Lebenswerte Megacities – Fakten und Prognosen
Grundsätzlich optimistisch
In einem von Siemens unterstützten Forschungsprojekt haben erstmals 522 Entscheider aus 25 Megacities umfassend Auskunft über ihre dringendsten Probleme und ihre Zukunftsaussichten gegeben. Die Studie erarbeitete das unabhängige Forschungsinstitut GlobeScan. Es befragte im Herbst 2006 Vertreter aus Politik, Stadtverwaltung, Wirtschaft, Medien und Wissenschaft. Zugleich analysierte das Beratungsunternehmen MRC McLean Hazel zentrale Infrastrukturbereiche in acht der 25 Megacities. Die Schwerpunkte waren Verkehr, Energieversorgung, Wasser und Abwasser, Gesundheitswesen, Sicherheit sowie neue Ansätze für Finanzierung und Verwaltung.
Die Metropolen wurden in drei Kategorien eingeteilt: "aufstrebende Städte" wie Kairo, Delhi und Lagos, "Schwellenstädte" wie Istanbul, Moskau und São Paulo sowie "entwickelte Städte" wie London, New York und Paris. Jede Stadt hat ihre eigenen Probleme, die spezifische Lösungen erfordern. Aber es gibt auch gemeinsame Trends. So ist der Blick der meisten Befragten in die Zukunft überraschend optimistisch. Zwei Drittel – sowohl in entwickelten wie in aufstrebenden Städten – glauben, dass ihre Städte in den nächsten fünf Jahren erfolgreich gemanagt werden.
Wirtschaftliches Wachstum und Arbeitsplätze haben für 81 % der Interviewpartner aus dem Stadtmanagement höchste Priorität. Wichtigstes Infrastrukturthema ist der Verkehr. 27 % aller Befragten nennen ihn an erster Stelle, um die Wettbewerbsfähigkeit und die Attraktivität ihrer Stadt zu erhöhen – denn verstopfte Straßen machen Autofahrern das Leben schwer und verursachen volkswirtschaftlichen Schaden. So schätzt die Confederation of British Industry die jährlichen Kosten für Staus allein in Großbritannien auf 38 Mrd. US-$.
Mit großem Abstand folgen die Themen Sicherheit (9 %) und Energieversorgung (6%). Die Wasserver- und -entsorgung wird nur von 3 % als wettbewerbsfördernd eingestuft. Dabei kosten fehlendes Trinkwasser und nicht vorhandene sanitäre Einrichtungen nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Entwicklungsländern 170 Mrd. $ jährlich. Laut dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen leben mehr als eine Milliarde Menschen mehr als einen Kilometer entfernt von der nächsten sauberen Wasserquelle. Doch auch in Europa und den USA gibt es Probleme: Hier müssen 100 Jahre alte Wasser-Infrastrukturen überholt werden. Selbst in einer so weit entwickelten Stadt wie London geht heute ein Drittel des Wassers durch undichte Leitungen verloren. In aufstrebenden Metropolen ist dieser Anteil noch höher: In Dhaka etwa sind es 62 %.
Reife Metropolen haben oft veraltete Infrastruktursysteme. Dagegen sind in Entwicklungs- oder Schwellenländern manche Infrastrukturen gar nicht vorhanden. Das U-Bahn-System in London beispielsweise muss dringend überholt und ergänzt werden. In Karachi hingegen gibt es überhaupt kein solches öffentliches Verkehrsmittel. Berufstätige pendeln oft auf den Dächern von Bussen. Länder wie Indien und China kämpfen mit fehlenden Stromkapazitäten. Die Folge sind häufige Stromausfälle. Doch auch die OECD-Länder müssten nach Angaben der Internationalen Energieagentur von 2002 bis 2030 etwa 4 000 Mrd. $ in die Erzeugung und Übertragung von Energie investieren. In Entwicklungsländern werden dies sogar 5 200 Mrd. $ sein.
Etwa ein Drittel der Befragten sagt, dass es häufig an Geld und einer guten Planung fehlt, um die erforderlichen Investitionen zu tätigen. Dazu kommt eine ungenügende Koordination zwischen den Stadtverwaltungsebenen. Viele Befragte wünschen sich ganzheitliche Konzepte für das Stadtmanagement, doch existieren diese bisher kaum. Wenn aber investiert wird, gewinnen umweltfreundliche Lösungen weltweit an Bedeutung. So verursachen Städte etwa 80 % der Treibhausgase, decken aber nur 0,4 % der Erdoberfläche ab. Die Mehrheit der Befragten will daher in den nächsten zehn Jahren vor allem in umweltfreundliche öffentliche Transportmittel wie U-Bahnen, Straßenbahnen oder Vorortzüge investieren. Istanbul beispielsweise wird in diesem Zeitraum neben 1,6 Mrd. $ für laufende Bauvorhaben weitere 4,9 Mrd. $ für Straßenbahn- und Metroprojekte ausgeben.
