Infrastrukturen – Singapur
Singapur – Pionier für High-tech-Infrastruktur
Investitionen in Bildung und modernste Infrastruktur sowie Partnerschaften mit Weltkonzernen wie Siemens haben Singapur zu einer der dynamischsten Städte der Welt gemacht. Andere Länder versuchen nun, davon zu lernen.
High-tech ist Trumpf in Singapur – bei Containerhäfen ebenso wie beim Verkehr und Umweltschutz: So wird hier beispielsweise Abwasser dank Siemens Technologie in reinstes Trinkwasser verwandelt – ein Verfahren, das auch in anderen Staaten auf hohes Interesse stößt. Und auch bei vollautomatischen Mautsystemen wurde Singapur zum Vorreiter, um die Smog- und Verkehrsbelastung zu verringern
Kann Wasser Kult sein? In Singapur schon, obwohl – oder weil – die kleinen Flaschen Marke "NEWater" tatsächlich nichts anderes enthalten als gewöhnliches, reines H2O. Der Premierminister trinkt es und serviert es Staatsgästen, und der Wasserversorger Public Utilities Board (PUB) erhält regelmäßig Anrufe von Bürgern, die das Wasser gerne beziehen möchten. Sie werden nicht enttäuscht, obwohl NEWater nicht für den Einzelhandel gedacht ist. "In nur drei Jahren haben wir fünf Millionen Flaschen verteilt", erzählt Lim Chiow Giap, Direktor für Wasserversorgung bei PUB. Denn das Getränk ist eine typische Singapurer Erfolgsstory, fast so erstaunlich wie die Geschichte des Stadtstaats selbst: NEWater war nämlich Abwasser, aus dem durch modernste Technologie von Siemens reinstes Trinkwasser wurde.
Die im Stadtteil Kranji gelegene Wiederaufbereitungsanlage hat Siemens Water Technologies (damals USFilter), das zum Bereich Industrial Solutions and Services gehört, im Jahr 2002 fertig gestellt. Sie ist eines der vielen zukunftsweisenden Infrastrukturprojekte, die Singapur zu dem gemacht haben, was es heute ist: eine der dynamischsten und wohlhabendsten Städte der Welt.
Dabei hatte die ehemalige britische Kronkolonie weder Industrie, Rohstoffe noch Know-how. Doch mit geschickter Wirtschaftsplanung und mutigen Investitionen in Stadtentwicklung. Bildung, Forschung, Gesundheit und Umwelt wurde Singapur zu einer Weltstadt, in der heute auf einer Fläche halb so groß wie London 6 000 multinationale Unternehmen und 500 Finanzinstitute zu Hause sind. "Als kleine Insel mit vier Millionen Menschen haben wir keine andere Wahl, als in modernste Infrastruktur und Technologie zu investieren, um unsere Stadt lebenswert zu machen," sagt Dr. Tony Tan, einer der Architekten von Singapurs 40-jährigem Parforce-Ritt von der Dritten Welt in die Erste (Interview). "Internationale Spitzenunternehmen wie Siemens haben daran einen großen Anteil."
Aus der Not hat Singapur Konzepte entwickelt, die den Weg in die Stadt der Zukunft weisen. Um nicht im Verkehr und Smog zu versinken, installierte Singapur schon Anfang der 1990er Jahre ein vollautomatisches Mautsystem für die Innenstadt. "Bevor London die Citymaut eingeführt hat, haben sich die dortigen Fachleute ausführlich bei uns informiert", erzählt Eng Sok Yong, Group Director Policy and Planning bei der Land Transport Authority. Zur Bewältigung des Müllproblems baut die Stadt derzeit ein gewaltiges Tunnelsystem, in dem Abfall aus der Stadt transportiert wird. "Das ist eine High-tech-Lösung, denn Hygiene ist für uns Singapurer ungeheuer wichtig", erklärt Ooi Giok Ling, Professorin für Stadtplanung an der Nanyang Technological University.
