Infrastrukturen – Fakten und Prognosen
Boom der Megacities
Nach einer Studie des UN-Siedlungsprogramms (UN Habitat) wird im Jahr 2007 erstmals jeder zweite Mensch in einer Stadt leben. Bis 2015 wird sich die Zahl der Millionenstädte weltweit von 300 auf etwa 560 erhöhen, 350 Millionen Menschen werden dann in Megacities mit über zehn Millionen Einwohnern leben. Die Folge: Die zunehmende Urbanisierung und das Wirtschaftswachstum erhöhen massiv den Bedarf an leistungsfähigen Infrastrukturen – etwa für Energie- und Wasserversorgung oder für Transport und Verkehr.
Die internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert in ihrem Weltenergiebericht 2005 für den weltweiten Primärenergieverbrauch bis 2030 einen Anstieg um über 50 %. Dazu tragen die Entwicklungsländer über zwei Drittel bei. Nach dem Statistical Review of World Energy von BP ist der weltweite Energieverbrauch allein in 2004 um 4,3 % gestiegen – laut Peter Davies, Chef-Volkswirt von BP, ist das in absoluten Zahlen "das größte je gemessene Jahreswachstum und das höchste prozentuale Wachstum seit 1984." Allein in China stieg der Energiebedarf 2004 um mehr als 15 %. China liegt nun mit 13,6 % des Weltenergieverbrauchs nach den USA (22,8 %) an zweiter Stelle. Zum Vergleich: Deutschland verbraucht 3,2 %, die 25 EU-Länder zusammen 16,8 %. Bis 2030 wird der kumulierte Investitionsbedarf im Energiesektor auf 17 000 Mrd. US-$ geschätzt – die Hälfte in Entwicklungs- und Schwellenländern. In China dürften sich die Stromerzeugungskapazitäten bis 2020 verdoppeln: 70 % davon Kohlekraftwerke, doch Peking hat sich auch zum Ziel gesetzt, den Anteil erneuerbarer Energien bis 2020 von derzeit 7 auf 15 % zu erhöhen.
Ähnlich groß ist der Bedarf bei der Wasser- und Abwasserinfrastruktur: Bisher sind 2,4 Milliarden Menschen nicht an eine ausreichende Abwasserentsorgung angeschlossen, 1,2 Milliarden haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die Weltbank schätzt daher den weltweiten Investitionsbedarf in den nächsten zehn Jahren auf 600 Mrd. US-$. Die überalterte Infrastruktur führt auch in den Industrieländern zu Nachholbedarf: So dürften die USA in den nächsten 20 Jahren mit einem Erneuerungsbedarf von über 450 Mrd. US-$ zu rechnen haben, urteilt die Schweizer Vermögensverwaltung Sustainable Asset Management.
Vor großen Herausforderungen steht auch die Verkehrsinfrastruktur: In Westeuropa gibt es 170 Stadtbahn- und 36 U-Bahn-Netze. Der internationale Verband für öffentliches Verkehrswesen UITP erwartet, dass diese Zahl bis 2025 um mehr als 50 % steigen wird. Bei den meisten bestehenden U-Bahnen wird die Fahrzeug- und Signalausrüstung ersetzt oder es wird auf den flexibleren und effizienteren fahrerlosen Betrieb umgestellt. In Asien verfügen viele Großstädte mit Ausnahme Japans noch nicht über ein ausreichendes Nahverkehrssystem. Nach einer Analyse des Beratungsunternehmens SCI Verkehr GmbH von 2003 könnte das Marktvolumen für Metrofahrzeuge in Asien von 430 Mio. US-$ demnächst auf über 1 Mrd. US-$ pro Jahr ansteigen. Dass dies neben der Umwelt auch der Volkswirtschaft nützt, zeigt eine Zahl aus den USA: Pro Jahr verbringen die Amerikaner 3,5 Milliarden Stunden im Stau.
Im zwischenstädtischen Verkehr werden – vor allem in Asien – Hochgeschwindigkeitszüge an Bedeutung gewinnen. Allein die chinesischen Bahnen haben 200 derartige Züge bestellt, die bis 2009 ausgeliefert werden sollen. In Japan sollen Shinkansen-Schnellzüge der zweiten Generation die bisherigen Modelle ersetzen. Und in Europa wird das HGV-Netz von 2 500 km Ende der 90er Jahre bis 2015 auf über 9 000 km anwachsen. Für 2010 prognostiziert SCI ein weltweites Marktvolumen für HGV-Züge von 3 Mrd. US-$ pro Jahr. Zudem wird der Markt für intelligente Systeme bei der Bahn – Elektronik, Sensorik und Computer- und Kommunikationstechnologie – stark wachsen, allein in Europa nach einer Frost & Sullivan Studie aus dem Jahr 2005 von 1,1 auf etwa 1,6 Mrd. US-$ pro Jahr bis zum Jahr 2011.
Sylvia Trage