Als größte ökologische Herausforderung sehen die Befragten die Luftverschmutzung, gefolgt von Verkehrsstaus. Sechs von zehn Interviewten glauben, dass die Führungsgremien ihrer Stadt wissen, welche – oft erhebliche – Rolle Infrastrukturentscheidungen für den Umweltschutz spielen können. Doch stellt man sie vor die Wahl zwischen Umweltschutz und Wirtschaftswachstum, setzt sich oft Letzteres durch – insbesondere in den Entwicklungsländern, wo 55 % der Befragten meinen, dass in ihren Städten ökologische Erwägungen zugunsten von Kapazitätssteigerungen zurückgestellt werden. In den entwickelten Städten glauben dies nur 14 %.
Bei der Energieversorgung legen die Befragten – unabhängig vom Reifegrad der Stadt – etwa zur Hälfte den Schwerpunkt auf erneuerbare Energien, zur anderen Hälfte auf fossile Energien. Die Tendenz zu umweltfreundlichen Ressourcen wie Wind oder Solarenergie ist eindeutig, aber es ist noch ein langer Weg. So stammen in Großbritannien 4 % der Energie aus erneuerbaren Ressourcen. In Moskau wird zu 95 % Gas verwendet und in Indien und China zu 75 % Kohle. Bei der Wasserversorgung setzt die Mehrheit der Experten künftig auf die Wiederverwendung von Wasser. So liefert Pekings Bei Xiaohe Abwasseraufbereitungsanlage derzeit Trinkwasser für 400 000 Menschen. Eine Verdopplung der Kapazität ist geplant.
Stadtverantwortliche setzen neben dem Ausbau von Infrastrukturen vor allem auf deren Effizienzsteigerung. Zudem sollte die Nachfrage auch aktiv gesteuert werden, was aber bisher noch zu wenig in die Tat umgesetzt wird. Dabei gibt es, etwa aus dem Bereich Verkehr, positive Beispiele. So gingen in London seit der Einführung der City-Maut im Jahr 2003 die Staus um 26 % und der innerstädtische Autoverkehr um 21 % zurück.
In Megacities leben auch immer mehr Menschen – und immer mehr ältere –, die medizinisch versorgt werden müssen. In Entwicklungsländern besteht hier erheblicher Nachholbedarf. Nach einer Analyse der WHO sterben dort jährlich allein 130 000 Menschen an den Folgen städtischer Luftverschmutzung. Mumbai z.B. gibt 25 % seines Budgets für Gesundheit aus, doch nur jeder fünfte Einwohner kommt in den Genuss einer ausreichenden Versorgung. Hauptprobleme sind zu wenige Krankenhäuser und Ärzte sowie ineffizientes Arbeiten. Investitionen müssen zusätzliche Kapazitäten schaffen, aber es gilt auch, die Qualität des Gesundheitswesens zu verbessern und die Kosten zu senken. Mehr Gesundheitsvorsorge und neue Informationstechnologien wie die elektronische Patientenakte könnten Ansatzpunkte sein.
Auch das Thema Sicherheit ist für die Lebensqualität entscheidend. Zusätzliches Personal, mehr Kapazitäten für die Strafverfolgung und eine bessere Planung können Abhilfe schaffen. 36 % der Befragten nannten Bandenkriminalität als Hauptproblem, insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern. Weitere Bedrohungen sind die Gefährdung durch Terrorismus sowie potenzielle Naturkatastrophen. Der Trend geht eindeutig in Richtung Verbrechensvermeidung: Investitionen in neue Technologien wie Überwachungskameras mit einer intelligenten automatischen Auswertung werden als wichtig angesehen.
Beim Thema Privatisierung gehen die Meinungen auseinander. Die meisten Befragten prognostizieren, dass die infrastrukturellen Einrichtungen und Dienstleistungen größtenteils in kommunalem Besitz und unter kommunaler Aufsicht bleiben werden. Gleichzeitig zeigte sich die Mehrzahl offen für Public Private Partnerships (öffentlich-private Partnerschaften, PPP). 70 % der befragten Politiker und Verantwortlichen in öffentlichen Positionen favorisieren PPP als geeignetes Mittel vor allem zur Erhöhung der Effizienz von Infrastrukturen. Dies schätzen sie sogar wichtiger ein als die reine Bereitstellung einer Finanzierung.
Allerdings setzen selbst Städte, die ihre Dienstleistungen in private Hände geben, weiterhin auf eine starke kommunale Führung und Kontrolle. Die Studie zeigt, dass die Stadtverantwortlichen verstanden haben, dass sie in Zukunft weniger als passive Verwalter, sondern vielmehr als aktive Manager von effizienten Dienstleistungen auftreten müssen.
Sylvia Trage
Quelle für alle Grafiken: Studie "„Megacities und ihre Herausforderungen", GlobeScan, MRC McLean Hazel, 2006. Download unter: www.siemens.de/megacities