Lebenswerte Megacities – Chicago
Charme des zweiten Siegers
Chicago war einst die zentrale Handelsmetropole der aufstrebenden USA und fiel dann hinter Los Angeles und New York zurück. Derzeit erlebt die Stadt wieder eine rasante Aufwärtsentwicklung.
Skyline am Wasser: Chicago bietet eine hohe Lebensqualität. Verglichen mit anderen US-Metropolen sind Wohnungen und Büromieten günstig. Außerdem ist die Stadt heute eine der sichersten des Landes
Chicago war die am schnellsten wachsende Stadt, die die Welt je gesehen hat – von 1870 bis 1900. Die Einwohnerzahl stieg von 300 000 auf über 1,7 Millionen. Bahnhof und Hafen waren die größten Umschlagplätze der USA, weil die Stadt am Südwestzipfel des Michigan Sees ideal lag: Kanäle, Seen und Flüsse verbanden Chicago mit den Großen Seen, New York, dem Mississippi bis zum Golf von Mexiko.
In dieser Boomzeit wurde auch die erste Siemens-Vertretung aufgebaut. Heute beschäftigt das Unternehmen in der Region mehr als 3 000 Mitarbeiter. Außer der US-Zentrale von Building Technologies (SBT) sitzt hier seit dem Zukauf von Bayer auch die weltweite Zentrale der molekularen Diagnostik von Medical Solutions (siehe In-vitro-Diagnostik).
Chicago ist nach wie vor ein bedeutender Handelsumschlagsplatz. Die Sicherheit der Waren und der Beschäftigten hat traditionsgemäß eine hohe Priorität. Dies ist eine wichtige Basis für die über Jahre gewachsene Verbindung von Siemens mit der Stadt", sagt Dave Mangano, Vizepräsident der regionalen Vertretung von SBT. Kein Zufall, dass sich das Geschäft auf Gebiete fokussiert, die für Wachstum entscheidend sind: Gebäude- und Industrieautomatisierung sowie viele Lösungen zum Thema Sicherheit, Energieversorgung und Telekommunikation.
1882 wurde die erste Telefonverbindung nach New York gebaut – dies läutete zugleich den andauernden Konkurrenzkampf der beiden Metropolen ein. Chicago ist mit 2,8 Millionen Einwohnern (und fast zehn Millionen in der Agglomeration) nach New York und Los Angeles die drittgrößte Stadt der USA. Der Flughafen ist der weltweit zweitgrößte, und der Sears Tower war mit 110 Stockwerken und 442 m Höhe lange Jahre das höchste Haus der Welt, bis dieser Superlativ 1998 an die Boomstädte Asiens verloren ging.
Anlass für Minderwertigkeitsgefühle gibt es in Chicago dennoch nicht, denn das Leben im Schatten der anderen Metropolen hat durchaus Vorteile. Wohnraum ist bezahlbar; es gibt Fachkräfte und attraktive Jobs, renommierte Universitäten und viele kulturelle Attraktionen, Parks und Strände. Praktisch das gesamte Ufer des Lake Michigan ist öffentlich zugänglich. "In punkto Lebensqualität steht Chicago den anderen Metropolen in nichts nach", schwärmt Rick Kogan, mehrfach ausgezeichneter Reporter der Chicago Tribune.
Überwachung am Hafen: Kameras beobachten das riesige Areal rund um die Uhr. Siemens lieferte das System und die Auswerte-Software (hier als gestelltes Szenario)
Chance auf Olympia. Chicago wechselt auf die Überholspur. Sichtbares Zeichen sind die vielen Baustellen, denn Wohnen in der Innenstadt wird immer beliebter. Selbst der New Yorker Immobilientycoon Donald Trump meint, dass sich Investitionen hier besser rechnen als in seiner Heimat New York, und so baut er mitten in der Stadt einen neuen Wolkenkratzer für Wohnungen und Büros. 2016 könnte Chicago endgültig in der Top-Liga landen, denn die Stadt hat Chancen auf die Olympischen Sommerspiele. Im Rennen der US-internen Ausscheidung ist mit Los Angeles noch einer der ewigen Konkurrenten, doch dort waren die Spiele bereits zweimal.
