Lebenswerte Megacities – Moskau und St. Petersburg
Lok und Magnet
Alte und neue Hochhäuser charakterisieren die hektische Boomtown Moskau, während das gemächlichere Sankt Petersburg sein historisches Bild pflegt. Gemeinsam ist den größten Städten Russlands die zunehmende Verkehrsdichte und Strommangel. Zur Lösung dieser Probleme setzen die Verantwortlichen verstärkt auf Technik von Siemens.
Moskau in der Abendsonne: Viele Pendler fahren über die Moskwa am Parlamentsgebäude vorbei aus dem Zentrum. Der dichte Autoverkehr ist eines der größten Probleme der russischen Hauptstadt
Von seinem Büro im 12. Stock der Stadtverwaltung blickt Alexander Iwanowitsch Borissow in die Zukunft Moskaus. Mit Hochdruck entsteht auf einer Industriebrache im Westen ein neues Viertel. Das Moscow International Business Center (MIBC) soll neue Akzente setzen: Auf einem Quadratkilometer vereinigt das MIBC als erster Komplex dieser Art nicht nur in Russland, sondern in ganz Osteuropa Gewerbe, Wohnraum und Erholungseinrichtungen.
Namhafte Architekten haben die Gebäude dieses "Manhattans an der Moskwa" entworfen. So konzipierte Sir Norman Foster den Rossija-Turm, der einer der höchsten Wolkenkratzer Europas werden soll. "Er wird Symbol der internationalen Hauptstadt Moskau", bekräftigt Borissow, Berater von Oberbürgermeister Juri Luschkow und Generaldirektor des Moskauer Internationalen Unternehmerverbandes MIBA.
Vehement beansprucht Russlands Hauptstadt einen der vordersten Plätze in der Liga der internationalen Metropolen. Von ausländischen Investoren umgarnt, beherbergt Moskau heute die Hauptsitze aller führenden Industrieunternehmen und wichtigen Kreditinstitute Russlands. Die Stadt mit ihren 10,5 Millionen Einwohnern lockt landesweit mit den höchsten Löhnen und dominiert den Einzel- und Großhandel. "Ökonomisch übernimmt Moskau die Rolle der Lokomotive", konstatiert Borissow.
Architektonisch wächst Moskau vor allem in die Höhe. Freiflächen sind knapp, viele Fabriken werden an die Peripherie verlagert. Auf dem harten Boden der Realität verspüren Bewohner und Besucher, wie eng es geworden ist: "Moskau teilt die typischen Probleme europäischer Großstädte. Besonders stark leiden die Bewohner unter dem Verkehr", sagt Juri Rosljak, Erster Stellvertreter des Oberbürgermeisters. "Das zu verbessern, ist eine grundlegende Aufgabe", denn auch für Investoren sei eine funktionierende Infrastruktur unabdingbar.
Über 3,2 Millionen Fahrzeuge sind registriert, jährlich werden es 300 000 mehr. "Auf diesen Boom war niemand vorbereitet", gibt Rosljak zu. Trotz aller Bemühungen, das Verkehrsproblem zu entschärfen, erschweren Dauerstaus und immer mehr Unfälle den Alltag. Bisweilen müssen Fahrer selbst für kurze Distanzen Stunden einrechnen – während des Berufsverkehrs beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit der Pkw nur 6 km/h.
In Moskau gibt es mit 4,5 km Straße pro Quadratkilometer nur knapp die Hälfte der Straßenfläche von London. "Zudem fehlt eine situationsgerechte Verkehrssteuerung", erläutert Michael Abel von Siemens Intelligent Traffic Solutions. Ein Ausweg zeichnet sich auf dem Dritten Ring ab: Siemens, das mit der Stadtregierung im Dezember 2006 ein umfassendes Protokoll über Zusammenarbeit und Partnerschaft unterzeichnet hat, stattet die 34 km lange Stadtautobahn derzeit mit einem ganzheitlichen und situationsgerechten Leitsystem aus. Künftig können Geschwindigkeiten über Wechselverkehrszeichen vorgegeben, Spuren gesperrt und flexibel Empfehlungen gegeben werden. Zum System gehören eine Verkehrsrechner- sowie eine Video- und eine Wetterzentrale, entsprechende Sensoren für Verkehrs- und Wetterdaten, Kameras und die Datenübertragung. Mitte 2007 soll der Betrieb beginnen.
