Das Energiebündel
Juni 2020. Der Stadtteilmanager John Gardiner erläutert der Studentin Jennifer Miles mit Begeisterung, wie er in seinem Viertel die Lebensqualität verbessert und den Energieverbrauch halbiert hat.
Ganzheitliche Stadtplanung: Mit Fakten über Energiesparen und Energieeffizienz will der Stadtteilmanager John Gardiner seinem Gast, einer jungen Studentin, imponieren. Er berichtet, wie er in seinem Verantwortungsbereich den Energieverbrauch um die Hälfte gesenkt und zugleich die Lebensqualität erhöht hat. Auch bei sich zu Hause hat er natürlich nur die effizientesten Geräte: etwa LED-Leuchten
Jennifer, Sie müssen unbedingt zum Essen bleiben", sagt John Gardiner und blickt über den Rand seines Champagnerglases. "Es kommen ein paar wichtige Leute, mit denen wir das Gespräch über umweltverträgliche Stadtplanung weiter entwickeln können." "Das ist sehr nett von Ihnen", entgegnet Jennifer Miles. Die Studentin für angewandte Ökologie hat Gardiner nach seinem Vortrag bei dem internationalen Kongress über Energieeffizienz einige Fragen gestellt, und er hat sie kurzerhand in sein Apartment eingeladen – um den interessanten wissenschaftlichen Austausch etwas zu vertiefen, wie er erklärte. "Sie wollten mir doch erzählen, wie Sie es geschafft haben, den Energieverbrauch der gesamten Stadt mehr als zu halbieren." "Energie sparen, meine Liebe, ist sehr wichtig, aber nicht alles. Eine Stadt darf dabei nichts von ihrem Charakter verlieren. Die Leute müssen sich wohl fühlen."
John tritt vor das Panoramafenster. "In meinem Viertel wohnen 800 000 Menschen. Es ist seit Jahren das beliebteste unter allen 20 Stadtvierteln. Und das sieht man von hier oben, finden Sie nicht auch?" Jennifer nickt. John fährt fort: "Wissen Sie, wo noch vor zehn Jahren die meiste Energie verschwendet wurde?" "Bei den Kraftwerken? Die hatten viel geringere Wirkungsgrade als heute, viel Energie ging als Wärme verloren", antwortet Jennifer. "Tja, da fällt fast jeder rein", lächelt John. "Wesentlich mehr Energie wurde bei Gebäuden verschwendet, wegen der lausigen Wärmedämmung. Viele heizten buchstäblich zum Fenster raus. Wärme hatte damals einen Anteil von 80 % am Energieverbrauch von Haushalten! Die Bausubstanz war alt, intelligente Gebäudetechnik fehlte fast völlig, es gab kaum Blockheizkraftwerke, und die Brennstoffzellentechnik ist erst in den letzten Jahren erschwinglich geworden."
"Und was haben Sie unternommen?" "Finanzielle Anreize", schmunzelt John. "Zum einen werden ja Kohlendioxid-Emissionen seit längerem besteuert. Das bedeutete zunächst eine Entlastung für die Haus- und Grundbesitzer, die ihre Immobilien frühzeitig saniert hatten. Und für Neubauten erließen wir strengere Vorschriften. Zum anderen habe ich als Stadtteilmanager sehr stark auf das Performance-Contracting gesetzt." "Was ist das?" fragt Jennifer. "Wir haben Energiespar-Detektive eingesetzt. Die nehmen alle Energieverbraucher in Privathaushalten, Industrieanlagen, oder auch öffentlichen Gebäuden unter die Lupe, machen dann Vorschläge für eine Modernisierung und setzen sie um. Stromfresser waren vor allem Motoren und die Lüftungs- und Klimatechnik. Heute arbeiten meist Energiesparmotoren, und Lüfter sind intelligent geregelt. Das spart mehr als die Hälfte an Energie." "Wie haben Sie die Industrie dazu gebracht? Das kostete doch sicher viel Geld?" fragt Jennifer. "Auch das ist so ein Trugschluss. Natürlich sind Investitionen nötig. Aber sie machen sich meist schnell durch die Einsparungen bezahlt. Das ist übrigens ideal für Kommunen, weil bei denen Geld ja meist knapp ist."
