Lebenswerte Megacities – Interview
"Veränderungen wagen"
Interview mit Jaime Lerner
Jaime Lerner (69)
war von 1995 bis 2002 Gouverneur des brasilianischen Bundesstaates Paraná und zuvor langjähriger Bürgermeister von Curitiba. Während seiner Amtszeit machte der Architekt aus der ehemaligen Dritte-Welt-Stadt eine ökologische Muster-Metropole. Wegen seiner innovativen Stadtplanung und unkonventionellen Ideen gewann Lerner viele Auszeichnungen: Er ist Träger des Umweltpreises der Vereinten Nationen und Mitglied der Clinton Global Initiative
Was ist der Schlüssel, um Städte lebenswerter zu machen?
Lerner: Anfangen heißt das Schlüsselwort – das ist schon die Hälfte des Weges. Viele Menschen in den Stadtverwaltungen haben jedoch Angst, Veränderungen zu wagen. Sie führen langwierige Diskussionen und verschleppen notwendige Entscheidungen. Wenn man den Teufel zu oft an die Wand malt, besucht er einen auch: Die Städte verlieren Zeit, und ihre Probleme werden immer größer. Seit nunmehr 30 Jahren werde ich in unzählige Seminare eingeladen, um diese Probleme zu diskutieren. Aber ich wurde nie eingeladen, um konkrete Lösungen zu besprechen. Innovation heißt jedoch, Veränderungen anzupacken.
Was haben Sie angepackt, um Curitiba in eine ökologische Muster-Metropole zu verwandeln?
Lerner: Wir hatten eine ähnliche Ausgangslage wie andere Städte – zum Beispiel kein Geld für eine U-Bahn. Also haben wir uns zusammengesetzt und uns Gedanken über das optimale Massenverkehrssystem gemacht: Günstig sollte es sein, verlässlich und vor allem auch schnell. Die Lösung war unser Busmetrosystem: Die Busse fahren auf extra Spuren – verboten für Pkw. An den Haltestellen steigen die Fahrgäste über spezielle Röhren in die Busse ein. Deren Türen sind dabei auf gleicher Höhe angebracht wie die "Boarding Tubes". Kassiert wird nicht im Bus, sondern in den Röhren. Heute finanziert sich das System selbst und transportiert pro Tag zwei Millionen Menschen – die Busse fahren in Intervallen von etwa einer Minute. Der Autoverkehr in Curitiba ist dadurch um bis zu 30 % zurückgegangen, die Investitionen von Unternehmen in unsere Stadt dagegen enorm gestiegen.
Haben Sie noch ein Beispiel?
Lerner: In meiner Zeit als Gouverneur von Paraná wurden unsere Meeresbuchten und Gewässer um Curitiba immer dreckiger. Also haben wir die Fischer animiert, Müll zu angeln, den wir ihnen dann abgekauft haben. Generell war das Wichtigste für uns, ein System der gegenseitigen Verantwortung, eine Win-Win-Situation zu schaffen: Wenn der Tag nicht gut zum Fischen ist, wird Müll geangelt – je mehr, desto sauberer die Gewässer. Je sauberer die Gewässer, desto mehr Geld für die Fischer.
Wie konnten Sie die Veränderungen durchsetzen?
Lerner: Wichtig ist vor allem die Geschwindigkeit: Die Veränderungen müssen sehr schnell geschehen – einerseits um langwierige Bürokratie zu vermeiden und andererseits um persönliche Zweifel an der eigenen Idee gar nicht erst aufkommen zu lassen. Dazu braucht man eine gewisse Sturheit. Und man muss verstehen: Demokratie ist nicht immer Konsens, sondern auch Konflikt. Stellen Sie sich vor, Sie sind Geigenspieler in einem Konzert und bemerken, dass jeder Fünfte im Publikum Ihr Spiel ablehnt. Ich würde nicht abbrechen und nach einem Konsens suchen. Ich muss mein Konzert beenden und danach mit den Leuten diskutieren.
Kann das Beispiel Curitiba auch auf andere, noch größere, Städte übertragen werden?
Lerner: Selbstverständlich. Wir haben unsere Busmetro 1974 eingerichtet. Heute verwenden 83 Städte das System – sogar Los Angeles. Um zu beweisen, dass es viel einfacher ist, als manche glauben, haben wir 1992 eine kleine Versuchslinie in New York aufgebaut. Zuerst hat man uns gesagt: "Das ist nicht möglich wegen des Verkehrsamts." Also gingen wir zum Verkehrsamt. Dort ließ man uns wissen, die Gewerkschaften würden nicht mitspielen. Also gingen wir zu den Gewerkschaften, um unsere Idee zu erklären. Danach hieß es plötzlich, die Behinderten würden das nicht akzeptieren. Also gingen wir zur Behindertenvereinigung. Nach fünf Tagen hat unser System funktioniert.
Verraten Sie uns Ihr Rezept für die lebenswerte Stadt von morgen?
Lerner: Es gibt drei Themen, die man angehen muss: Mobilität, Nachhaltigkeit und soziale Vielfalt. Die Zukunft der Mobilität liegt nach meinen Erfahrungen an der Oberfläche – schon wegen der Kosten. Man sollte also die Qualität oberirdischer Systeme verbessern. Thema Nachhaltigkeit: Wenn die Menschen in Zukunft weniger ihr Auto benutzen, näher an ihrer Arbeitsstelle wohnen und den Müll trennen, wird das die Lebensqualität enorm erhöhen. Will man eine menschlichere Stadt erreichen, muss man Einkommens- und Altersgruppen, Rassen und die verschiedenen Religionen untereinander vermischen. Nur wenn sich die Leute respektiert fühlen, entwickeln sie ein Verantwortungsgefühl für ihre Stadt.
Fahren Sie selbst Auto oder bevorzugen Sie Ihre Busmetro?
Lerner: Eigentlich gehe ich zu Fuß – aber nur ein paar Meter: Die Busmetro-Haltestelle ist direkt vor meiner Haustür.
Das Interview führte Florian Martini