Infrastrukturen – Nahverkehr in Bangkok
Ein leises Rauschen
Bangkok ist berüchtigt – für seinen Smog und unvergleichlich zähe Verkehrsstaus. Doch langsam ist Besserung in Sicht: Statt auf breitere Straßen setzen die Stadtplaner der Millionenstadt nun auf umweltfreundliche Schnellbahnen – mit dem Partner Siemens.
Dem Stau entfliehen: Schnellbahnen wie der Skytrain (oben und links) oder die neue U-Bahn (darunter) bringen mehr Lebensqualität nach Bangkok. Sie sind zuverlässiger, pünktlicher und sauberer als das Auto oder die Motor-Rikscha "Tuk Tuk" (unten)
Pawinee steht in der schwülen Hitze der Bangkoker Nacht. Sie nippt an ihrem Drink, den eine Orchideenblüte schmückt. Um sie herum lachen und tanzen thailändische Jungmanager, laut wummert die Musik – doch der Krach der Straße übertönt noch das wilde Treiben. Am Eingang des Huu, einer beliebten Bar, hält die Marketing-Managerin Ausschau nach ihren Kollegen. Mit ihnen wollte sie den Feierabend verbringen; doch die stehen wieder mal im Stau. Auf vier Spuren drängen sich vor der Bar lange Autoschlangen, entnervt hupen einige den Motorradtaxis hinterher, die winzige Lücken nutzen, um schneller voranzukommen. Der Rest der Blechkolonne bewegt sich meist nur ein paar Meter. Wer in Bangkok sein Ziel mit dem Auto ansteuert, kann nie voraussagen, wann er ankommen wird. Das gilt tagsüber, wenn Geschäftsleute und Arbeiter die Straßen bevölkern, genauso wie nachts, wenn die Genusssüchtigen sich in die Diskotheken chauffieren lassen. 6,5 Millionen Menschen leben in Bangkok, im Umkreis sogar zehn Millionen – und ständig scheinen die meisten unterwegs zu sein. Pawinee Krueawiwattanakul hat selbst oft genug quälende Stunden im Stau verbracht. Heute lässt sie ihren Kleinwagen zu Hause, denn seit einigen Jahren gibt es in Bangkok eine Alternative: den Skytrain von Siemens.
Über den Dächern Bangkoks. "Seit es die Hochbahn gibt, ist die Lebensqualität in Bangkok deutlich gestiegen. Mein Auto benutze ich immer seltener", sagt Pawinee. Zwölf Meter über den Autodächern jagt der Zug mit bis zu 80 km/h dahin und spiegelt sich in den Fassaden der Hochhäuser an der Sukhumvit Road, einer der meistbefahrenen Straßen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit der Autos auf dieser Strecke beträgt seit Jahren nur einen Bruchteil davon: etwa 10 km/h.
Hier fährt auch Pawinee jeden Morgen zur Arbeit: "Mit dem Auto brauche ich nicht selten eine Stunde, mit der Bahn bin ich doppelt so schnell." Die Vorteile des Skytrains und einer neuen U-Bahn – auch von Siemens – nutzen inzwischen rund eine halbe Million Menschen am Tag. Siemens-Ingenieure haben somit geholfen, die Systeme für den gesamten Schienennahverkehr in Bangkok zu bauen. Die Anlagen sind an mehreren Umsteigebahnhöfen vernetzt. Viele Taxifahrer haben kurzerhand ihr Geschäftsmodell geändert: Als Zubringerdienst steuern sie nun immer öfter die Bahnstationen an.
"Ein Massenverkehrssystem für Bangkok war seit Jahrzehnten überfällig", sagt Dr. Anat Arbhabhirama, Vorstand des privaten Betreibers der Skytrain-Linien. Von seinem Büro aus blickt er auf das Depot und die – vorläufige – Endstation der Skytrain-Linien im Norden. Seit fast 70 Jahren lebt er nun in Bangkok und erinnert sich noch an das alte Nahverkehrssystem, das 1968 aufgegeben wurde.