Effizienter Auto- und Zugverkehr: Der Dritte Ring, eine 34 km lange Stadtautobahn (oben), bekommt ein Verkehrsleitsystem von Siemens. Zwischen Moskau und St. Petersburg fährt künftig der Hochgeschwindigkeitszug Velaro (Mitte und unten). Er verkürzt die Fahrzeit von fünfeinhalb auf weniger als drei Stunden
Auch beim ruhenden Verkehr hat Moskau einen Kurswechsel beschlossen: An der Twerskaja-Strasse hat Siemens erste Parkplätze mit Parkautomaten ausgerüstet. Das ist nur ein Anfang: In einigen Jahren soll diese Technik auf 40 000 Parkplätze ausgeweitet werden. Am Flughafen Domodedowo erlaubt das neue Parkraummanagementsystem für 1 400 Plätze neben Barzahlung den Einsatz von Kreditkarten. Selbst die Nummernschild-Erkennung ist integriert; sie leistet im Kampf gegen Autodiebstahl wertvolle Dienste.
Dass Moskau "nicht nur von seinen Bewohnern, sondern auch in ganz Russland als attraktivste Stadt wahrgenommen wird", hat Juri Rosljak zufolge die Belastungen in den vergangenen Jahren noch vergrößert. So hat Moskau einen schier unstillbaren Hunger auf Energie entwickelt: Bei einer jährlichen Zunahme des Strombedarfs um acht Prozent sei damit zu rechnen, dass die nötige Kraftwerkskapazität, die gegenwärtig bei 15 GW liege, bis 2020 etwa 31 GW erreichen müsse, erklärt der in der Stadtverwaltung für den Energiesektor zuständige Sergej Romanowski. "Derzeit fehlen uns bereits Kapazitäten", räumt er ein. Im kalten Winter 2005/2006 führte Strommangel dazu, dass Privatverbraucher kurzzeitig vom Netz abgetrennt wurden.
Schwerpunkt Energie. Moskau benötigt dringend neue Kraftwerke; veraltete müssen modernisiert werden. Von etwa 20 Neubauprojekten, die im Energieprogramm vorgesehen sind, werden 14 in privater Trägerschaft sein. Das städtische Kraftwerk Strogino mit zwei Generatorblöcken, jeweils mit einer Kapazität von 130 MW, wurde von Siemens mit Gas- und Dampfturbinen ausgerüstet. Auch der Ausbau der Verteiler- und Hochspannungsnetze ist vorgesehen. "Siemens-Technologien bieten gute Lösungen für viele Aspekte der Energiewirtschaft", sagt Moskaus Energieexperte Romanowski.
Neben Transport und Energie sieht OB-Vize Rosljak gewaltige Aufgaben auch im sozialen Sektor. "In unserer langfristig angelegten Entwicklungsstrategie sind wir verpflichtet, uns darum zu kümmern, dass unseren Bürgern eine würdige Lebensqualität, bessere Wohnbedingungen sowie Beschäftigung und Zugang zu kostenloser Bildung gesichert werden". Das mache die Megacity Moskau lebenswerter. Dass die Privatwirtschaft als Partner dabei eine Schlüsselrolle übernimmt, liegt für Rosljak auf der Hand. Mit Blick auf Siemens erwähnt er beispielsweise die Medizintechnik.
Nach medizintechnischen Lösungen und Wartungstechnik herrsche in den Krankenhäusern eine große Nachfrage, bekräftigt der Radiologe Walentin Sinitsyn vom Kardiologischen Zentrum an der staatlichen Lomonossow-Universität. "Die engen Beziehungen zu Siemens reichen bis 1991 zurück", sagt er. Damals bestellte sein Institut den ersten Hochfeld-Magnetresonanztomographen in Russland für die Früherkennung von Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen. "Er liefert zeitsparend eine große Menge an qualitativ hochwertigen Informationen für die Diagnosen". Auch Angiographie-Geräte seien sehr gefragt, ergänzt Sinitsyn.
Schneller nach St. Petersburg. Wer von der Moskwa aus nach Nordwesten fährt, erreicht das 700 km entfernte Sankt Petersburg mit dem Schnellzug in fünfeinhalb Stunden. Damit die Fahrt bequemer wird, hat die Regierung acht Velaro-Züge von Siemens bestellt – für die Dauer von 30 Jahren übernimmt Siemens auch deren Wartung. Im nächsten Schritt strebt die Eisenbahn die Neutrassierung der Strecke an. Nach dem Ausbau wird die Fahrt dann mit 250 km/h weniger als drei Stunden dauern.
Historische Altstadt: Der Konstantinowski-Palast (oben) und andere Kulturgüter machen St. Petersburg zum Unesco-Kulturerbe. Das Nordwest-Kraftwerk (unten) liefert Energie für die fast fünf Millionen Einwohner
"Eigentlich war St. Petersburg, das nach wie vor eine kulturelle Führungsrolle beansprucht, von Anfang an als Großstadt mit Gewerbebetrieben nach einem konkreten Plan angelegt worden", erklärt der für Außenbeziehungen der Stadtregierung zuständige Alexander Prochorenko. Heute leiden die 4,5 Millionen Einwohner immer stärker unter dem wachsenden Verkehr. Umgehungsstraßen, ein Tunnel unter der Neva, weitere Brücken sowie zusätzliche Metro-Strecken und eine leichte Tram sollen Abhilfe schaffen. Da St. Petersburg immer mehr Energie benötigt, baute man 2001 mit Siemens-Turbinen das Nordwest-Kraftwerk. Ende 2006 nahm der zweite Generatorblock seinen Betrieb auf.
