Infrastrukturen – Abgelegene Regionen
Zeitsprung in die Moderne
Elektrizität, sauberes Trinkwasser und Telekommunikation sind unerlässlich für eine moderne Zivilisation und die Basis für Wohlstand. Doch wie bringt man Strom und Telefone dahin, wo es nicht einmal Straßen gibt? Siemens-Projekte in Afrika und Asien machen es vor.
Für eine bessere Zukunft: Dank Solarstrom haben Dörfer wie Antsia in Gabun nun entkeimtes Trinkwasser und Licht in der Nacht
In Afrika hört man häufig Geschichten wie diese: "Vor sieben Jahren wollte die Regierung von Gabun Antsia elektrifizieren", erzählt Henri Randriamanana vom Siemens-Bereich Power Transmission and Distribution (PTD). In dem tief im afrikanischen Dschungel gelegenen Dorf wurden Strommasten und Dieselgeneratoren aufgestellt. Die Generatoren liefen zwei Monate, dann gingen die Lichter in Antsia wieder aus. "Wegen der schlechten Straßen war es unmöglich, das Dorf mit Diesel zu versorgen", sagt Randriamanana.
Doch trotz der abgeschiedenen Lage hat Antsia heute Strom. 40 Laternen erleuchten nachts die Dorfstraßen, eine Wasseraufbereitungsanlage mit drei Entnahmestellen liefert entkeimtes Trinkwasser. Möglich wurde dies durch ein Projekt des Gabuner Energieministeriums. Siemens erhielt den Auftrag, 100 abgelegene Dörfer wie Antsia mit Solarstrom zu versorgen. Im Dezember 2005 kam Projektleiter Randriamanana mit seinem Team nach Antsia und baute dort die Solarlaternen sowie eine 900-W-Solarstromversorgung für die Wasseraufbereitungsanlage auf.
"Diese Anlage, die aus einer Pumpe, einem Sandfilter und einer UV-Desinfektionsanlage besteht, war die wichtigste Verbesserung. Für die Menschen im Dorf ist dadurch eine neue Ära angebrochen", konstatiert der Ingenieur. "Die Kindersterblichkeit sinkt um 80 %, wenn das Wasser frei von Bakterien und Bilharziose-Larven ist." Die Straßenlaternen haben außerdem das Dorfleben völlig verändert. "Abends, wenn die Temperaturen auf erträgliche Werte absinken, kommen die Menschen jetzt zusammen, singen, trommeln und tanzen. Die Frauen stampfen draußen Maniok, flechten Körbe oder nehmen Fische aus", erzählt der Siemens-Projektleiter. "Die Beleuchtung brachte den Dorfbewohnern zudem mehr Sicherheit. Nachts kamen früher häufig Drogenschmuggler über die nahe Grenze zum Kongo und terrorisierten die Dorfbewohner. Das ist jetzt vorbei."
Die Solaranlagen, so hofft die Regierung, sollen die Entwicklung der geförderten Dörfer vorantreiben. Die Elektrizität bringt nicht nur Licht und sauberes Wasser in den Dschungel. Sie kann auch Gesundheitsversorgung und Bildung drastisch verbessern. In einigen der Solardörfer wurden Schulen mit einem Stromanschluss ausgestattet, was den Einsatz von Computern, Radios oder DVD-Spielern ermöglicht. Sogar der Zugang zum Internet ist über eine Satellitenverbindung nun denkbar. Einige Krankenstationen haben jetzt Strom für einen Kühlschrank oder einen Ventilator. Andere Dörfer nutzen die Elektrizität, um die Hütten innen zu beleuchten. Dadurch werden so genannte Glühstrumpflampen überflüssig, die mit Gas oder Petroleum betrieben werden und extrem gesundheitsschädliche Abgase produzieren. "Viele afrikanische Kinder leiden wegen dieser Lampen an Lungenschäden", berichtet Albin Schneider, Regionalleiter für Afrika bei Siemens PTD in Erlangen.
