Infrastrukturen – Technik für Stadien
Technik für Weltmeister
Siemens liefert komplette Infrastrukturlösungen für sportliche Großveranstaltungen auf der ganzen Welt. So auch für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006: Jahrelang haben Experten des Unternehmens auf das Mega-Ereignis hingearbeitet. Nun steckt in allen zwölf WM-Stadien neueste Technik – von der Flutlichtanlage über Sicherheitssysteme bis zum intelligenten Verkehrsmanagementsystem im Stadionumfeld.
Allianz-Arena München (oben) – eines der zwölf Stadien für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Siemens-Technik sorgt hier wie in den anderen Stadien dafür, dass die Spiele zum unvergesslichen Erlebnis werden. Dies reicht von der Außenbeleuchtung über Zugangskontrolle (unten), Sicherheits-, Gebäude- und Informationsmanagement bis zu Verkehrsleitzentralen in Berlin und im Ruhrgebiet
9. Juni 2006, 17.55 Uhr, Allianz-Arena in München. Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft, Deutschland gegen Costa Rica. Während die La-Ola-Wellen im Stadion langsam verebben und Fußballfans aus aller Welt dem Anpfiff entgegenfiebern, sind Sicherheits- und Rettungskräfte, Polizei und Stadionbetreuer nicht minder gespannt. Alle verlassen sich dabei – meist ohne es zu wissen – auf Technik von Siemens im Hintergrund.
"Alle zwölf Stadien sind bereit", freute sich Thomas Brodocz, Leiter des Projektbüros WM 2006 bei Siemens, bereits im Januar. "Wir haben unsere Lösungen speziell auf jedes WM-Stadion zugeschnitten. Installiert haben wir vor allem Gebäude- und Sicherheitstechnik, also Brandmeldeanlagen, Videoüberwachung, Beleuchtung und Zugangskontrollsysteme. Hinzu kommen Verkehrsleitsysteme rund um die Austragungsorte, das Parkmanagement und die IT- und Telekommunikationstechnik, die wir in fast jedes Stadion integriert haben." Siemens kooperierte dazu mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB), den Stadionbetreibern, den Austragungsorten und Zulieferern, um die hohen Anforderungen des Weltfußballverbandes FIFA zu erfüllen.
Bei der Allianz-Arena in München ist Siemens seit der Fertigstellung des Rohbaus im Januar 2004 beteiligt. Unter den zahlreichen technischen Highlights greift Siemens-Elin-Projektleiter Ferdinand Reisinger nur ein paar heraus. "So sind sowohl die Energieversorgung als auch die IT-Infrastruktur sind zweifach abgesichert". Sollte ein System ausfallen, wird nahtlos auf das zweite umgeschaltet. "Einzigartig ist auch die Versorgungsdichte mit 4 000 km Kabel und 800 km Lichtwellenleiter zur Datenübertragung."
Regelrecht ins Schwärmen gerät der österreichische Elektroingenieur, wenn er über die Lichtverteilung in der transparenten Stadion-Außenhaut spricht. Spektakulär beleuchten 25.400 Lampen der Siemens-Tochter Osram die 24 000 m² Außenhülle – je nach Anlass in den Farben Weiß, Blau oder Rot, entsprechend den Vereinsfarben der Münchener Fußballclubs FC Bayern und TSV 1860. Siemens hat zusammen mit dem Unternehmen Siteco eigens für die Kissenhülle der Allianz-Arena neue Leuchten entwickelt, die kaum Wärme entwickeln und zudem weniger brennbare Kunststoffteile haben. Beides war entscheidend, um die Auflagen der Brandschutzbehörden zu erfüllen.
Keine Staus: Sensoren an den Straßen erfassen die vorbeifahrenden Autos
Für die Zugangskontrolle wurden zusammen mit der österreichischen Firma Skidata neue Drehkreuzanlagen installiert, die unterschiedlichste Ticket-Typen verarbeiten können, darunter auch die neuen WM-Tickets mit integrierten RFID-Chips (Radio Frequency Identification). Sie werden kontaktlos über Funk auf eine Distanz von 10 cm ausgelesen. In Sekundenschnelle erfolgt der Abgleich, ob die Daten des Ticketbesitzers mit denen der angeschlossenen Datenbank des Ticketvermarkters übereinstimmen. So funktionieren auch die 25 weiteren Kontrollpunkte im Stadion. Sie geben den Zutritt zu bestimmten Sicherheits- und VIP-Bereichen frei. "Zur WM setzen wir zudem 80 mobile Ticketleser ein, die dann drahtlos über WLAN die Daten des Tickets mit denen in der Datenbank abgleichen", sagt Reisinger.
