Infrastrukturen – Experten-Interview
"Wofür andere 50 Jahre brauchen, benötigen wir fünf"
Interview mit Tony Tan
Einer der Väter von Singapurs wirtschaftlichem Erfolg ist Dr. Tony Tan (66). Von 1995 bis 2005 war er stellvertretender Premierminister des Stadtstaats. Davor leitete er nacheinander die Ministerien für Finanzen, Bildung, Gesundheit, Handel und Wirtschaft, sowie Sicherheit und Verteidigung. Heute ist Tan Vorsitzender der National Research Foundation. Diese mit Befugnissen und Kapital gut ausgestattete staatliche Institution wurde im Januar 2006 gegründet und soll die Bemühungen Singapurs unterstützen, ein internationaler Knotenpunkt für Forschung und Entwicklung zu werden
Als Singapur 1965 die Unabhängigkeit erhielt, war es ein Dritte-Welt-Land. Heute ist es eine der reichsten und dynamischsten Regionen Asiens. Was ist das Geheimnis des Erfolgs?
Tan: Wir sind tatsächlich auf dem Weg zum Industrieland ein gutes Stück vorangekommen. Aber dafür gibt es keine geheimnisvollen Ursachen. Wir haben in Infrastruktur der Spitzenklasse, gute Ausbildung und in die Umwelt investiert. Wir haben den Wettbewerb angenommen, unsere eigenen Stärken und Schwächen konsequent analysiert und unser Land für Einwanderung und Handel geöffnet. Dass dies alles wichtige Zutaten für den Erfolg sind, ist allgemein bekannt, aber wir haben es eben auch in die Tat umgesetzt. Die größte Herausforderung steht uns jedoch noch bevor.
Welche meinen Sie?
Tan: Zwei Trends verändern derzeit die Welt: zum einen der Aufschwung in Asien – vor allem China und Indien steigen im 21. Jahrhundert zu Wirtschaftsriesen auf. Sie verfügen über fast die Hälfte der Weltbevölkerung und die höchsten Wachstumsraten weltweit. China hat seine Infrastruktur in den letzten 20 Jahren enorm ausgebaut. Indien ist da etwas langsamer, holt aber spürbar auf. Der zweite Trend ist die Globalisierung. Durch Internet und Echtzeit-Kommunikation wird die Welt immer enger vernetzt. Das wirkt sich auf uns alle aus. Unternehmen wie Siemens müssen weltweit operieren und Entwicklung, Produktion, Vertrieb und Marketing koordinieren. Auch Singapur muss sich auf diese Entwicklungen einlassen – und wir sehen große Chancen für uns.
Worin sehen Sie die Vorteile?
Tan: Das Wachstum in China und Indien wird die gesamte Region beleben. In Singapur nehmen Produktion und investiertes Auslandskapital stetig zu – und das wird auch so weitergehen. Dadurch können wir immer mehr höherwertige Produkte fertigen. So haben wir anfangs Radio- und Fernsehgeräte zusammengebaut. Das machen wir zum Teil immer noch, aber inzwischen stellen wir auch Computerchips her, und seit kurzem auch biomedizinische Produkte. Vor fünf Jahren gab es in Singapur praktisch gar keine biomedizinische Industrie – und jetzt macht sie bereits 6 % unseres Bruttoinlandsprodukts aus.
Welche Rolle spielt eine leistungsfähige Infrastruktur in diesem Zusammenhang?
Tan: Wir sind dabei, unsere gesamte Infrastruktur immer weiter zu verbessern. Damit wollen wir unsere Wirtschaft wettbewerbsfähiger und unser Lebensumfeld angenehmer machen. Ein Beispiel ist unser Flughafen. Sowohl für Passagiere als auch für Güter sind wir ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt geworden – wir bauen gerade ein drittes Terminal. Gleichzeitig investieren wir in den Ausbau von Straßen, Kläranlagen, Kommunikationssystemen und so weiter.
Wie können Unternehmen wie Siemens die Republik Singapur unterstützen?