Die Solaranlagen, die Randriamanana und sein Team unter teils abenteuerlichen Bedingungen in die gabunischen Dörfer brachten, sind eigens für den Einsatz in Afrika entwickelt worden. "Unsere Ingenieure mussten monatelang tüfteln, bis alles stimmte", sagt Schneider. Heute reichen ein Schraubendreher, ein Satz Schlüssel und Muskelkraft aus, um die Anlagen aufzubauen – Bohrmaschinen oder gar Kräne gibt es im Dschungel nicht. Ein spezieller Lack verhindert, dass das aggressive Tropenklima den mannshohen Schaltschränken etwas anhaben kann. Die Bleibatterien, in denen der tagsüber erzeugte Strom gespeichert wird, sind sehr langlebig. Schneider: "Nach fünf Jahren haben sie noch bis zu 80 % der Leistung." Das Interesse von Nachbarländern wie Kamerun, Kongo und Äquatorial-Guinea ist entsprechend groß. Auch dort gibt es ausgedehnte Dschungelgebiete ohne Anschluss ans Stromnetz.
Anruf aus dem Dschungel. Auch ein festes Telefonnetz fehlt in weiten Teilen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Doch wie ein Siemens-Projekt in Vietnam zeigt, brauchen Menschen selbst im Dschungel oder im Gebirge nicht auf Telekommunikation zu verzichten. Im Auftrag der Vietnam Posts and Telecommunications Corporation (VNPT) schließt Siemens bis Sommer 2006 insgesamt 400 Dörfer über ein so genanntes Wireless-Local-Loop-System ans Festnetz an. Die "letzte Meile" zwischen den Dörfern und den festen Telefonleitungen wird dabei mit Funktechnik überbrückt. Nguyen Ba Thuoc, Vizepräsident von VNPT: "Wir hoffen, dass der Zugang zur Telekommunikation die sozio-ökonomische Entwicklung in der Region stimuliert." Bildung und Tourismus könnten besonders profitieren, sagt Nguyen Thi Thu Huong von der Siemens-Niederlassung in Hanoi: "Außerdem können die Dorfbewohner nun auch im Notfall schnell mal einen Arzt verständigen".
Mitten im vietnamesischen Dschungel: telefonieren dank Funktechnik
Tempo dank Glasfaser. Wie in Vietnam entwickelt sich der Telekommunikationsmarkt auch in einigen afrikanischen Ländern derzeit rasant. "In Nigeria ist die Zahl der Mobilfunkteilnehmer innerhalb von zwei Jahren von null auf zehn Millionen gestiegen", sagt Mladen Risticevic von Siemens Ltd. Nigeria. Siemens ist seit den 1950er Jahren in dem westafrikanischen Land tätig und hat 70 % des Festnetzes dort aufgebaut, darunter ein 6 000 km langes Glasfasernetz. Im Augenblick arbeiten Risticevic und seine Kollegen daran, das Mobilfunknetz auszubauen. Keine einfache Aufgabe. Risticevic: "Im Norden des Landes herrscht Wüstenklima, im Süden stehen die Städte während der Regenzeit regelrecht unter Wasser, außerdem fällt der Strom mehrmals täglich aus." Die Mobilfunktürme brauchen eine Notstromversorgung mit Klimaanlage, die Schaltkästen müssen absolut wasserdicht sein. Eine Million Mobilfunkanschlüsse hat Siemens inzwischen realisiert.