Geschichtsträchtiges Stadion. Ganz anders sah die Herausforderung für Siemens in Berlin aus. Dort ist am 9. Juli 2006 das WM-Endspiel. Mit über 74 000 Sitzplätzen ist das Olympiastadion die größte und älteste Arena in Deutschland. Der Massivbau aus Sandstein wurde zu den Olympischen Spielen 1936 eröffnet und ist denkmalgeschützt. Im Sommer 2000 wurde der Bau für 242 Mio. € den modernen Anforderungen angepasst. "Hier ist die perfekte Symbiose zwischen Architektur und Technik gelungen", schwärmt Detlef Reichenbacher, technischer Leiter der Olympiastadion Berlin GmbH. In keinem anderen Stadion sei die Technik so unsichtbar integriert wie hier. Kaum ein Lautsprecher ist zu sehen, das Flutlicht, die Stromzufuhr, die Sicherheitskameras – fast alles verschwindet unter den Membranen des 3 500 t schweren Dachs, das auf einer Seite offen ist und auf 22 Stützen ruht.
"Zu verdanken haben wir diese unsichtbare Technik vor allem dem außerordentlichen Zusammenspiel zwischen den Fachleuten des Denkmalschutzes, dem Architektenbüro Gerkan, Marg und Partner sowie den Ingenieuren bei Siemens", sagt Reichenbacher. "Wir haben einen Großteil der Sicherheits-, Medien- und Kommunikationstechnik mit über 300 km Kabel integriert", sagt Thorsten Müller, Siemens-Projektleiter des Olympiastadions. Darunter sind auch zwei Anlagen mit mehr als 2 300 Lautsprechern für Durchsagen in die Innenräume und die Zuschauertribünen. Siemens arbeitete eng mit den Berliner Veranstaltungstechnikern TSE zusammen, die die digital gesteuerte Stadionbeschallungsanlage lieferten. Beide Anlagen sind über Lichtwellenleiterkabel vernetzt. "Für den digitalen Datentransfer war das bisher nicht zugelassen", erklärt Müller. "Mit neuen feuerfesten Lichtwellenleiterkabeln haben wir dieses Problem gelöst."
Leitzentrale: Alle Informationen über das Verkehrsgeschehen laufen hier zusammen
Schneller am Einsatzort. Ausgeklügelt ist auch das Siemens-Sicherheitsmanagement, das alle Störmeldungen zusammenführt. So sind Rauch- und Bewegungsmelder, Notrufeinrichtungen und weitere Sensoren mit Kameras und Monitoren vernetzt. Die Vorteile einer einzigen Plattform, die viele Subsysteme verschiedenster Hersteller zusammenfasst: "Sie vereinfacht die Bedienung für das Wachpersonal", erläutert Müller. Sie teilt den Sicherheitsdiensten darüber hinaus mit, um welche Störung es sich handelt, und weist ihnen den schnellsten Weg dorthin. "Das Wachpersonal kann schneller eingreifen, denn mit der grafischen Darstellung der Störung sind im Leitstand auch genaue Anweisungen hinterlegt, was in welchem Fall zu tun ist", sagt Müller. Auch die gesamte Sicherheitstechnik der Polizei mit Videoüberwachung innerhalb und außerhalb des Stadions, die hoch über den Sitzrängen ihren Leitstand hat, wurde von Siemens installiert. "Mit fast unsichtbaren Spezialkameras können wir quer durch das Stadion bis auf maximal fünf Sitzplätze heranzoomen", erklärt Müller.
Den besten Weg finden. Nicht nur in den zwölf Austragungsorten wird die Weltmeisterschaft vier Wochen lang Wirbel machen – vor allem auf den Straßen und beim öffentlichen Nahverkehr. Viele tausend Menschen wollen ins Stadion, zu Großbildleinwänden in den Innenstädten und dann wieder nach Hause. Ludwig Ramachers sieht den Verkehrsspitzen gelassen entgegen. "Ende Mai geht der Ruhrpilot in Betrieb", sagt der Siemens-Experte, der das Verkehrsmanagementsystem im Ruhrgebiet (siehe Pictures of the Future, Herbst 2005 ) leitet und den Betrieb verantwortet. "Zug um Zug erfassen wir bereits jetzt die Verkehrsströme von und zu den Stadien und für die Innenstädte einschließlich der Autobahnen, um die einen zum Ziel zu bringen und die anderen über Ausweichstrecken an den Staus vorbei zu leiten."
