Lebenswerte Megacities – Beleuchtung
Es werde Licht – ein Tag im Jahr 2020
Ein besonderer Wecker holt Frank Lee aus dem Schlaf: Am Lichthimmel an der Decke seines Hotelzimmers erstrahlt Morgenröte, und Vogelgezwitscher ertönt. Er zieht sich an, frühstückt und fährt mit dem Mietwagen zu seinem Termin. Es ist noch dunkel und kalt. Die LED-Ampeln sind auf Automatik geschaltet und zeigen grüne Welle, solange die Sensoren keinen Querverkehr registrieren. "Achtung Straßenglätte!" meldet das Head-up-Display auf der Windschutzscheibe, und plötzlich erscheint vor ihm das geisterhafte Infrarotbild eines Fußgängers, der in einiger Entfernung die Straße überquert (Bild links). Den hätte ich ohne Nachtsichtassistenten gar nicht gesehen, erschrickt Frank und fährt sofort langsamer. Offenbar ist an der Stelle die Straßenbeleuchtung ausgefallen. Sie sollte sich immer dort am Bürgersteig einschalten, wo Fußgänger unterwegs sind.
Zumindest die im Boden integrierten Sicherheitsleuchten funktionieren aber, bemerkt Frank: Sie hatten auf Rot geschaltet, als sich Franks Auto näherte – der Passant war gewarnt und hätte die Straße eigentlich nicht überqueren dürfen. Frank sieht jetzt die Skyline der City in voller Schönheit vor sich. Er liebt die eleganten Lichtakzente auf den Wolkenkratzern und kleinen Tempeln, die blauen Laserstrahler, die am Strand mit den Wellenkämmen des Meeres spielen und die märchenhaften 3D-Effekte, die hier und da in den Himmel gezaubert werden – und manchmal sogar die ein oder andere witzige Werbebotschaft auf den riesigen Displays an den Wänden der Gebäude. Der städtische Ausschuss gegen Light Pollution hat ihre Anzahl glücklicherweise so weit beschränkt, dass die Werbung nicht zur Reizüberflutung führt.
Die Kameras von Franks Augmented-Reality-Navigationssystem haben sein Zielgebäude erkannt, er sieht es auf der Windschutzscheibe grün hervorgehoben und die Abzweigung markiert, die er nehmen muss. Ein leicht grün schimmernder Pfad ist perfekt der realen Straße überlagert – er braucht ihm nur zu folgen.
Im Besprechungsraum begrüßen ihn zwei Kollegen, die das große Wanddisplay für die Konferenzschaltung mit Kanada und Brasilien vorbereiten. In der nächsten Stunde erläutern Frank und ein weiterer Mitarbeiter, der in Kanada zugeschaltet ist, den Kunden in Brasilien den Stand der Entwicklungen für die personalisierte Interieurbeleuchtung eines neuen Auto-Prototyps.
Später erzählt er seiner Freundin Suzy davon, als er sie in einer Karaoke-Bar trifft. Vorher aktiviert er noch die Lichtwände zu den Nebentischen, damit sie ungestört bleiben – diese transparenten Raumtrenner aus leuchtenden Kunststoffen können mit bunten Bildern auch undurchsichtig geschaltet werden. Die schillernden Lichteffekte in der Bar setzen Suzys Schmuck grandios in Szene und passen ausgezeichnet zu ihrem neuen Kleid mit eingewebten Lichtfasern.
Zwei Stunden später sitzen sie in Suzys Wohnung. Sie erklärt Frank gerade die technischen Raffinessen ihres neuen Appartements (Bild oben). Ultraviolettstrahler zur sicheren Wasserdesinfektion in Küche und Bad, eine perfekt abgestimmte Kombination aus Punkt- und Flächenstrahlern im ganzen Appartement, feine Lichtakzente in Möbeln und Fußboden, ein holographisches Kaminfeuer und eine automatische Zumischung von Tageslicht ... Diese Wohnung ist der Traum für jeden Lichtdesigner, muss Frank neidlos zugeben.
Er entdeckt die Fernbedienung und verwandelt nach einigem Probieren die transparente Folie am Fenster in eine liebliche Berglandschaft mit Pferden, Fluss und Segelschiffen. Als er bemerkt, dass Suzy ihn beobachtet, zieht er ein Paket aus der Tasche und reicht es ihr: "Ein Geschenk zur Wohnungseinweihung. Das ist eine der ersten elektronischen Zeitungen mit Rolldisplay und direkter Internetverbindung." Suzy entrollt das Display auf die Größe einer Tageszeitung. Ein Druck auf den Knopf "Aktualisieren", und es erscheinen die neuesten Nachrichten. Verblüfft blickt sie auf die Titelstory und dreht das Display in Franks Richtung: "Suzy und Frank in Flitterwochen – Autodesigner verwöhnt Innenarchitektin im neuesten Lichthotel Kaliforniens" steht da über einem Bild von ihnen. Frank errötet unwillkürlich: "Muss wohl ein kleiner Gag meiner Kollegen sein", sagt er. "Gelungene Überraschung", meint Suzy trocken und lächelt schelmisch. Frank zögert kurz, aber dann greift er zur Fernbedienung und verwandelt die Zimmerdecke in einen Nachthimmel, übersät mit Myriaden von Sternen …
Ulrich Eberl