Auch in Kenia, dessen Hauptstadt Nairobi sich zum größten Finanz- und Geschäftszentrum Ostafrikas entwickelt, boomt die Telekommunikation. Bislang ist das Land mit der größten Internet-Gemeinde Afrikas allerdings nicht an das weltweite Breitbandnetz angeschlossen. Der Zugang zum Internet oder Telefonate nach Amerika sind nur über Satellit möglich – zu astronomischen Preisen. Bis Ende 2006 soll sich das ändern: Siemens baut zur Zeit im Auftrag des Netzanbieters Kenya Data Networks (KDN) ein 1 140 km langes Glasfasernetz, das die Küstenstadt Mombasa mit Nairobi verbindet und weiter nach Uganda führt. Das Hochgeschwindigkeitsnetz kann bis zu 10 Gbit/s übertragen. In Mombasa soll das kenianische Netz ans ostafrikanische Seekabel angeschlossen werden, das ab 2007 von Südafrika bis zum Sudan führen wird. "Damit wird Kenia ins globale Breitband-Kommunikationsnetz integriert", sagt Kai Wulff, Managing Director von KDN.
In den mehr als 100 Jahren, die Siemens schon in Afrika tätig ist, legt der Konzern auf eines besonderen Wert: "Es ist wichtig, örtliche Mitarbeiter zu beschäftigen, sie gut auszubilden und ihnen schließlich die Verantwortung zu übertragen", betont Albin Schneider. Nur so ließe sich vermeiden, dass gut gemeinte Initiativen als teure Fehlinvestitionen enden – wie einst die Dieselgeneratoren von Antsia.
Ute Kehse
Das Inkosi Albert Luthuli Central Hospital (IALCH) bei Durban ist auf jeden Patienten vorbereitet: Das staatliche südafrikanische Krankenhaus besitzt sämtliche Fachabteilungen, und es gibt dort auch Spezialisten für Knochenmark- und Organtransplantationen, plastische Chirurgie, Reproduktionsmedizin und die Versorgung von Brandopfern. "Das 2003 eröffnete IALCH ist das modernste Krankenhaus Afrikas", sagt Wolfgang Christian, Geschäftsführer von Siemens Medical Solutions in Südafrika, nicht ohne Stolz. Denn die technische Ausstattung des 850-Betten-Hauses, vom Telefon über das IT-System bis hin zu Magnetresonanz-Tomographen und Laborgeräten, stammt weitgehend von Siemens. "Unser Traum war es, ein Weltklasse-Krankenhaus zu bauen", sagt Professor Ronald Green Thompson, Gesundheitsminister der bevölkerungsreichsten südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal. Neben der hochmodernen Ausstattung besticht das IALCH auch durch das Geschäftsmodell der Public-Private-Partnership. Die Provinz stellt das Gebäude und das medizinische Personal. Alle nicht-medizinischen Aufgaben wie Gebäudemanagement, Geräteausstattung und -wartung übernimmt ein Konsortium aus fünf Firmen zu einem monatlichen Festpreis.
Diese Lösung hat für beide Seiten Vorteile. "Wir können uns jetzt voll auf die Versorgung der Patienten konzentrieren", sagt Fikisiwe Zondi, Geschäftsführerin des Krankenhauses. Das Konsortium, dessen größter Partner Siemens ist, stellt im IALCH unter Beweis, dass es den höchsten Ansprüchen gerecht wird. Geschäftsführer von Siemed, einer Tochter von Siemens Medical Solutions, und zuständig für die Wartung und Lieferung sämtlicher medizinischen Gebrauchsgegenstände und Geräte. Besonders stolz ist die Provinzregierung darauf, dass das Krankenhaus papierlos arbeitet. Sämtliche Labordaten, Röntgenbilder und medizinischen Berichte eines Patienten werden in einer elektronischen Akte gesammelt, die von jedem der 1 300 PC und Notebooks aus schnell zugänglich ist. Herz des papierlosen Netzwerks ist die syngo-Plattform von Siemens, die es ermöglicht, Bilder mit den unterschiedlichsten Geräten aufzunehmen und zwischen den verschiedenen Workstations elektronisch zu verschicken. "Das papierlose System steigert die Effizienz der medizinischen Versorgung enorm", berichtet Stuart Gray. Auch die Provinzregierung ist zufrieden mit der Arbeit des Konsortiums. Green-Thompson: "Dank des Engagements aller Partner ist dieses Projekt ein voller Erfolg."