Dass "Piter", wie die Bewohner ihre Stadt liebevoll nennen, für Siemens stets eine große Rolle spielte, bekräftigt Siemens-Büroleiter Igor Werschikowski. Hier hat Carl von Siemens, der Bruder des Unternehmensgründers, bereits 1853 die erste Niederlassung in Russland eröffnet. 1991 vereinbarte das Unternehmen ein erstes Joint-venture mit dem Turbinenhersteller LMZ. Etwa 60 % aller russischen Betriebe, die Turbinen produzieren, sind an der Neva angesiedelt. Darüber hinaus ist Siemens ein wichtiger Kultur- und Wissenschafts-Sponsor. So bezuschusst das Unternehmen in der Peter- und Paul-Festung, die im historischen Stadtkern liegt, den Aufbau eines auf Kinder und Jugendliche zugeschnittenen interaktiven Technik-Museums und vergibt jährlich zehn Stipendien an besonders begabte Schüler.
Besondere Bedeutung kommt in St. Petersburg, dessen historisches Zentrum mitsamt den umgebenden Schlössern und Gärten der Zarenzeit Unesco-Welterbestätte ist, seit jeher dem Kulturgüterschutz zu. Nach dem Wiederaufbau des Konstantinowski-Palasts, der nun unter anderem als Kongresszentrum dient, lieferte die russische Firma Newiss-Komplex die Stromversorgung und Gebäudeautomation. "Siemens, das die Komponenten lieferte, hat in der Stadt einen guten Ruf, und das hat uns bei diesem Auftrag sehr geholfen", sagt Generaldirektor Alexander Schwirikassow.
Intensiver wird auch die Kooperation mit Firmen auf dem Umweltschutzsektor, sagt Igor Werschikowski. Hier geht es etwa um die Klärung von Abwasser, das über die Newa in die Ostsee fließt. "Da Finnland und das Baltikum Umweltschutz nach EU-Normen praktizieren, wird auch St. Petersburg als Nachbar immer stärker in die Pflicht genommen." Auf dem Gebiet der Abwasserreinigung tätige Unternehmen beziehen ihre Technik oft von Siemens.
St. Petersburg unterscheidet sich von Moskau vor allem durch seinen geschlossenen historischen Kern. Hochhäuser gibt es nur in Wohnsiedlungen am Stadtrand, und sie haben weniger als 25 Stockwerke. Das könnte sich ändern. Eine Tochterfirma des Gazprom-Konzerns plant ein multifunktionales Geschäftszentrum: Gazprom-City. Möglicher Standort ist das rechte Newa-Ufer im Zentrum, nahe des barocken Smolny-Klosters. Erste Entwürfe, die einen 300 m hohen Wolkenkratzer vorsahen, lösten in der Bevölkerung helles Entsetzen aus. In St. Petersburg verläuft das Leben eben doch noch ein wenig anders als in Moskau.
Thomas Veser
Die Russische Föderation verfügt über eine gewaltige Forschungslandschaft mit renommierten Hochschulen und Instituten, konzentriert unter dem Dach der Moskauer Akademie der Wissenschaften. Seit Jahren kooperiert Siemens unter anderem mit Teams der Moskauer Lomonossow-Universität auf dem Gebiet nano-kohlenstoffbasierter Materialien für den Einsatz in den Kathoden von Hochleistungs-Röntgensystemen der nächsten Generation. "Russland besitzt eine gute Reputation im Bereich der Materialforschung", sagt der für die Kooperation verantwortliche Dr. Martin Gitsels. Er leitet das 2004 gegründete Forschungszentrum von Corporate Technology (CT) in Moskau und St. Petersburg. Als weiteren Schwerpunkt nennt er die Entwicklung neuer Konzepte für Brennkammern von Turbinen. Gemeinsame Forschungen auf dem Gebiet Software und System Engineering hat Siemens neuerdings mit dem Petersburger Institut für Flug- und Raumfahrttechnik vereinbart; vor allem Methoden für die Qualitätsverbesserung sicherheitskritischer Systeme stehen hier im Vordergrund. Nicht von ungefähr fiel die Wahl auf St. Petersburg, das schon zu Sowjetzeiten als führendes IT-Zentrum galt. "Üblicherweise initiieren wir die Forschungsprojekte im Auftrag unserer Kunden bei Siemens oder von CT aus und übernehmen die anfallenden Kosten", berichtet Gitsels. Die russischen Partner ihrerseits stellen ihre Labor-Infrastruktur und ihr Know-how für die Forschungsarbeiten zur Verfügung.