Lebenswerte Megacities – Home Care und Telemedizin
Frische virtuelle Fische
Zivilisationskrankheiten wie Diabetes und Herzleiden nehmen besonders in Städten zu. Telemedizin oder spielerische Internet-basierte Informationsplattformen können bei der Vorsorge und der Betreuung helfen.
Fische im Computer: Die Teilnehmer des Spiels Fish ’n Steps tragen einen Schrittzähler. Je ausgiebiger sie sich bewegen, desto gesünder sind auch die virtuellen Fische auf dem Monitor
Menschen in Großstädten bewegen sich oft zu wenig und ernähren sich ungesund. Chronische Erkrankungen nehmen zu, was die Kosten im Gesundheitswesen nach oben treibt. "Es gibt eine ganze Reihe von Maßnahmen, mit denen wir hier die Kosten senken und zugleich die Lebensqualität verbessern können", sagt Michael Mankopf von Siemens Medical Solutions. Dazu zählt er Präventionsprogramme der Krankenkassen ebenso wie Vorsorgeuntersuchungen chronisch kranker Patienten, die etwa mit Hilfe der Siemens-Lösung Soarian Integrated Care flächendeckend organisiert werden können.
Auch die Selbstüberwachung von Patienten senkt die Kosten, da sie dann kontinuierlich zu Hause betreut werden können. "Die einzelnen Messwerte sind hier weniger wichtig als der Trend von Messung zu Messung, mit dem der Arzt eine Verschlechterung schon im Ansatz erkennen kann", sagt Alan Barbell, Produktmanager für Soarian Disease Management. Auf der Basis dieser Siemens-Lösung für die Telemedizin werden am Chester County Hospital im US-Staat Pennsylvania zum Beispiel Patienten mit chronischer Herzschwäche betreut. Das Pflegepersonal kann rechtzeitig eingreifen, wenn die Patienten über Symptome wie Gewichtszunahme, Anschwellen der Füße oder Atemnot berichten. Das kann Notarzteinsätze und Einweisungen ins Krankenhaus verhindern.
Die Patienten wählen sich jeden Morgen per Telefon von zu Hause mit einem Code ein. Ein Computer-Dialogsystem fragt nach ihrem Gewicht und Wohlbefinden. Andere Programme erfassen Blutdruck, Puls oder den individuellen Gesundheitszustand. Eine Software übersetzt die Antworten in Computerdaten. Erfahrene Krankenschwestern kontrollieren die Werte täglich und geben den Patienten telefonisch Ratschläge. "Das System kommt sehr gut an", sagt Sandra Garrison, Leiterin der Initiative Chronische Herzinsuffizienz am Chester County Hospital. "Es ist nutzerfreundlich, und die Patienten schätzen es, dass sie Ansprechpartner haben, die sie jederzeit um Rat fragen können."
Aufschlussreicher Blick ins Auge. Eine der am stärksten zunehmenden chronischen Erkrankungen ist Diabetes. Um hier die Ausgaben zu reduzieren, hat die britische Gesundheitsbehörde NHS (National Health Services) 1999 ein nationales Diabetes-Netzwerk ins Leben gerufen. Kernelemente sind Prävention und fortlaufende Überwachung. So kann eine Augenuntersuchung die drohende Folgeerkrankung diabetische Retinopathie erkennen, die unbehandelt zur Erblindung führt. Im EU-Projekt Tosca (siehe Telemedizin in Pictures of the Future, Frühjahr 2003) hat Siemens eine Reihenuntersuchung etabliert. Bei früher Diagnose lässt sich eine Erblindung in 60 bis 70 % der Fälle verhindern.
Schätzungen zufolge werden in Schottland bis 2015 etwa 8 % der Einwohner Diabetiker sein – doppelt so viele wie 2006. Mehr als jeder Zehnte davon könnte an Retinopathie erkranken. Schottland hat daher eine Vorreiterrolle übernommen und 2006 erstmals eine flächendeckende Untersuchung aller Diabetiker auf Retinopathie eingeführt. Partner war Medical Solutions. Die Augenuntersuchung erfolgte mit 72 über das Land verteilten Kameras. Die Daten wurden von geschultem Personal erhoben und in fünf regionalen Augenzentren ausgewertet. Für sämtliche Arbeitsabläufe, von den Serienbriefen an die 300 000 Patienten über die Terminplanung bis hin zur Befundung wurde die Plattform Soarian Integrated Care eingesetzt. "Ohne diese Software wären wir nicht in der Lage gewesen, diese enorme Menge an Patienten zu verwalten", sagt Projektleiterin Andrea Schulz von Siemens.
