Simulationen – E-Government
Die Behörde im Computer
Bits und Bytes statt dicker Aktenberge: Wie die Verwaltung der Zukunft aussieht, demonstriert Siemens im eGovernment-Labor in Berlin.
Ob Asylantrag oder Steuererklärung, mit Hilfe der Digitaltechnik arbeiten Behörden künftig schneller und effizienter
Das trutzige Gebäude an der Berliner Nonnendammallee sieht gar nicht nach High-tech aus, doch im eGovernment-Labor (eGov Lab) von Siemens nimmt die Zukunft von Behörden Gestalt an, denn hier werden althergebrachte Verwaltungsvorgänge vom Papier in die Welt der Bits und Bytes umgewandelt. "In unserem Show-Room zeigen wir, wie die digitale Verwaltung von morgen aussieht", sagt Petra Winkler, die fachliche Leiterin des eGov Lab, und führt typische Anwendungen vor: einen elektronischen Förderantrag, das Formular E303 für die Bearbeitung von Arbeitslosengeld in der Europäischen Union oder ein Trust Center für digitale Signaturkarten.
Dieses stand auch Modell für das Trust Center, das Siemens vor kurzem für die Deutsche Rentenversicherung Bund – die ehemalige Bundesversicherungsanstalt für Angestellte – eingerichtet hat. Die dazugehörigen multifunktionalen Chipkarten dienen als Zugangskontrolle, erfassen die Arbeitszeit, melden die Mitarbeiter an den Computern an und erlauben es ihnen, Dokumente digital zu unterschreiben, um Geschäftsprozesse vollständig elektronisch und damit effizienter und schneller abzuwickeln. Im Rahmen des Projekts wurden etwa 30 000 Karten ausgegeben.
Die Server des eGov Lab, das Siemens Business Services (SBS), Communications und Fujitsu Siemens Computers 2004 eingerichtet haben, verfügen über die in Behörden üblicherweise verwendeten Betriebssysteme. Darauf sind die eGovernment-Anwendungen und die Sicherheitssoftware installiert. Zudem stehen hier Arbeitsplatzrechner, wie sie auch Behördenmitarbeiter vor sich haben. Da sich Siemens auf die Integration verschiedenster Komponenten spezialisiert hat, stammen Soft- und Hardware von Partnerfirmen wie Intel, Open Text, Microsoft, Oracle und Sun.
Wie komplex eGovernment sein kann, zeigt das Beispiel eines Projekts beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF): Für die Nürnberger Behörde hat Siemens das komplette Asylantragsverfahren digitalisiert. Da galt es, eine elektronische Aktenverwaltung mit Dokumentenmanagement- und Workflow-System aufzusetzen, 24 Außenstellen mit der Zentrale zu vernetzen und die sichere Kommunikation mit mehreren Landes- und Kommunalbehörden einzurichten. Fünf Jahre habe es gedauert, so erzählt Marc Niedenzu, Leiter der Software-Entwickung beim BAMF, bis alle 1 200 Teilprozesse elektronisch nachgebildet und angepasst waren. Rund 43 000 Erst- und Folgeanträge haben die BAMF-Mitarbeiter im Jahr 2005 mit dem neu entwickelten System angelegt. "Anfangs standen einige Mitarbeiter der Informationstechnologie reserviert gegenüber. Aber wir konnten sie überzeugen", resümiert Niedenzu. "Das System wird heute sehr gerne genutzt."
Im eGov Lab wird das BAMF-Projekt den Besuchern gegenwärtig als das Paradebeispiel für die erfolgreiche Digitalisierung einer Behörde präsentiert. "Unser Labor dient dabei in erster Linie als Plattform, auf der Siemens seine hohen Kompetenzen und langjährigen Erfahrungen beim eGovernment aufzeigt", sagt Marketingleiter Dr. Johannes Dotterweich. Daneben nutzt Petra Winklers Team das eGov Lab, um Neues auszuprobieren, etwa wenn eine neue Software auf den Markt kommt oder ein Kunde sich eine bestimmte Software wünscht. Dann testen die Techniker diese im Zusammenspiel mit anderen Komponenten.
Wie im Fall der virtuellen Poststelle: Das ist ein komplexes Programm für Behörden, das wie eine reale Poststelle Dokumente annimmt und an den zuständigen Sachbearbeiter weiterleitet. Sollen digitale Dokumente verschickt werden, so prüft die virtuelle Poststelle diese zunächst auf Echtheit und Unversehrtheit. Erst dann verschlüsselt und signiert sie die Dokumente. "Vor dem Einsatz der virtuellen Poststelle beim Kunden haben wir hier im Labor eine Modelllösung aufgebaut und geprüft", erzählt Winkler.
Derzeit entwickeln die Techniker Lösungen für den elektronischen Geschäftsverkehr zwischen Behörden und der Industrie, wie beispielsweise den Handel mit CO2-Emissionen. Auch Interessenten aus dem Ausland lassen sich im Berliner Labor die Modellbehörde der Zukunft vorführen. Mit Erfolg: So hat die Regierung von Macao ihre Bürger mit Smart-Card-basierten Ausweisen von SBS ausgerüstet, und auch Italiener und Briten weisen sich inzwischen mit vergleichbaren Bürgerkarten aus.
Werner Pluta