Lebenswerte Megacities – Brasilien
São Paulo Superstar
São Paulo ist Südamerikas Megacity Nummer eins. Doch die schiere Größe birgt riesige Herausforderungen: bei der Wasser- und Energieversorgung wie auch beim Verkehr. Innovationen von Siemens helfen, diese Probleme zu lösen – seit mehr als 100 Jahren. Bereits 1895 eröffnete Siemens das erste Büro in Brasilien.
Größte Stadt Südamerikas: São Paulo hat einen Durchmesser von fast 80 km. Im Großraumleben 19 Millionen Menschen, die 16 % des Bruttoinlandsprodukts Brasiliens erwirtschaften
Ariane López lebt erst seit einem Jahr in São Paulo. Aber wenn sich die Siemens-Mitarbeiterin ihren Weg durch das Häusermeer bahnt, unterscheidet sie sich kaum von den meisten alteingesessenen "Paulistanos": Ohne einen guten Stadtplan bleibt fast jeder auf der Strecke – selbst erfahrene Taxifahrer. "Kein Wunder", sagt Antônio Arnaldo, ehemaliger Infrastrukturminister der Stadtverwaltung von São Paulo. "Wir sind hier in der größten Stadt Südamerikas. Im Durchmesser misst sie bis zu 80 km. In der Metropolregion leben über 19 Millionen Menschen." In diesem Schmelztiegel aus Mensch und Beton ballt sich die Wirtschaftsmacht: Etwa 16 % trägt der Großraum zum Bruttoinlandsprodukt Brasiliens bei. Über 33 000 Industriebetriebe und fast 2 000 Banken sind in São Paulo angesiedelt. Das macht die Megacity zum bedeutendsten Finanz- und Wirtschaftszentrum Südamerikas.
"In großen Dimensionen bewegen sich leider auch die Herausforderungen, mit denen wir zu kämpfen haben", sagt Arnaldo. "Etwa unsere Drainagesysteme: Vor allem nach starkem Regen sind sie den Wassermassen nicht gewachsen. In der ganzen Stadt gibt es etwa 500 Stellen, die überflutet werden können." Das Thema Wasser ist ein Dauerbrenner: Im regnerischen Sommer – von Oktober bis März – drohen Flutkatastrophen. Im trockenen Winter herrscht dagegen öfters gähnende Leere in den Reservoiren. "Wir haben einfach zu wenig Wasser für zu viele Menschen", erklärt der Infrastrukturexperte. "Ein weiteres Problem sind größere Lecks, die in den Leitungen immer wieder auftreten."
Tägliche Herausforderungen: Ob Wasserversorgung (oben) , Energie (Mitte), oder Nahverkehr (unten) – die Megacity bewegt sich ständig am Limit
So ein Zwischenfall bleibt den Technikern des halbstaatlichen Unternehmens Sabesp nicht lange verborgen: Im Lagezentrum des viertgrößten Wasserversorgers der Welt schlägt dann das Kontroll- und Überwachungssystem Power CC von Siemens Alarm. "Das System arbeitet seit Herbst 2006 und ist das modernste Südamerikas. Es misst ständig den Druck in den Leitungen und überwacht den Wasserverbrauch in den Stadtvierteln", erklärt Hélio Luiz Castro, bei Sabesp zuständig für die Wasserverteilung.
Digitaler Wassermanager. Der Ingenieur deutet auf einen Monitor, der das komplette Wassernetz São Paulos darstellt. "Auf dem Bildschirm können wir alle wichtigen Systeme und Daten auf einer Bedienoberfläche in Echtzeit kontrollieren, angefangen von den Reservoirs bis zu den Pumpstationen. Hätten wir irgendwo in der Stadt ein Leck, würde an der Stelle automatisch ein Warnhinweis über ungewöhnlich hohen Wasserverbrauch erscheinen. Dank dieser Technologie können wir fast jede Störung verfolgen und sie viel schneller beheben als bisher." Power CC kann jedoch nicht nur Schäden aufspüren. Der digitale Wassermanager sammelt überall in der Stadt Daten wie etwa die Außentemperatur und kann daraus Vorhersagen für den Wasserverbrauch ableiten. "Dadurch können wir die Aktivität unserer Pumpstationen entsprechend anpassen", sagt Castro. "Das spart Energie und verringert unsere Betriebskosten."
