Editorial
Ein gesundes, langes Leben
Prof. Dr.-Ing. Erich R. Reinhardt
ist Mitglied des Vorstands der Siemens AG und Leiter des Bereichs Medical Solutions
Die Alterspyramide kippt – immer weniger Kinder und immer mehr ältere Menschen stellen sie auf den Kopf. Mit rund 80 Jahren ist die Lebenserwartung in Industrienationen heute fast doppelt so hoch wie vor einem Jahrhundert. Weltweit wird es im Jahr 2050 mehr Menschen über 60 Jahren geben als Kinder unter 15. In den Statistiken der Vereinten Nationen sind die Über-80-Jährigen die am schnellsten wachsende Altersgruppe: Bis 2015 wird sich ihre Zahl weltweit verdoppeln, bis 2050 vervierfachen.
Ein langes Leben wünscht sich natürlich jeder. Doch für das Gemeinwesen bringt dies enorme Herausforderungen mit sich. So liegen etwa die Gesundheitsausgaben pro Kopf bei Über-75-Jährigen im weltweiten Durchschnitt fünfmal höher als bei den 25- bis 34-Jährigen. Um trotz des demographischen Wandels die Gesundheitskosten im Griff zu behalten, sind Lösungen notwendig, die größere Behandlungsqualität bei gleichzeitig geringeren Kosten bieten – dies gilt insbesondere für die stark zunehmenden Krankheitsbilder wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Alzheimer.
Ziel muss es sein, auch in Zukunft allen Menschen uneingeschränkten Zugang zu Spitzenmedizin zu bieten – und das ist nach meiner festen Überzeugung auch möglich, wenn wir heute die richtigen Weichen stellen. Der Schlüssel zum Erfolg ist eine patientenzentrierte Versorgung: hoch effizient und mit den effektivsten Prozessen. Insbesondere die Molekularmedizin und modernste Informationstechnologie werden dabei eine Schlüsselrolle einnehmen. Rasante Wachstumsraten von jährlich 10 % im Markt für Medizin-IT und bis zu 14 % bei einigen Kernfeldern der Molekularmedizin sprechen Bände, dass unsere Gesundheitssysteme im Umbruch stecken.
Wie die Beiträge in dieser Ausgabe von Pictures of the Future zeigen (Molekulare Medizin), sind die Entwicklungen der Molekularmedizin viel versprechend: Insbesondere durch die Verbindung von Labordiagnostik und molekularer Bildgebung bieten sie großes Potenzial, Krankheiten früher zu diagnostizieren – und damit besser und kostengünstiger zu heilen. Sie eröffnen darüber hinaus das weite neue Feld einer stärker personalisierten Therapie, also Behandlungspfade, die den individuellen Gesundheitszustand berücksichtigen – was die Behandlung effizienter macht (siehe Interview mit Prof. Ganten).
Der zweite Treiber des Wandels im Gesundheitswesen ist die Informationstechnik. Zum einen sorgt sie – etwa dank eines reibungslosen Datenaustausches zwischen Kliniken, Arztpraxen, Apotheken oder Versicherungen – für schnellere und effizientere Abläufe; und zum anderen hilft sie, die Datenflut zu beherrschen, die sich durch moderne Bildgebungsverfahren und die Molekularmedizin ergibt. Denn Krankheiten wie Krebs oder Herzerkrankungen entstehen durch das Zusammenwirken vieler Gene und Proteine. Wissensdatenbanken und computergestützte Analyseverfahren eröffnen die Möglichkeit, diese Zusammenhänge zu erkennen und genetisch bedingte Gefährdungen bereits vor Ausbruch einer Erkrankung zu diagnostizieren, so dass man frühzeitig gegensteuern kann (siehe Wissensbasierte IT).
Diese neuen Technologien werden einen Wandel einläuten weg von einer reaktiven, erst bei Symptomen eingreifenden Medizin hin zur wissensbasierten Präventivmedizin der Zukunft. Und schließlich hilft Informationstechnologie auch älteren oder chronisch kranken Menschen, ein möglichst erfülltes Leben in den eigenen vier Wänden führen zu können: durch intelligente Verfahren der Selbstdiagnose, Überwachung und Telemedizin (siehe Home Care und Telemedizin).
Siemens hat in den vergangenen Monaten viel getan, um auf all diesen Feldern des Gesundheitswesens die entscheidenden Trends setzen zu können – beispielsweise durch die Akquisitionen von CTI auf dem Gebiet der molekularen Bildgebung und Biomarker oder von DPC und Bayer Diagnostics im Bereich der Labordiagnostik. Damit wurde Siemens Medical Solutions zum ersten Unternehmen im Gesundheitswesen, das eine umfassende Diagnostikkette mit allen wesentlichen Lösungen der In-vitro- und In-vivo-Diagnostik in Verbindung mit modernster Informationstechnologie anbieten kann. Mit weltweit fast 7 000 Entwicklern werden wir sicherstellen, dass wir unserer Rolle als Trendsetter und Treiber des medizinischen Fortschritts auch in Zukunft gerecht werden – im Dienste unserer Partner und Kunden und zum Wohle unzähliger Menschen weltweit.