Helfen könnte dabei der Umstand, dass Chicago heute eine der sichersten Städte des Landes ist – trotz des Vermächtnisses von Al Capone aus der Prohibitionszeit in den 1920er- und 1930er-Jahren. Grund dafür sind laut Polizeichef Philip Cline eine Kombination aus einer erfolgreichen Verbrechensbekämpfung und technischen Lösungen. "Obwohl die Kriminalität 2005 landesweit um 2,5 % gestiegen ist, sank sie laut FBI-Statistik in Chicago um 2,4 %." Die Mordrate sank von 2002 bis 2005 sogar um 26 %. Um etwa den Drogenhandel zu bekämpfen, setzt die Polizei auf Präsenz auf der Straße und moderne Technik. Mehr als 225 Kameras in der ganzen Stadt sind drahtlos mit allen 25 Polizeistationen und der Notrufzentrale vernetzt. Siemens realisierte das Pilotprojekt für dieses umfassende Sicherheitssystem. Dazu wurden mehr als 60 Überwachungskameras installiert, die dank intelligenter Software verdächtige von normalen Szenen unterscheiden und, falls nötig, die Behörden alarmieren können (siehe Videoüberwachung in Pictures of the Future, Herbst 2006).
Nach einem tragischen Brand, der sechs Angestellte das Leben kostete, erließ die Stadt im Herbst 2004 zudem eine neue Sicherheitsverordnung für Gebäude. In diesem Rahmen installierte Siemens in zahlreichen Büro- und Wohnkomplexen eine ausgeklügelte Notrufkommunikation. Bei einem Feuer können eingeschlossene Bewohner nun direkt der Feuerwehr Informationen zu ihrer Rettung geben.
Chicagos Geschichte als Handelszentrum führte einst dazu, dass die US-Eisenbahngesellschaften die Stadt zum Knotenpunkt ausbauten. Eine dieser Linien ist die 1908 fertig gestellte South-Shore-Line, die von Pendlern und vor allem von Ausflüglern genutzt wird, weil sie einen traumhaften Blick auf den See bietet. Im Auftrag des Betreibers rüstete Siemens alle Waggons und die 25 Bahnhöfe mit digitalen, per Internet-Protokoll (IP) vernetzten Videokameras für die Sicherheitsüberwachung aus. Das IP-System bietet eine zuverlässige Infrastruktur, die rasch und wirtschaftlich erweitert werden kann.
Flughafen und Hafen sind bedeutende Wirtschaftsfaktoren. Der 1943 fertig gestellte O’Hare-Airport hat jährlich fast 80 Millionen Passagiere. Videobasierte Überwachungs- und Feueralarmsysteme von Siemens bieten höchstmögliche Sicherheit für Passagiere und Bodenpersonal. Im internationalen Hafen von Illinois mit einem Jahresumschlag von einer Million Tonnen wurde Siemens 2005 mit der Überwachung der beiden Docks Iroquois und Calumet beauftragt. Im Zuge der schärferen Sicherheitsbestimmungen an den US-Küsten wird das fast 50 000 m² große Umschlagsareal nun rund um die Uhr videoüberwacht.
Siemens lieferte hierzu das gesamte Monitoringsystem, das neben Kameras aus einer intelligenten Analysesoftware und einem Hochleistungsnetz zur Datenübertragung besteht. "Das Problem von umfangreichen Videoüberwachungen ist die Auswertung, denn kein Mensch kann pausenlos Dutzende von Bildschirmen aufmerksam beobachten", sagt Pete Vitone, Verkaufschef für Sicherheitssysteme bei SBT in Chicago. Die Software erstellt aus den Bildern der verschiedenen Kameras eine Gesamtübersicht aus der Vogelperspektive. Bei verdächtigen Aktivitäten wird automatisch Alarm ausgelöst, auf die betreffende Stelle gezoomt und das Sicherheitspersonal verständigt.