Tan: Siemens ist hier bereits seit vielen Jahren ansässig und hat sehr erfolgreich an unserem Wirtschaftswachstum mitgewirkt, etwa bei der Wasseraufbereitung. Großes Potenzial sehen wir auch bei Forschung und Entwicklung (F&E). Investitionen und Wirtschaftswachstum gehen immer mehr dorthin, wo das Know-how sitzt – daher will Singapur eine Talentschmiede werden. Unser Ausbildungssystem ist Weltklasse, und wir verfügen über hoch attraktive F&E-Einrichtungen. Für die nächsten fünf Jahre hat die Regierung mehr als 7,4 Mrd: US-$ für F&E im öffentlichen Sektor vorgesehen. Unsere F&E-Einrichtungen, Behörden und die Industrie arbeiten dabei sehr eng mit Firmen wie Siemens zusammen, um die Produkte von heute und morgen zu entwickeln.
Aber auch China verbessert sein Universitätssystem stetig und erfolgreich. Wie stellen Sie sich auf den Wettbewerb ein?
Tan: Natürlich müssen wir mit China rechnen. Doch ich glaube, dass Weltklasse-Firmen wie Siemens auch weiterhin in Singapur investieren werden – einer der Gründe ist einfach, aber wichtig: Wir respektieren geistiges Eigentum nicht nur, wir schützen es. Bei jeder Hochtechnologie, die man nach China bringt, läuft man nach wie vor Gefahr, dass sie raubkopiert wird und damit verloren geht. Auch fühlen sich Ausländer in Singapur sehr wohl. Sie leben gerne hier, weil wir sehr offen sind, eine saubere Umwelt haben und über ein hervorragendes Gesundheitswesen verfügen. Oder nehmen Sie die Forschung: Unsere Universitäten kooperieren mit Top-Universitäten wie dem Massachusetts Institute of Technology in Boston. Von 600 Absolventen unserer Unis wollen 70 Prozent in Singapur bleiben und arbeiten. Ein weiterer Vorteil für ausländische Investoren ist, dass alle Singapurer Englisch sprechen. Denn das ist die Sprache, die wir in den vergangenen 40 Jahren in unseren Schulen und im öffentlichen Dienst gesprochen haben.
Und wie wollen Sie den Wettbewerbsvorteil Singapurs sichern?
Tan: Einer unserer Vorzüge ist, dass in Singapur die Umsetzung einer Idee nicht so lange dauert wie in vielen anderen Ländern. Wir können schnell handeln und uns gut organisieren. Das liegt zum Teil daran, dass wir keine Landbevölkerung haben. Was Singapur in fünf Jahren schafft, dauert anderswo vielleicht fünfzig Jahre. Und es gibt noch einen weiteren Erfolgsfaktor, der der Grund für unseren stark ausgeprägten Forscherdrang sein könnte: Wir sind bereit, Risiken auf uns zu nehmen.
Mit eindrucksvollen Ergebnissen...
Tan (lacht): Klopfen wir auf Holz – bisher waren wir entweder sehr clever oder hatten unglaubliches Glück.
Angesichts der Urbanisierung werden Lösungen gebraucht, die Städte lebenswerter machen. Könnte Singapur auf diesem Gebiet ein Vorzeigemodell sein?
Tan: Ich glaube nicht, dass wir uns selber als Modell sehen sollten. Doch es gibt sicher Dinge, von denen andere lernen können. Zu uns kommen viele Delegationen aus China und Indien – und sogar aus europäischen Städten. Wir teilen unsere Erfahrungen gerne, denn auch wir haben von dem profitiert, was wir anderswo gesehen und auf Singapur übertragen haben.
Wie wird Singapur in zehn Jahren sein?
Tan: 2015 wird Singapur eine Weltstadt sein – kosmopolitisch, mit hohem Lebensstandard und einer sehr guten Infrastruktur. Ein Knotenpunkt für Handel, Medien und Forschung, vollkommen vernetzt mit dem Rest der Welt. Außer den Singapurern werden hier viele Menschen aus China, Indien, Europa und Amerika arbeiten. Singapur wird eine Menge bieten: interessante Jobs, Unterhaltung, gute Wohnungen, Shopping und Restaurants mit Köstlichkeiten aus aller Welt. Kurz gesagt: Singapur wird eine sehr aufregende Stadt zum Leben sein.
Das Interview führte Bernhard Bartsch