Lena Mamykina von Siemens Corporate Research (SCR) in Princeton will mit der Telemedizin auch die Lebensqualität von Diabetikern verbessern. Damit Ärzte sinnvolle Verhaltensratschläge geben können, bringt sie die Blutzuckerwerte in direkten Zusammenhang mit dem Lebensstil der Patienten. Mamykina hat in einem früheren Projekt den Haushalt von älteren Menschen mit Sensoren und Laptops vernetzt (siehe Telemedizin in Pictures of the Future, Frühjahr 2005). Jeden nächtlichen Gang zum Kühlschrank hielt sie so fest und zeigte den Patienten, wie dies ihren Zuckerwert verschlechterte.
"Heute haben wir jedoch eine Situation, in der bereits Leute Ende 30 an Diabetes Typ II erkranken", erklärt Mamykina. Sie stehen im Berufsleben und verbringen viel Zeit außer Haus. Damit sie individuell behandelt werden können, hat die Forscherin gemeinsam mit Prof. Beth Mynatt vom Georgia Institute of Technology eine integrierte Kommunikationsplattform entwickelt. Die Patienten messen vor und nach jeder Mahlzeit ihren Blutzuckerwert. Über Bluetooth werden die Werte automatisch über ein Mobiltelefon an einen Zentralrechner geleitet. Zusätzlich nehmen die Patienten mit dem Handy Fotos ihrer Umgebung auf und übertragen diese mit einer Sprachnotiz über ihr Befinden ebenfalls an den Computer.
Sowohl der Patient als auch der Arzt oder ein Pflegedienstleister können die Daten einsehen und erkennen sofort die Verbindung zwischen Gesundheitszustand und Lebensweise. Das System ist so ausgelegt, dass es nahtlos in eine Software wie Soarian Disease Management integriert werden kann. Zurzeit wird es in einer dreimonatigen Studie mit 80 bis 100 Patienten in einem Diabetes-Zentrum in New Jersey erprobt. Auch zur Überwachung anderer Erkrankungen wie der chronischen Herzinsuffizienz würde sich das System gut eignen.
Füttern mit Bewegung. Mamykinas Kollege Dr. James Lin von SCR setzt noch früher an, bei der Prävention. "Den meisten Kranken oder Übergewichtigen gelingt es nicht, ihre Lebensweise umzustellen und sich mehr zu bewegen", sagt er. Klinische Studien zeigen, dass ein Tagespensum von 10 000 Schritten ein guter Gradmesser für einen aktiven Lebensstil ist. In Anlehnung an das vor Jahren populäre virtuelle Haustier Tamagotchi hat Lin daher das Computerspiel Fish ‘n Steps entwickelt. Hier werden Fische in einem virtuellen Aquarium am Monitor dadurch "gefüttert", dass sich deren Besitzer regelmäßig bewegt. Ansonsten droht der Fisch zu verkümmern. Lin erprobte sein Konzept in einer Studie, an der 19 seiner Kollegen von SCR teilnahmen.
Jeder erhielt einen Schrittzähler, den er für die Versuchsdauer von 14 Wochen ständig bei sich trug. Legte der Teilnehmer mehr Schritte zurück, als er in einem persönlichen Ziel festgelegt hatte, wuchs der Fisch im Aquarium. Verfehlte er sein Ziel, schrumpfte er, beklagte sich und ging im Extremfall sogar ein. Lin hat auch erforscht, wie sich Gruppendruck auf das Verhalten auswirkt. Die Fische von jeweils vier Teilnehmern teilten sich ein Aquarium. Wuchs einer der Fische eine ganze Woche nicht, trübte sich das Wasser. "So gelang es uns, mehr Menschen zur Bewegung zu animieren als bei anderen Projekten", resümiert Lin, "und zwar unabhängig vom Alter oder Geschlecht." Für ihn ein klarer Hinweis, das Fish ‘n Steps das Potenzial zur Produktreife hat. "Ein interessanter Ansatz, den wir mit Interesse verfolgen", sagt auch Nicole Detambel, Leiterin des Projekts "10 000 Schritte" bei der Siemens Betriebskrankenkasse in München. Mehr als 30 000 Mitglieder der Krankenkasse haben bereits einen Schrittzähler erhalten. Anders als bei dem Spiel Fish ‘n Steps werden hier die gelaufenen Schritte letztlich in eine virtuelle Wegstrecke umgerechnet, die der Teilnehmer auf einer Landkarte im Internet zurücklegt.
Michael Lang