). Die Hauptstadt Nigerias dürfte UN-Angaben zufolge bis 2010 fast 20 Millionen Einwohner haben. Bis 2025 soll sich diese Zahl nochmals verdoppeln.
"Das ist leicht zu erklären", sagt Prof. George Hazel, Stadtexperte und Chef des Edinburgher Beratungsunternehmens MRC McLean Hazel. "Verglichen mit ihrer Umgebung bieten selbst diese Städte wesentlich bessere Entwicklungschancen. Die Menschen haben Zugang zu Dienstleistungen wie einer ärztlichen Versorgung, die auf dem Land nicht oder nur in großer Entfernung existieren." Außerdem: Städte leuchten. Eindrucksvoll ist das auf Satellitenbildern zu sehen. Aber nicht nur äußerlich üben sie eine fast magische Anziehungskraft auf die Menschen aus; in Städten können Lebensträume wahr werden. In Megacities wie Shanghai herrscht Aufbruchsstimmung, Dubai repräsentiert scheinbar grenzenloses, märchenhaftes Wachstum und New York oder Tokio sind geradezu Archetypen für den Mythos Stadt.
Entscheider meist optimistisch. Nüchterner betrachtet es die Mercer-Studie, die sich als Ratgeber bei der Entsendung von Firmenmitarbeitern ins Ausland versteht. Hier werden Kriterien wie Gesundheitsversorgung, Verkehrsinfrastruktur, Sicherheit oder Sauberkeit verglichen und in eine Reihenfolge gebracht. Das ist der Blick von außen. Innen ist die Wahrnehmung oft anders. "Wohnzufriedenheit hängt nicht unmittelbar von der physischen Gestalt der Stadt ab", sagt der Stadtpsychologe Christian Hoffmann im Interview. Das unterstreicht auch ein von Siemens unterstütztes Forschungsprojekt. Selbst in Schwellenländern bezeichnen die Hälfte der Befragten ihre Stadt in Punkto Lebensqualität als mindestens durchschnittlich (Fakten und Prognosen). Für die Studie, die MRC McLean Hazel zusammen mit dem Forschungsinstitut GlobeScan erarbeitet hat, wurden 522 Entscheider aus 25 Millionenstädten über ihre dringendsten Probleme und ihre Erwartungen befragt. Politiker, Stadtplaner und andere Personen, die Einfluss auf die Entwicklung der Städte nehmen, blicken überwiegend optimistisch in die Zukunft. "Das müssen sie auch", sagt Hazel. "Nur mit einer positiven Einstellung kann man diese Aufgaben bewältigen."
Sichtbare Lebensqualität: In New York ist der Central Park ein Erholungsgebiet mitten im Zentrum. Die U-Bahn befördert täglich mehrere Millionen Menschen
Ein weiteres Ergebnis der Studie: Der Trend bei den Stadtverantwortlichen geht weg vom reinen Verwalten öffentlicher Aufgaben hin zu aktivem Management der städtischen Dienst-leistungen. "So können auch Großstädte trotz ihrer Probleme so lebenswert wie möglich gestaltet werden", sagt Hazel. Um etwas zum Positiven zu verändern, sei Geld meist nicht die dringendste Frage. Der Schlüssel sei eine exzellente Regierungsführung (good governance) und eine umfassende, langfristige Planung. Das sei die Basis für eine effiziente Verwendung von Geldern. Wichtig sei auch, die Bürger zu beteiligen und ihnen Verantwortung zu übertragen. Beispiel Curitiba: Die Gewässer um die brasilianische Metropole waren vor Jahren durch Müllberge verschmutzt (Interview Brasilien). Die Stadt schloss einen Pakt mit den dort lebenden Fischern und bezahlte sie für die Entfernung des Mülls. Die Fischer steigerten ihr Einkommen und hatten zudem den Vorteil, dass nach einiger Zeit in den gesäuberten Gewässern wieder mehr Fische vorhanden waren. Und die Stadt bekam die Leistung für deutlich weniger Geld, als wenn sie ein Müllunternehmen beauftragt hätte.
Die moderne Informationstechnik bietet eine elegante Möglichkeit, um Bürger demokratisch einzubinden und so zu ihrer Zufriedenheit beizutragen. Sie können schneller Anträge stellen oder Steuererklärungen abgeben – das Schlagwort heißt e-Government). Die öffentliche Verwaltung spart damit auch Kosten, weil Vorgänge wesentlich transparenter werden.
Heute denken die Verantwortlichen meist nur an ihren Bereich. Das führt dazu, dass sich ein Vorhaben trotz guter Absichten insgesamt eher negativ auswirkt. "In meiner Heimatstadt Edinburgh wurde ein neues, modernes Krankenhaus außerhalb der Stadt gebaut", erzählt Hazel. Die Patienten sollten dort effizienter und kostengünstiger versorgt werden. Weil es aber kaum Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel gab, mussten praktisch alle Besucher und Beschäftigten mit dem Auto fahren und hohe Parkgebühren zahlen. "Es gab hier keine ganzheitliche Planung. Das Krankenhaus verlagerte seine Kosten, aber dadurch stieg die Lebensqualität der Bürger nicht unbedingt an", sagt Hazel.