Bangkoks Markenzeichen. Tatsächlich war die thailändische Hauptstadt eine der ersten Metropolen überhaupt, die sich eine Straßenbahn leistete, im Jahr 1894 wurden die Gleise verlegt. Doch die Trasse wurde kaum gepflegt, das Geld wurde stattdessen in breitere Straßen investiert – schließlich gab man die alte Trambahn ganz auf. "Ein stadtplanerischer Fehler", sagt Dr. Anat heute. Er selbst saß in der thailändischen Regierung, als immer neue Stadtautobahnen auf Stelzen gestellt wurden.
Heute stellt er lieber Gleise auf Stelzen: "Der Skytrain ist inzwischen ein Markenzeichen von Bangkok", sagt er stolz. Schließlich nutzen nicht nur Einheimische, sondern auch viele Touristen die klimatisierten Siemens-Züge – statt sich von knatternden "Tuk-Tuks" in halsbrecherischer Fahrt überteuert durch die Staus kutschieren zu lassen. Die Fahrer dieser skurrilen Motor-Rikschas tragen häufig Atemmasken – die Luft ist einfach zu verpestet.
Über der Abgaswolke rauscht der Skytrain. Der ist nicht nur interessant für alle, die schnell ans Ziel kommen müssen: Wer sich verwöhnen mag, kann etwa in der Skytrain-Station "Chit Lom" shoppen gehen oder am Bahnhof "Sala Daeng" sogar eine Gesichtsmassage buchen. Da verwundert es nicht, dass seit Inbetriebnahme 1999 die Fahrgastzahlen kontinuierlich steigen: Derzeit nutzen 300 000 bis 400 000 Fahrgäste pro Tag den Skytrain auf seiner 23 km langen Strecke. An einer Verlängerung über den Fluss Chao Phraya wird schon gebaut, kommendes Jahr soll sie in Betrieb gehen, wiederum mit Technologie von Siemens.
"Wir wussten, dass es nicht einfach wird, ohne jegliche Erfahrung ein komplexes Nahverkehrssystem aufzubauen", erinnert sich Dr. Anat. "Deshalb wollten wir für Planung und Bau einen Partner mit großer Erfahrung. So fiel die Entscheidung auf Siemens." Ein weiterer Grund: Siemens bot das gesamte Projekt als so genannte Turnkey Solution an – nach nur 39 Monaten Bauzeit konnte der Kunde das System betriebsfähig übernehmen; aus einer Hand und zum Festpreis. Ein Wartungsvertrag für die folgenden Jahre wurde gleich mit vereinbart, um die Sicherheit, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit der Züge zu gewährleisten.
Der Bauunternehmer Dr. Sombat Kijjalak beobachtete den erfolgreichen Start des Skytrain aufmerksam – und sicherte sich in einer späteren Ausschreibung die Konzession für den Bau der ersten U-Bahn-Linie. Ende 2004 ging sie mit 18 Bahnhöfen und einer Länge von 20 km in Betrieb. In einem Halbkreis führt sie entlang einiger der wichtigsten – und stauanfälligsten – Routen. "Wir haben weltweit viele Städte besucht und uns das Beste abgeschaut. Aber bei der Umsetzung brauchten wir einen Partner, der diese enorme Komplexität meistern kann. Letztlich haben wir uns auch bei der U-Bahn für eine Turnkey-Lösung von Siemens entschieden. Das versprach am einfachsten für uns zu werden", erklärt er.
U-Bahn via Luftpost: Der erste neue Triebwagen für die Metro kam mit dem Flieger nach Bangkok
Das Paket von Siemens für U-Bahn und Skytrain umfasste unter anderem die Signaltechnik, die gesamte Telekommunikation, die stromführende Schiene, Überwachungstechnik, teils Gleisarbeiten und die Züge selbst. Eine Besonderheit der U-Bahn-Stationen sind Glasfronten, die den Bahnsteig vom Tunnel trennen. Sobald der Zug steht, öffnen sich automatische Türen zum Ein- oder Aussteigen. "Das erhöht nicht nur die Sicherheit der Fahrgäste. Wir betreiben in den Stationen Klimaanlagen und die sollen nicht den Tunnel kühlen", sagt Dr. Sombat. Bei einem Brand können diese kühlen Luftströme so dirigiert werden, dass sich ein Feuer nicht unkontrolliert ausbreitet.