Etwa 67 m³ Trinkwasser pumpt Sabesp pro Sekunde in Brasiliens Megacity – doch São Paulo ist nicht nur durstig, sondern auch unglaublich mobil. Fünf Millionen Autos sind nach Angaben der Stadtverwaltung in der Millionenmetropole unterwegs und jeden Tag kommen bis zu 500 neue dazu – eine Verkehrsbelastung, die häufig eine ausgedehnte Dunstglocke verursacht. Darüber hinaus ist das U-Bahn-Netz für die Größe der Stadt noch zu klein: Knapp 60 km umfassen die vier Metrolinien – New York Citys U-Bahnen fahren dagegen auf knapp 400 Schienenkilometern.
"Um den Autoverkehr zu reduzieren und die Lebensqualität zu erhöhen, brauchen wir dringend mehr Metrolinien", sagt Infrastrukturexperte Arnaldo. "Deshalb arbeiten wir gerade an einer neuen U-Bahn-Strecke, die 2008 in Betrieb gehen soll." Der Bedarf ist damit noch lange nicht gedeckt, doch ein weiterer Ausbau wäre derzeit wohl zu teuer. "Schon jetzt zahlen wir hohe Subventionen. Würden wir den wahren Fahrpreis verlangen, könnten sich die meisten Menschen kein Ticket mehr leisten."
Gefragt sind daher Lösungen, die Kosten sparen und den öffentlichen Nahverkehr effizienter machen – wie die innovativen Energieverteilsysteme, mit denen Siemens das U-Bahn-Depot und einen Streckenabschnitt der neuen Metrolinie 4 ausrüstet. "Entlang der U-Bahn-Strecke sind in regelmäßigen Abständen kleine Umspannwerke, die den Zug mit Strom versorgen", erklärt Christiano Oliveira von Siemens Transportation Systems. "Wir haben einige dieser Werke mit gesteuerten Gleichstromrichtern ausgestattet, die Spannungsverluste vermeiden und Energie einsparen. Dadurch lässt sich der Abstand zwischen den einzelnen Umspannwerken um 15 % vergrößern – der Bahnbetreiber muss also für die gleiche Strecke weniger Werke bauen, was ihm hohe Kosten spart." Daneben hat Siemens alte Nahverkehrszüge modernisiert: Die Oldtimer aus den 1960er-Jahren bekamen nach 20 Jahren Dornröschenschlaf im Bahndepot einen neuen Anstrich und ein modernes Innenleben. Hinzu kamen noch zehn völlig neue Triebzüge. Nun bieten sie den Paulistanos eine bequeme Alternative zu endlosen Verkehrsstaus.
Enormer Energiebedarf. Buchstäblich düstere Aussichten würden den Einwohnern São Paulos drohen ohne die metallenen Adern, die ihre Stadt mit Energie versorgen: 1 000 km Hochspannungsleitungen durchziehen die Millionenmetropole wie ein Sicherheitsnetz und halten Brasiliens wirtschaftliches Herz am Laufen. Hüter des Stroms ist José Sidnei Colombo Martini, Vorstand des Energieverteilungsunternehmens CTEEP. Er hat alle Hände voll zu tun, um einen Kollaps zu vermeiden: "Der Energiebedarf São Paulos steigt immer mehr an", sagt Martini. "Deshalb brauchen wir stets neue Umspannstationen, um die zusätzliche Last bewältigen können." In einer so dicht bebauten Stadt sei das jedoch ein Problem. "Sie haben einfach zu wenig Platz, denn konventionelle Anlagen benötigen viel Raum, um Kurzschlüsse zwischen den Leitungen zu vermeiden."