Trinkwasser made by Siemens: 40 000 m³ Abwasser werden hier pro Tag in hochreines Nass verwandelt. Nanometer-feine Poren sieben dabei alle Schadstoffe heraus
Auch in der Telekommunikation gehört Singapur zur Avantgarde. Hier ist bereits der Mobilfunk der dritten Generation in Betrieb; die Netze aller drei Anbieter decken 95 % der Stadtfläche ab. Außerdem ist Singapur führend bei RFID-Systemen (Radio Frequency Identification), mit denen sich etwa der Weg von Containern weltweit verfolgen lässt. "Weil Singapur so klein ist, und die Menschen hier viel Wert auf Telekommunikation legen, sind wir oft das Land, wo neue Technologien zuerst eingeführt werden", sagt Dr. Tan Geok Leng, Chief Technology Officer bei der Infocomm Development Authority. "Damit bekommen wir zwar die ganzen Anlaufschwierigkeiten, sind dann aber diejenigen, die sie lösen und als erste davon profitieren."
Abwasser recyclen. Eine der größten Herausforderungen des Stadtstaates ist die Wasserversorgung. Mit Regen- und Grundwasser lässt sich nur die Hälfte des Bedarfs decken, der Rest muss aus dem benachbarten Malaysia importiert werden. Eine Abhängigkeit, die der Regierung Sorge machte, bis sie mit Hilfe von Siemens wieder aufbereitetes Wasser als neue Quelle entdeckte. "Natürlich ist die Vorstellung, recyceltes Abwasser zu trinken, für viele Menschen gewöhnungsbedürftig", sagt Dan Powell, Director Operations von Siemens Water Technologies in Singapur. "Deshalb mussten alle anfangs viel Überzeugungsarbeit leisten." Auch die Regierung wollte sich vergewissern, dass die Technologie hält, was sie verspricht, und beauftragte USFilter 1999 mit dem Bau einer Demonstrationsanlage für 10 000 m³ Frischwasser pro Tag. Zwei Jahre lang sollten Forscher die Wasserqualität überprüfen, doch schon die ersten Ergebnisse waren so positiv, dass die Stadtplaner noch vor Ablauf der Testphase eine Großanlage in Auftrag gaben. Im Klärwerk Kranji wurde bisher das mit herkömmlichen Methoden behandelte Wasser ins Meer geleitet. Nun werden hier jeden Tag 40 000 m³ zu Trinkwasser aufbereitet.
Wie das funktioniert, kann sich jeder Singapurer in einem Besucherzentrum erklären lassen. "Wir wollten von Anfang an Berührungsängste abbauen", erklärt Lim. "Diese Transparenz war ein wichtiger Faktor dafür, das NEWater so gut angenommen wurde." Die Reinigung erfolgt in drei Schritten: Zunächst saugt eine Pumpe das vorgereinigte Wasser durch Fasermembranen, Millionen winziger strohhalmartiger Fasern mit 0,2 µm kleinen Poren, in denen alle losen Partikel wie Staub oder Krankheitserreger hängen bleiben (Pictures of the Future, Frühjahr 2005). Alle 25 Minuten werden die Mikrofilter gesäubert, indem die Rückstände von einem Luftstrom gelockert und dann weggespült werden.
Im zweiten Schritt werden die Wassermoleküle mit hohem Druck durch Umkehrosmose gereinigt. Die Membran-Poren sind dabei so klein, dass sie nur für Wassermoleküle durchlässig sind, nicht für gelöste Verunreinigungen wie Pestizide oder Salze. In der dritten Stufe wird das bereits hochgradig saubere Wasser zusätzlich mit UV-Strahlen desinfiziert. Das Endprodukt erfüllt spielend alle Standards der Weltgesundheitsorganisation oder der US-Umweltbehörde Environmental Protection Agency – und ist zum Trinken fast schon zu schade. Abgesehen von den Flaschen, die an die Fans verteilt werden, wird nur 1 % von NEWater in die Trinkwasserreservoire geleitet. Der Rest geht an Industrien, die hochreines Wasser benötigen, beispielsweise für die Produktion von Halbleitern.
