Lebenswerte Megacities – Interview
"Bei Städten ist viel Psychologie im Spiel"
Interview mit Harald Mieg und Christian Hoffmann
Prof. Harald Mieg (45) ist Sprecher eines interdisziplinären Zentrums für Metropolen-Forschung der Humboldt Universität Berlin (Georg-Simmel-Zentrum). Der Geograph (links) hat die Hans-Sauer-Professur für Metropolen- und Innovationsforschung inne und beschäftigt sich mit nachhaltiger Stadtentwicklung und dem Spannungsfeld Mensch und Megacity. Der Diplompsychologe Christian Hoffmann (38) befasst sich mit der Psychologie von Innovation und städtischer Umwelt und ist einer der Herausgeber der Zeitschrift "Umweltpsychologie"
Was macht eine Stadt lebenswert?
Hoffmann: Wohnzufriedenheit hängt nicht nur von der physischen Gestalt einer Stadt ab. Weiche Faktoren haben ebenfalls einen sehr hohen Stellenwert, etwa die soziale Kohäsion, also die Einbindung der Menschen in ein persönliches Netzwerk. Natürlich gibt es objektive Kriterien: geringe Belastung durch Umweltverschmutzung und Lärm, geringe Kriminalität, Möglichkeiten zum Broterwerb sowie freie Bewegung und guter öffentlicher Nahverkehr.
Warum haben aber oft ausgerechnet Städte mit objektiv schlechter Lebensqualität die höchsten Wachstumsraten?
Mieg: Die Menschen ziehen nach Jakarta oder Lagos, weil diese Städte im Vergleich zum restlichen Land sehr attraktiv sind. Vielleicht nicht aus unserer Perspektive. Aber dort können die Leute ihr Leben selbst gestalten und verbessern. Zudem ist auch viel Psychologie im Spiel: Allein der Mythos Stadt ist schon anziehend.
Welchen Einfluss hat Stadtpsychologie auf die Planung?
Mieg: Ich sehe hier große Potenziale. Stadtpsychologie untersucht die Schnittstellen zwischen den Menschen und ihrer städtischen Umwelt, etwa Fragen der Nutzerfreundlichkeit von Mobilitätsdienstleistungen. Natürlich bedient sich auch ein erfahrener Stadtplaner der Psychologie, ohne dass er es so nennt. Stadtpsychologie hat viele Anwendungsmöglichkeiten. Wie senke ich Kriminalität, wie vermittle ich zwischen Planern und Bewohnern, wie steuere ich Verkehrsflüsse?
Wie kann man Kriminalität senken?
Hoffmann: Nach dem Konzept des "Defensible Space" sollte der Städtebau den Anwohnern erlauben, sich mit ihrer Umgebung zu identifizieren. Vereinfacht gesagt: Man muss so bauen, dass die Anwohner sagen, das ist mein Viertel, da pass ich mit auf. Der Raum sollte optimal einsehbar sein und es sollte nicht durch Einfachstbauweise zu einer Stigmatisierung bestimmter Gegenden kommen. Je schlechter beispielsweise Hauseingänge einsehbar sind, desto höher ist oft die Kriminalität.
Was muss ein Architekt berücksichtigen, damit sich die Bewohner wohl fühlen?
Mieg: Das Wichtigste ist die Gestaltung des semi-privaten Raums. Das sind die Schnittstellen zwischen den öffentlichen Räumen –wie Straßen und Plätzen –und den privaten Räumen: etwa der Vorgarten beim Stadthaus oder der Innenhof, wo man mit den Nachbarn reden kann. Diese Elemente sind für Kommunikation sehr wichtig. Wie in großen Häusern die Zugänge zu den Wohnungen gestaltet sind, beeinflusst stark, ob die Leute miteinander ins Gespräch kommen oder ob Anonymität entsteht.
Wie sollte denn der Hausflur einer großen Wohnanlage aussehen?
Mieg: Der Raum muss einsehbar sein, offen, aber die Zugänge zu den Wohnungen müssen erkennbar abgegrenzt sein. Hell, freundlich, mit Pflanzen, und wenn es geht von oben Tageslicht. Der Raum muss auch ordentlich sein, es muss klar sein, wer sich darum kümmert. Sonst wird der semi-private Raum zum öffentlichen Raum, und es steigt die Gefahr des Vandalismus.
Und in der Öffentlichkeit?
Mieg: Wie Plätze aussehen, so werden sie auch genutzt. Wenn ein Platz verwahrlost ist, dann verhalten sich die Leute dort auch so. Sie fühlen sich nicht verantwortlich. Zuständig fühlt man sich für seinen privaten Raum und teilweise für den semi-privaten Raum.
Werden solche Regeln auch umgesetzt?
Hoffmann: Ja, nehmen Sie den Helmholtzplatz am Prenzlauer Berg in Berlin, meine unmittelbare Umgebung (www.kiez-lebendig.de). Dort standen vor sieben Jahren viele Gewerbeimmobilien leer, es gab unsanierte Häuser, man wurde von Drogenhändlern angesprochen. Der Platz wurde mit Beteiligung der Anwohner transparenter gestaltet, Spielplätze wurden gebaut, Häuser und Ladenflächen saniert. Innerhalb von fünf Jahren wurde er zu einer begehrten Adresse. Alles fing damit an, dass die Anwohner gefragt wurden, wie der Platz aussehen muss, damit er attraktiv wird.
Mieg: Oder die Berliner Hinterhöfe: Früher waren die ein Beispiel für schlechte Lebensqualität. Da wurde ab sechs Uhr früh gehämmert, es hat gestunken. Heute laden sie zum Verweilen ein. Es gibt Spielgeräte für Kinder, Cafés, interessante Läden und dennoch herrscht eine städtische Atmosphäre. Das ist ein idealer semi-privater Raum. Oder das Sony-Center. Es offenbart eine ganz eigene Art von Demokratieverständnis: öffentliche große Räume, die Erhabenheit ausstrahlen, aber keine Beeindruckungsarchitektur, sondern sehr einladend.
Wie kann Technik unterstützen?
Mieg: Sie schafft die Möglichkeiten, die Grundbedürfnisse zu sichern. Sie liefert Nahrung, Wärme, Mobilität. Subtiler ist der Einfluss bei der Beleuchtung. Sie schafft nicht nur Sicherheit, sie kann eine Stadt auch attraktiver machen. Urbanität entstand eigentlich erst mit elektrischem Licht. Leitsysteme werden die Lebensqualität auch enorm erhöhen: Damit können Ortsunkundige Staus umfahren, und künftig werden sogar Touristen zu Fuß via Satellit geleitet und können die Stadt ganz anders erleben.
Interview: Norbert Aschenbrenner