Abhilfe schafft eine neue Umspannstation, die Siemens und die Partnerfirma Alusa derzeit im Viertel Anhanguera bauen. Sie braucht nur einen Bruchteil der Fläche herkömmlicher Stationen – dank der gasisolierten Schaltanlagen von Siemens. Sie umschließen die Kupferleitungen wie röhrenförmige Kapseln. Darin befindet sich Schwefelhexafluorid, ein Gas, das die mit etwa 400 kV betriebenen Leitungen sicher voneinander isoliert. Dadurch lassen sich die stromführenden Elemente in sehr geringem Abstand aufstellen. "Die Anhanguera-Umspannstation ist die größte ihrer Art in Brasilien und für São Paulo lebenswichtig", betont Martini. "Denn sie wird vor allem den Finanzbezirk der Stadt mit Energie versorgen." In Zukunft, glaubt der CTEEP-Chef, werden die Anlagen und Leitungen sogar im Untergrund verschwinden. "Dann könnte man den Platz sinnvoller nutzen und die Lebensqualität verbessern, etwa mit mehr Grünflächen. Ohne Kabel wirkt eine Stadt gleich menschlicher und weniger aggressiv."
Modernste Klinik Südamerikas. Die Zukunft ist im Hospital do Coração schon vor zehn Jahren eingekehrt: Das Krankenhaus im Herzen São Paulos ist heute das modernste Südamerikas. Siemens rüstet seit 1996 die Röntgenabteilung mit Computertomographen (CT), dem digitalen Bildverarbeitungssystem PACS sowie einer Vielzahl von weiteren Geräten aus: etwa mit einem 16-Zeilen-PET-CT-Scanner, dem ersten in ganz Lateinamerika.
"Medizin wird in Brasilien immer teurer, und die Krankenversicherungen zahlen immer weniger", sagt Klinikchef Dr. Antonio Carlos Kfouri. "Zugleich haben die Ärzte heute nicht mehr so viel Zeit wie früher. Deshalb müssen wir effizienter werden und die Prozesse beschleunigen."
Seit Einführung der neuen Siemens-Systeme konnte die Zahl der CT-Untersuchungen jedes Jahr um etwa 15 % gesteigert werden. "Wichtig ist, dass auch die Patienten von der Digitalisierung profitieren", betont Kfouri. "PACS etwa ermöglicht eine ebenso schnelle wie bessere Behandlung – wenn der Arzt seine Patienten in die Nachbarabteilung überweist, kann er deren Röntgenbild nun via Mausklick an seinen Kollegen schicken." Die medizinische Qualität von Brasiliens Hightech-Hospital hat sich herumgesprochen. Entsprechend groß sei die Nachfrage, sagt Kfouri: "Deshalb werden wir unsere Klinik um rund 12 000 m² erweitern. Aber das reicht noch nicht – ein komplett neuer Gebäudekomplex ist ebenfalls in Planung."
Um die Lebensqualität weiter zu verbessern, müssen auch die Stadtverantwortlichen mehr Geld zur Verfügung stellen. Dazu hat São Paulo vor allem das Budget für Ausbildung und Gesundheit kräftig erhöht. "Wir brauchen aber zudem kreative technische Lösungen", meint der Infrastrukturexperte Antônio Arnaldo. "São Paulo hat etwa 6 000 Ampeln, die größtenteils nicht synchronisiert sind. Mit intelligenterer Verkehrssteuerung könnten wir viel bewirken, ohne übermäßig viel Geld auszugeben." Trotz der großen Herausforderungen blickt Arnaldo optimistisch in die Zukunft: "São Paulo wird auch in zehn Jahren noch die wichtigste Stadt Südamerikas sein. Auf Dauer werden wir aber nur wettbewerbsfähig bleiben, wenn nicht der wichtigste Teil unserer Stadt auf der Strecke bleibt: unsere Einwohner."
Florian Martini