"Ich sehe da hinten ein Kraftwerk", sagt Jennifer. "Wie steht es damit? Im Studium habe ich gelernt, dass die in den vergangenen 30 Jahren immer besser geworden sind." "Das stimmt", entgegnet John. "Aber durch die Einsparungen konnten wir unsere Bedarfsplanung nach unten anpassen, und wir haben ältere Kraftwerke mit hohen CO2-Emissionen abschalten können. Als wir doch neue Kraftwerke brauchten, haben wir auf einen Mix aus Erdwärme, Wind und konventioneller Technik geachtet, und darauf, dass hier unser Versorger die beste Technik eingebaut hat. Es ging uns hier nicht nur um Effizienz bei den Turbinen, wir haben auch strenge Vorschriften, was den Lärm angeht. Die Anwohner merken ja praktisch nichts davon, dass sie neben einer Gasturbine schlafen. Unser Ziel war es ja nicht nur, die Effizienz-Weltmeister-Stadt zu werden, wir wollten auch die höchst- mögliche Lebensqualität für unsere Bürger."
John lehnt sich lässig an den Tresen seiner Multifunktionsküche. "Darauf habe ich übrigens auch hier in der Wohnung großen Wert gelegt. Zum Beispiel beim Licht. Sie glauben ja gar nicht, wie entscheidend Beleuchtung ist, ob man sich wohlfühlt. Sehen Sie da oben, die OLED-Lichtfläche. Das ist zugleich mein Heimkino. Und das an der Decke ist ein Lichthimmel. Da zaubere ich abends einen romantischen Sonnenuntergang. Sie müssen zum Essen bleiben."
"Äh, nein, aber weil Sie Beleuchtung erwähnen, konnten Sie da nicht auch was einsparen?" fragt Jennifer und geht ein paar Schritte in Richtung Fenster. "Sie haben Recht", antwortet John. "Ich sage nur: LED, Leuchtdioden. Die brauchen weniger als ein Fünftel des Stroms von Glüh- oder Halogenlampen. Diese strahlenden Winzlinge sind immer billiger geworden. Sie sind so sparsam und langlebig, die setzen wir nun sogar in Bodenplatten im Gehsteig ein. Damit markieren wir Fußgängerwege. Ich habe auch hier welche in den Säulen und den Möbeln…"
"Schön", lacht Jennifer verlegen. "Und wie sieht’s mit dem Straßenverkehr aus? Das war doch immer der zweitgrößte Energieverbraucher?" "Da haben wir eine Doppelstrategie gefahren", doziert John. "Zum einen haben wir über Steuern und Emissionszertifikate Hybrid- und Elektroautos gefördert und zugleich den öffentlichen Nahverkehr erheblich ausgebaut. Die gesamte Flotte der Stadtbusse haben wir auf Diesel-Hybrid umgestellt. Aber das war eher symbolisch. Die Busse und U-Bahnen machten sowieso nur 1 % des gesamten Energieverbrauchs in der Stadt aus."
"Und der zweite Schritt?" will Jennifer wissen. "Effiziente Verkehrssteuerung. Zwar ist der Individualverkehr wegen unseres ausgezeichneten Metrosystems und der City-Maut sehr zurückgegangen, aber dennoch kommen viele Pendler und Lieferanten mit dem Auto. Schon an der Ringautobahn weiß jeder Autofahrer sofort, wo ein Stau droht. Automatische Routenhinweise lenken ihn dann durch die Stadt, sogar bis in die Parkhäuser." Das Klingeln von Jennifers Handy unterbricht seinen Redefluss. "Hallo, Dominik", begrüßt sie den Anrufer. Ihr Gesicht hellt sich auf. "OK, super, ich komm' runter", sagt sie und klappt ihr Mobiltelefon zu. "John, es stimmt, was Sie gesagt haben. Mein Freund ist durch das Leitsystem direkt auf einen freien Parkplatz vor Ihrem Haus gelotst worden. Er holt mich ab." Sie schüttelt ihm die Hand und stellt das halbleere Glas auf den Tresen. "Danke für den Champagner und den faszinierenden Vortrag!"
Norbert Aschenbrenner
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