Sichere Hotels.Auch auf dem Sears-Tower hat Siemens Sicherheitslösungen installiert und betreibt sie, beispielsweise ein Feuerüberwachungs- und Alarmsystem sowie die Sicherheitseinrichtungen für die Sender auf dem Dach. Im Grand Hilton-Hotel, mit 1 544 Zimmern das größte der Stadt, und weiteren Hotels der Kette bieten Feuerüberwachungs- und Meldeanlagen von Siemens den technisch besten Schutz. "Ich wünschte, alle Hotels würden solche Anlagen einbauen, dann könnten die Gäste und meine Leute wesentlich ruhiger schlafen", sagte Cortey Trotter, damals Chef der Feuerwehr und heute Chief Emergency Officer, bei der Inbetriebnahme geradezu euphorisch, denn der Einbau wurde von Hilton ohne gesetzliche Notwendigkeit betrieben.
Rund um die Michigan Avenue haben sich viele Theater, internationale Konzerne und Banken angesiedelt. Spektakulär war 2001 die Verlegung des Boeing-Sitzes von Seattle nach Chicago. Solche Großbauten brauchen eine effi- ziente Regelung des Raumklimas. So hat Siemens in der Zentrale der Hotelkette Hyatt ein Gebäudeautomatisierungssystem installiert, das Komfort bietet und Energie spart. Das hat im Land inzwischen hohe Priorität, denn Gebäude verbrauchen rund 40 % der Energie.
Bürgermeister Richard Daley will daher auch in den Schulen drastisch Energie sparen. Siemens hat für die mehr als 600 öffentlichen Schulen der Stadt ein System zur Überwachung des Gas- und Stromverbrauchs installiert. Damit lassen sich zum einen die Werte mit den tatsächlichen Abrechnungen vergleichen und auf eventuelle Fehler überprüfen, denn schon kleine Abweichungen können sich zu Millionen Dollar addieren. Zum anderen – was noch wichtiger ist – erlaubt das System die Auswertung nach Unterschieden zwischen den Schulen. Das spart ebenfalls viel Geld – und es ist geplant, diejenigen Schulen mit den geringsten Energieverbräuchen zu belohnen. Ein Beispiel: In einer Schule im Vorort Glenbrook installierte Siemens modernste Klima- und Lichtsteuerungen und dämmte Fenster und Türen. Nun gibt die Schule pro Jahr 400 000 $ weniger für Energie aus. Viele Schulbezirke haben mit Siemens einen Energiespar-Vertrag abgeschlossen, bei dem bestimmte Einsparungen garantiert sind und sich die Investitionen über einen Teil des gesparten Geldes finanzieren.
Energiesparende Technik hat Siemens auch bei der Renovierung und dem Ausbau des Stadions der Chicago Bears verwendet. Ein Problem in dem 61 500 Zuschauer fassenden Footballstadion ist die Klimatisierung, weil in Pausen schlagartig tausende Personen in die Innenbereiche strömen. Das leistungsfähige Klimatisierungssystem kann auf den plötzlichen Temperaturanstieg schnell reagieren und die Räume auch in den Sommermonaten kühl halten. Zudem hat Siemens ein Feueralarmsystem installiert, das mit einer Sprinkleranlage Brände verhüten oder im Keim ersticken soll.
Unlängst hatten die "Bears" nach 21 Jahren wieder die Chance, den Superbowl zu gewinnen. Das jährliche Endspiel um die Football-Meisterschaft ist Amerikas größtes Sportereignis. Vor 93,2 Millionen Fernsehzuschauern verloren die "Bears" allerdings gegen die "Colts" aus dem nahe liegenden Indianapolis. Weil sich die Chicagoer an die Rolle des ewig Zweiten fast schon gewöhnt haben, feierten sie die Endspielteilnahme aber dennoch so, als wäre es ein Sieg gewesen.
Harald Weiss