Verfügbarkeit übertroffen.Da der ohnehin enge Zeitplan noch beschleunigt werden sollte, wurde der erste Triebwagen für die Tests in einer Transportmaschine aus €pa eingeflogen. Das skurrile Foto – der Zug im Bauch des Flugzeugriesen – hängt auch im Büro des Siemens-Ingenieurs Reinhold Sarawinski.
Er ist verantwortlich für die Instandhaltung der beiden Zug-Systeme in Bangkok – denn als Service-Partner für die Wartung blieb Siemens nach den positiven Erfahrungen der beiden Betreiber gleich an Bord. In den ersten fünf Betriebsjahren des Skytrains wurden alle vereinbarten Verfügbarkeitswerte übertroffen: mehr als 98,5 Prozent der Fahrten erreichten ihr Ziel mit einer Verspätung von weniger als einer Minute. "Deshalb wurde der Wartungsvertrag für den Skytrain um weitere zehn Jahre verlängert," sagt Sarawinski stolz.
Damit auch die U-Bahnen ständig verfügbar sind, ist der Kontrollraum des Betreibers mit dem Siemens-Wartungszentrum vernetzt. Bei einer Störung erscheint die Meldung auf dem Bildschirm von Nuttapol Sriprapai. Dann kann der junge Ingenieur Einsatzteams, die an der Strecke stationiert sind, zur Problemstelle dirigieren. "Aber meist klemmt ohnehin nur ein Ticketautomat", beruhigt er. Hundert Meter Luftlinie entfernt, im Kontrollzentrum der U-Bahn, sitzt das Sicherheitspersonal des Netzbetreibers. Von hier erhält Nuttapol seine Meldungen. Videobeamer projizieren ein Bild des Netzes mit allen Zügen und ihren Bewegungen auf eine riesige Leinwand. Auf ihr ist noch genügend Platz – für neue U-Bahn-Linien.
Dass es rasch an den Ausbau gehen muss, darüber sind sich Dr. Anat, Dr. Sombat und die Stadtverwaltung einig. Ein Masterplan wurde im Januar 2006 vorgestellt und macht den Bewohnern Bangkoks Hoffnung auf ein dichtes Netz von zehn Linien – bisher sind es nur drei. Rot eingezeichnet ist im Plan auch der Flughafenzubringer Airport Raillink von Siemens. Er wird den neuen Flughafen, der 2006 in Betrieb gehen soll, über 28 km hinweg mit der Innenstadt verbinden – nur 15 Minuten dauert dann die Fahrt zum Airport. Derzeit werden entlang der alten Schmalspur-Gleise, auf denen Fernbahnen Richtung Kambodscha rattern, schon die Stelzen aufgebaut; auch diese Strecke errichtet Siemens als Hochbahn, die mitsamt Stationen und Ausstattung schlüsselfertig übergeben wird.
"Turnkey Solutions wirken zwar oft teurer", sagt Projektmanager Wolfgang Rueprich. "Doch wenn der Kunde Einzelaufträge vergibt, muss er alles selbst koordinieren. Bei Turnkey-Projekten hat er einen Partner, der für alles gerade steht." Böse Überraschungen, etwa bei den Kosten, kann es für den Kunden nicht geben.
Mit den drei Nahverkehrs-Projekten half Siemens dem boomenden Bangkok, seine Infrastruktur an das starke Wachstum anzupassen. Den Nutzen haben Menschen wie Pawinee. Einen Cocktail und ein paar neue Bekanntschaften später taucht endlich einer ihrer Kollegen auf. Nachdem er eine Stunde im Stau verbracht hatte, stieg er einfach aus. Die letzten Meter zur "Huu Bar" ging er zu Fuß. Hoch über seinem Kopf fährt der Skytrain – ein leises Rauschen in der Nacht.
Andreas Kleinschmidt