Im Ruhrgebiet, Europas größtem Ballungsraum, sind bis zu sechs Millionen Menschen täglich unterwegs. Hier liegen die WM-Stadien Gelsenkirchen und Dortmund. "Auf den wichtigsten Zufahrtswegen errichten wir zusätzlich zu den bestehenden Messeinrichtungen 100 weitere Sensoren, die so genannten Traffic Eyes. Sie erfassen über Infrarot die Verkehrsdichte, Richtung und Geschwindigkeit", sagt Ramachers. Zur WM fließen dann diese Daten mit den Informationen der Verkehrsrechnerzentralen im Ruhrgebiet, des Verkehrsverbundes Rhein Ruhr und der Parkraumsysteme in der Ruhrpilotzentrale zusammen. "Darüber ermitteln wir während der WM die aktuelle Verkehrslage und geben für jedes Ziel die optimale Reiseroute und das geeignetste Verkehrsmittel über Internet und Radio bekannt." Mit solch "dynamisierten Verkehrsinformationen" ist das Ruhrgebiet bestens für den WM-Ansturm gerüstet. Integriert in den Ruhrpilot ist in Dortmund auch ein Stadionleitsystem mit Routenführung und Zuordnung der Fahrspuren, das Siemens installiert hat und das vom kommunalen Verkehrsmanagementsystem gesteuert wird. Gelsenkirchen hingegen bekam rund um das Stadion Ampeln mit intelligenter Software, die den Verkehr je nach Bedarf steuern. Alle WM-Städte und -Arenen, Sicherheitskräfte sowie die Fußballfans profitierten von den Technologien bereits während der laufenden Bundesligasaison. Für das Megaspektakel Fußball-WM zählt dann nur noch: Daumen drücken und die Ballkünste aus aller Welt genießen.
Nikola Wohllaib
237 Goldmedaillen gab es im Oktober 2005 bei den East Asian Games in Macau nahe Hongkong. Zum drittgrößten Sportereignis nach der Fußball-WM und Olympia trafen sich Sportler aus neun Ländern im neuen Macau Dome. Siemens hatte die 140 000 m² große Arena mit einem innovativen Gebäudemanagementsystem ausgestattet. Es ist mit 44 dezentralen Steuereinheiten vernetzt, bei denen Signale von 3 000 Schnittstellen eingehen. Diese erfassen Daten von Brandmeldern oder Temperaturfühlern und lösen Aktionen wie das Öffnen oder Schließen eines Ventils aus. Somit können Anlagen wie Beleuchtung, Videoüberwachung, Brandmelder sowie die Zutrittskontrolle von einem einzigen Leitsystem gesteuert und überwacht werden. Bei einem Brand melden die 1 725 Brandmelder im Stadion in wenigen Sekunden die Ursache und genaue Lage des Feuers an die Leitzentrale. Sicherheitskräfte können viel schneller reagieren als bisher. In Gebäuden ohne Vernetzung wird zwar durch die Feuermelder ebenfalls Alarm ausgelöst, die Wachleute müssen jedoch erst den Brandherd lokalisieren und Hilfe zum Unglücksort lotsen.
Zum Thema Sicherheitsmanagement zählt bei Siemens auch die Biometrie, die nicht auf Zugangscodes, sondern auf unverwechselbare menschliche Merkmale setzt (siehe Pictures of the Future, Frühjahr 2003, Beiträge Sicherheit). Ein Großteil des Firmen-Know-hows auf diesem Gebiet ist seit kurzem im Biometrics Center der Programm- und Systementwicklung von Siemens Österreich gebündelt. So werden etwa Sicherheitssysteme optimiert, die Fingerabdrücke schnell und effizient aufnehmen, die Daten verarbeiten und dann per Abgleich den Zutritt gewähren. Kurz vor dem kommerziellen Einsatz steht eine weitere Methode: die dreidimensionale Gesichtserkennung (siehe Siemens Airport Center). Bei diesem System wird ein Farbraster auf das Gesicht projiziert und von einer Videokamera aufgenommen. "Damit lassen sich eindeutig Bildpunkte zuordnen und etwa der Backenknochen dreidimensional darstellen, was auf einem simplen Foto nicht möglich ist", erklärt Ludger Weihrauch von Siemens Building Technologies (SBT) in Karlsruhe. Personen können so eindeutiger, schneller und sicherer identifiziert werden. Die 3D-Gesichtserkennung beruht auf Resultaten einer Forschungskooperation von Siemens Corporate Technology in München mit der Viisage Technologies AG in Bochum, die Marktführer bei der Gesichtserkennungstechnologie ist. Derzeit wird die Methode marktreif gemacht. Im Bereich Zutrittskontrolle verstärkte sich SBT zudem mit der schwedischen Firma Bewator, die mit etwa 300 Mitarbeitern und einem starkem Vertriebsnetz in Skandinavien und Großbritannien eine führende Position hält. Derzeit wird im schwedischen Solna ein neues Kompetenzzentrum für Zutrittskontrolle aufgebaut. "Hier werden wir neueste Trends aufspüren, unser Produktspektrum vorantreiben und den Vertrieb für alle Zutrittskontroll-Produkte koordinieren", berichtet Reinhard Kretschmer, Geschäftsleiter für Sicherheitsprodukte bei SBT im schweizerischen Zug.