Die Folge des Erfolgs: Die Anlage in Kranji wird derzeit vergrößert. Bis 2012 will Singapur Kapazitäten für 210 000 m³ pro Tag aufbauen, um 20 % des gesamten Wasserverbrauchs mit NEWater zu decken. Und der Anteil wird sich wohl noch erhöhen. Denn der Recycling-Prozess ist ausgesprochen kosteneffektiv und billiger als andere Methoden, wie etwa die Meerwasserentsalzung. Kein Wunder, dass in Kranji mittlerweile ein reger Verkehr an Delegationen aus ganz Asien herrscht, die ebenfalls mit ihrer Wasserversorgung kämpfen. So hat das nahe Thailand in den vergangenen Jahren so viel Grundwasser aus der Erde gepumpt, dass in einigen Städten der Untergrund abzusacken droht. China baut derzeit einen 1 200 km langen Kanal, um den trockenen Norden mit Wasser aus dem Jangtse zu versorgen. Wasserrecycling bietet ihnen einen neue Alternative – und Siemens neue Märkte.
Kraftwerke und Medizintechnik. "Singapur ist der lebende Beweis dafür, dass High-tech-Lösungen für die Infrastruktur eine hervorragende Investition in die Zukunft ist", sagt Hans-Dieter Bott, Managing Director von Siemens Pte Ltd in Singapur. 2 000 Mitarbeiter in elf Geschäftsfeldern beschäftigt Siemens in Singapur und investierte bisher insgesamt über 440 Mio. US-$ in Fabriken, Forschungseinrichtungen und in das 2004 eingeweihte Siemens Center. Neben NEWater hat das Unternehmen auch für viele andere Infrastrukturprojekte Technologie und Know-how geliefert. So sind die Gasturbinen in einem von Singapurs modernsten Stromkraftwerken, Senoko, ebenso made by Siemens wie die Hälfte der hochwertigen Bilddiagnostik-Ausrüstung in den Kliniken. Dazu ist Singapur für Siemens ein attraktiver Entwicklungs- und Produktionsstandort, unter anderem für Hörgeräte und seit 2005 für modernste Bestückautomaten für die Halbleiterfertigung. "Singapur bietet ein ausgezeichnetes Geschäftsumfeld, eine exzellente Basis an Zulieferern und gut ausgebildete, motivierte Mitarbeiter, die alle Englisch als Muttersprache sprechen", erklärt Bott. "Ein Traumstandort!"
Damit das so bleibt, investiert Singapur Milliarden Dollar in Zukunftstechnologien. Zu den Schlüsselindustrien gehören dabei Information und Kommunikation, Feinchemie, Nanotechnologie, Gentechnik und Biomedizin. Mehrere Organisationen stellen dafür die Weichen: Die National Research Foundation fördert vor allem die akademische Forschung und internationale Kooperationen. So gründete die National University of Singapore im Januar 2006 mit neun anderen internationalen Elitehochschulen – darunter Oxford, Cambridge und MIT – den exklusivsten Wissenschaftsverbund der Welt, um gemeinsam zu forschen und Studenten auszutauschen. Zudem bemüht sich die Agency for Science, Technology and Research (A*STAR), industrielle Anwendungen zu entwickeln und zusammen mit internationalen Firmen zur Marktreife zu bringen. Singapur will aber nicht nur Technologien entwickeln, sondern auch eine Basis an erfahrenen Wissenschaftlern aufbauen, auf die internationale Unternehmen zurückgreifen können. Etwa 2 000 Forscher arbeiten in den zwölf Instituten, die A*STAR unterstehen. 2004 erwirtschaftete Singapur 2,25 % seines Bruttoinlandsprodukts mit Forschung und Entwicklung – in der EU sind es 1,9, in den USA 2,6 % – und dieser Anteil soll noch deutlich steigen.
Zukunftsstudien von Siemens. Ob es dazu kommt, hängt von der Auswahl der richtigen Forschungsprojekte ab. Vincent Soh, Leiter Planning & Operations bei A*STAR, und seine Kollegen suchten deshalb nach Methoden für zuverlässige Prognosen. Fündig wurden sie wieder bei Siemens – in München. Die Zukunftsstudien, die Siemens mit seinem Verfahren der Pictures of the Future erstellt, möchte A*STAR für seine eigene Planung adaptieren, zum Wohl Singapurs und anderer Städte. Denn viele Megacities schauen inzwischen nach Singapur, auf der Suche nach den Trends von morgen.
Bernhard Bartsch