Der Experte plädiert daher für Stadtteilmanager, die in ihrem Verantwortungsgebiet alle relevanten Faktoren im Blick haben und mit den Planungsexperten einzelner Infrastrukturbereiche eng zusammenarbeiten. Ähnlich wird es bei Siemens seit einigen Jahren praktiziert. Übergreifende Teams kümmern sich um Projekte wie Flughäfen oder Krankenhäuser, Hotels oder Sportstadien. Der Vorteil: Die gesamte Kompetenz des Unternehmens wird gebündelt und möglichst effizient eingesetzt. Das hilft den Kunden, weil sie nicht mehr mit vielen Ansprechpartnern zu tun haben und bessere Qualität bekommen. Als Kontaktmann für urbane Zentren fungiert seit einigen Monaten der Leiter für Stadtentwicklung bei Siemens, Dr. Willfried Wienholt. "Ich spreche mit Bürgermeistern und Stadtplanern und versuche, sie strategisch zu beraten. Im Kern geht es um die gemeinsame Entwicklung einer ganzheitlichen Sichtweise, die auch Abhängigkeiten berücksichtigt, beispielsweise zwischen Umwelt und Infrastrukturen. Ziel ist es, neue Perspektiven zu eröffnen und innovative Lösungsansätze zu finden."
Die Bedürfnisse unterscheiden sich von Stadt zu Stadt aber stark. In Schwellenländern geht es oft zunächst um die Befriedigung von Grundbedürfnissen wie Unterkunft, Nahrung, Wasser, Energie. Wienholt verweist hier auf die starke Position von Siemens beim Aufbau öffentlicher Infrastrukturen (Stadtentwicklung in Pictures of the Future, Herbst 2006). "Wenn die Menschen es warm haben und satt sind, dann streben sie nach materiellen Werten, sozialer Anerkennung und Selbstverwirklichung", erklärt Wienholt. Je höher die Entwicklungsstufe einer Stadt, desto höherwertig sind in der Regel auch die Ansprüche der Bewohner.
Ein Faktor, der das Leben in jeder Stadt negativ beeinträchtigen kann, ist Lärm. Vor allem Straßenlärm wird als extrem belastend empfunden, aber auch Flugzeuge, Industrie oder Kraftwerke machen manche Menschen sogar krank. Bei Siemens gibt es mehrere Ansätze, um Lärmquellen auszuschalten oder zu mindern (Lärm). So arbeitet bei Power Generation ein Team an der möglichst effizienten Schalldämmung von Kraftwerken. Auch bei Zügen drücken Siemens-Ingenieure den Schallpegel, und auf der Straße fahren vermehrt Fahrzeuge mit Piezo-Einspritzung, die den Kraftstoff effizienter und auch leiser verbrennen.
Zu den Dingen, die den Straßenverkehr angenehmer machen können, zählen Verkehrsinformationssysteme zur Stauvermeidung oder zum Auffinden von Parkplätzen. Auch Fußgänger können von Navigationssystemen profitieren und sich durch fremde Städte lotsen lassen. Siemens hat einen Museumsführer entwickelt, der mit virtuellen Markierungen arbeitet und Besuchern Informationen über Ausstellungsstücke auf einen Handheld-Computer spielt (Navigationssysteme).
Kriminalität vorbeugen. Durchgehend hohe Priorität in allen Städten hat das Thema Sicherheit. Überwachungskameras können dazu beitragen, dass Verbrechen nicht nur rasch aufgeklärt, sondern sogar verhindert werden. London ist hier ein Vorreiter. Spätestens seit den Anschlägen vom Juli 2005 hat eine große Mehrheit nichts dagegen, mehrmals am Tag in der Öffentlichkeit gefilmt zu werden. Siemens-Experten arbeiten bereits an Algorithmen, mit denen eine automatisierte Auswertung der Bilder nach Auffälligkeiten möglich wird (Sicherheit). Außerhalb öffentlicher Räume, also in Hauseingängen oder Vorgärten, kann eine bessere Einsehbarkeit oder bei Nacht eine stärkere Ausleuchtung Kriminalität vorbeugen, wie Untersuchungen ergeben haben.
Beleuchtung hat generell großen Einfluss auf die Lebensqualität. Helles Licht am Arbeits-platz, möglichst mit Tageslicht gemischt, fördert die Konzentration; wärmeres Licht zu Hause erzeugt eine angenehme Stimmung. Die Siemens-Tochter Osram ist führend in der Be-leuchtungstechnik und an einer Revolution beteiligt, die nicht nur Städte verändern wird (siehe Evolution des Lichts): Leuchtdioden, ob als stecknadelkopfkleine Lampen oder als flächige Strahler aus Kunststoff, sind extrem effizient sowie langlebig und sparen viel Energie. Zudem bieten sie völlig neue Gestaltungsmöglichkeiten bei der Fassaden- und Innenbeleuchtung. Es werden daher vor allem Leuchtdioden sein, die in Zukunft das ganz besondere Leuchten von Städten ausmachen.
Norbert Aschenbrenner